Wie wir in den letzten Monaten gelernt haben, gibt es 1001 Wege, uns auf den Magicbus –diesen hier so exotischen Wagen—anzusprechen. Den Kreativsten aber hören wir heute Morgen, zugerufen aus einem vorbei pesenden Golfcaddy: „Where are you goin´ with THAT small cage??“
Eine wirklich gute Frage: wohin wollen wir eigentlich mit diesem kleinen Käfig?
Zu allererst wohl erstmal bis Natchez. Einmal über die Brücke, einmal über den Mississippi – nach Mississippi. Unser Ausflug in den nächsten Staat wird heute zwar nur ein kurzer, allerdings ins angeblich „diverseste Dörfchen“, dass Amerikas ärmster Staat zu bieten hat.
Natchez hat sie alle gesehen: die Indigenen, die Spanier, die Franzosen, die Jazzer, die Blueser, die Plantagenbesitzer und vor allem die traurige Sklavengeschichte.
Ein uriges Örtchen direkt am Mississippi, auf dem ein letzter Dampfer seiner Art auf Touristen wartet. Ein knuffeliges Dörfchen, das knallhart mit der Weihnachtsdeko beginnt: inklusive Drive-through am Ufer des Flusses. Ein pfiffiges Städtchen, das sogar in HopOn-HopOff-Busse investierte – selbst, wenn die Kutschen nicht belegt sind. Und in der katholischen Kirche gibt es ein Geburtstagskerzchen mit der Hoffnung, dass im Himmel heute Streuselkuchen serviert wird.
Dass wir mitten auf der ehemaligen Plantage von Natchez landen, war eigentlich nicht geplant. Wir fahren diesen Ort lediglich an, da unsere Karte weiß, dass sich hier eine öffentliche Toilette befindet. Wer kann schon etwas mit dem Namen „Melrose“ anfangen?
Vollkommen unverhofft stehen wir plötzlich knietief in einem sehr dunklen Teil der amerikanischen Geschichte.

Historisch und auch architektonisch ist dies sicherlich ein spannender Platz. Mein 6-jähriges Ich wäre außer sich: mitten in „Fackeln im Sturm“ und Patrick Swayze macht mir einen Heiratsantrag.
Damals schon habe ich vor dem Fernseher aber verstanden, dass die Sklaverei etwas zu tiefst Unrechtes ist. Nun zwischen Wänden zu stehen, die Originalschauplatz dieses Grauens sind, macht sprachlos. Nicht nur, weil es so nicht geplant war.
Noch sprachloser aber macht, dass der dunkle Teil der Plantagenwirtschaft weitestgehend ausgeblendet ist. Die Sklavenbehausungen sind nett zu Recht gemacht, so dass der Eindruck entstehen könnte: Jo, was hamm´s denn!? Ist doch alles geräumig und frisch gestrichen.
An der Infowand steht nicht, wie viele Menschen hier als Leibeigene hausen mussten. Lediglich, dass das Sklavenleben ein wenig „harsh“ gewesen sei. Ein bisschen rau also.
Es erübrigt sich an diesem Punkt zu schreiben, dass –nach Abschaffung der Sklaverei– jegliche Ausgleichszahlen oder Entschädigungen bis heute auf sich warten lassen. In den Rezessionen bei Google wird der architektonische und historische Wert dieser Anlage herausgehoben. Vom Unrecht, das hier so lange geschehen ist, kaum ein Sterbenswörtchen.
Passend zu diesem Thema ist auch, dass wir punktgenau am 63. Jahrestag der Einschulung von Ruby Bridges nach Louisiana eingereist sind.
Ruby Bridges war 1960 das erste schwarze Mädchen, das auf eine –damals neuerdings erlaubte– „gemischtrassige Schule“ eingeschult wurde. Alle (!) weißen Kinder wurden daraufhin am 14.11.1960 von ihren Eltern aus der Schule abgemeldet, bis auf eine Lehrerin weigerte sich das gesamte Kollegium zum Unterricht zu erscheinen. Ruby musste auf dem Schulweg ein Jahr lang von vier Marshalls begleitet werden, um sie vor dem tobenden Mob zu schützen, der Position bezogen hatte, um sie zu beschimpfen und mit Unrat zu bewerfen.
Über Monate wurde Ruby alleine von der einen Lehrerin unterrichtet, es dauerte ein Jahr bis sich der Schulalltag wieder „normalisierte“. 1960 – gar nicht lange her. Und bis heute hat sich in der Rassismusfrage noch ganz Vieles nicht „normalisiert“. Was auch immer dies in dem Zusammenhang bedeuten mag. Eher im Gegenteil: siehe „Black life matters“. Hier in Mississppi und Louisiana wird das schmerzlich deutlich.
Kurz vor Saint Francisville (wieder Louisiana) halten wir –da wir in diesem dunklen Kapitel nun eh schon drin sind—kurz an der ehemaligen Myrtle Plantage, heute ein Bed and breakfast. Alles wunderschön gemacht. Doch den so bitteren Geschmack kann auch eine sauber geputzte Fassade nicht vertreiben.
In Saint Francisville landen wir auf dem episkopalen Friedhof. Gefallene aus dem Sezessionskrieg liegen hier unter neuen Toten zwischen Moos und unter verwitterten Mausoleen. Ein beruhigender, mystischer Ort. Auch, da man hier erleben kann, dass zumindest auch die Unrecht-Tuenden irgendwann gehen müssen. Leider nehmen sie das Unrecht nicht mit ins Grab. Alles ist halt nicht vergänglich.
Vorbei an der Hauptstadt Louisianas –Baton Rouge, deren weitsichtbares Aushängeschild ein Ghostbustersturm ist– kommen wir heute Nacht in Fountainebleue an.
Plaudrige Ranger, ein paar Rehe im Sonnenuntergang, mit Geistern im Gepäck.
Dieser Tag ist ein bewegender gewesen, ein nachdenklich machender, ein sehr trauriger.
Vor allem, da mein dePabels heute 73 geworden wäre –und niemals hast Du mehr gefehlt als heute.

















