Wir wollen Texas nicht Unrecht tun. Uns ist vollkommen klar, dass das Erlebte (wie so oft) mehr mit uns, als mit dem Staat selbst zu tun hat. Vielleicht machen wir es uns auch passend, ums für uns passend zu haben!?
Höchste Exekutionsrate der USA –die letzte vor 5 Tagen, die siebte in diesem Jahr, stramm republikanisch, laxeste Waffengesetze des Landes, aggressiver Autoverkehr – das alles sind trotzdem Fakten. Fakten, die uns die heutige Weiterreise nicht allzu schwer machen.
Sonnig und grün werden wir aus Austin verabschiedet. Man sieht, dass die Wüste ab nun ein wahres Ende findet. Auf dieser Reise werden wir ihr nicht mehr begegnen, was äußerst bedauerlich ist. Es war ein letztes Lagerfeuer als Adieu, das wir gestern Abend entzündeten und zum dem Chouchou herzzerreißend Mundharmonika spielte.
Austins Suburbs lassen wir schnell hinter uns. Eine Cowboychurch, Zebras und Büffel auf der Koppel, dubioser Pfeiler auf Truck, ein Krankenhaus, das mit „Unicorns do exist“ wirbt, Kreuze an der Raststätte — das texanischste unter ihnen eine Hut-Colt-Variante. So vergeht die Zeit bis Houston im Flug.

Houston. Auch das durchqueren wir problemlos –allerdings mit vier Augen. Denn vier Glupscher braucht es, um im Autobahndreieckschaos den Überblick zu behalten, selbst die billige Kopie der MountRushmore-Präsidenten schaut entgeistert.

Eine Straßenführung, die nicht für Fremde gemacht ist. Braucht es auch nicht, weiterhin sehen wir keine außerstaatlichen Kennzeichen – geschweige denn ausländische. Außer einem einzigen, das sich direkt an uns dranhängt: ein rostbrauner Jeep, der ab nun hundert Kilometer gemütliche 80km/h am Schwänzchen des Magicbus mit uns fährt.
Beim Abbiegen auf den Rastplatz sehen wir: er kommt aus British Columbia und die Jungs drinnen winken zum Abschied freundlich – fast dankbar, da wir als lahmer Schicksalskonvoi nun gemeinsam sagen können: Houston, we didn´t have a problem. Sänk ju for träveling texicän haiwäi tugäser.
Der nächste Staat ist Louisiana – zweiärmster Staat der USA. Nur Mississippi geht es noch schlechter. Fast jeder fünfte muss hier unter der Armutsgrenze leben, ein Drittel der Bevölkerung ist schwarz – nach Mississippi der Staat mit den meisten Afroamerikanern; viele Nachkommen derer, die bis zum Sezessionskrieg brutalst versklavt worden sind. Ab hier beginnen sie richtig: die grauenvollen Geschichten der Plantagenwirtschaft vor dem Bürgerkrieg zwischen den Nord- und Südstaaten. Und die Alligatoren.
Ein zahnloser Durchreisender aus Tennessee heißt uns am „Welcome in Louisiana“-Visitorcenter überschwänglich Hallo. Wenn wir ihn denn richtig verstehen – wir verstehen nämlich gar nichts.
Der ältere Herr brabbelt freudig in einem Kaudawelsch drauf los, das für uns genauso gut Farsi oder Suaheli oder Marsianisch sein könnte. Erst als er augenscheinlich auf eine Antwort zu warten scheint –man beachte die fragenden Augen und das hoch endenden Satzende—muss ich ihm gestehen: „Sorry, I am not used to your accent.“ „Shitty accent,“ sagt er mit einem Lachen, das nichts aufhält, dreht sich weg und brabbelt mit den Infoblättchen weiter.
Der Mitarbeiter des Willkommenszentrums (mit Zähnen) versorgt uns mit Material und guten Tipps: Straßenkarten, Infozetteln, Restaurantempfehlungen – hard for vegetarians over here. Als wir gehen, gesteht er uns, dass übrigens auch er kein Wort des enthusiatischen Tennesseers verstanden hat. Läge aber nicht am Akzent, sondern lediglich am zahnlosen.
Bevor es für die letzten 50 Kilometer wieder in den Magicbus geht, laufen wir zur Einstimmung auf dieses neue Land noch flott den liebevoll angelegten Nature-trail entlang:
Stege durch Marschland und Sumpf. Ein Reiher in Seerosen, Orchideen, Zottelbäume, Luftwurzeln, ein Hörnchen mit Nuss. Nur die Alligatoren, die man bitte nicht füttern soll, sind noch nirgendwo zu sehen.
Ab nun fängt es ordentlich an zu regnen. Der erste, richtige Regen seit den Redwoods. Die letzten Kilometer im Zweilicht werden dadurch nicht einfacher oder schneller, nach insgesamt 520 Tageskilometern kommen wir trotzdem heil und happy an: kurz hinter Lake Charles.
Wir parken neben zahlreichen US-Flaggen ein, der staatliche Minicampground ist so gut wie leer. 12 Dollar für die Nacht inklusive Dusche und Strom: ein feines Schnäppchen, das wir nach dieser langen Strecke wirklich ersehnt haben. Und er Regen legt sich wieder.
Louisiana, da sind wir. Müde, aber mit einem Lächeln, das nichts aufhalten kann. Trotz Zähnen – und sind sehr, sehr gespannt auf Dich.
















