Der Nachbar sah es anders. Nicht unser direkter: der stellte seinen Generator freundlich um 20h ab. Aber es kam ein neuer, der uns wacker in die Nacht surrte und am Morgen wieder weckte.
Der Temperatursturz hat über Nacht nicht abgenommen. Bei 5 Grad und Regen kriechen wir aus der Koje. So schnell wie das Wetter ist, sind wir lange nicht. Im Seelchen noch immer 30 Grad, fühlt sich der winterliche Herbst draußen einen Tick zu flott an. Hatschi. Das Schnüpfchen aber freut es: so kann es wenigstens noch ein wenig bleiben. Ein Chapeau an den eisernen Zelter, der in der Daunenjacke sein Porridge löffelt. Daunenjacke – eine großartige Idee.
Passend zu unserem knubbeligen Winteroutfit scheint sich unser Dachzelt zu solidarisieren: es plustert sich fröstelnd auf und verklemmt sich beim Schließen piefig in der Dacharrettierung. So fest, dass rein gar nichts mehr auf oder zu gehen will. Adieu Dachzelt, war schön mit Dir.
Erst als uns das Ausmaß des Komfortverlustes –ab jetzt immer unten schlafen!—deutlich wird, fangen wir verzweifelt an zu zerren, zu zuppeln, zu schimpfen und zu rütteln. Immer unten schlafen: Oh nein, das geht wirklich nicht!
10 entgeisterte Zerr- und Schüttelminuten, in denen uns wenigstens lecker warm wird. Puff – und aus erneuter Solidarität platzt das Dachzelt verschwitzt aus der Verkeilung. Gerettet. Wir danken dir, Plusterzeltchen.
Schneller als wir gucken können, rollen wir heute nach Texas ein. Eine Stunde näher an zu Hause: die Uhr zieht uns also 60 Minuten von unserer Lebenszeit ab.

Konkret haben wir von Texas wenig erwartet. Cowboys, Steppe und eine Menge Ranches vielleicht. Erwartet aber hätten wir nicht, dass die texanische Westseite so außerordentlich trostlos sein würde.
Gas- und Ölbohrungen so weit das Auge reicht in öder, verregneter Prärie. Der Regen fließt nicht ab, wir fahren durch tiefe Pfützen, die Fluten bei Starkregen scheinen plötzlich sehr logisch. Überdachte RV-Plätze für Bohrarbeiter in der Ödnis, Müll an den Straßenrändern, Pumpen wie metallisch-gigantische Gottesanbeterinnen, die gnadenlos und bedrohlich den Boden penetrieren.

Staub, Baustelle, eine Ampel, die zwanzig Minuten auf Rot stehen bleibt, fast höhnisch – als wollte hier irgendjemand die Aussicht genießen. Ein Schild warnt: „Poisonous gas may be present“ und verlotterte Ruinen im Nichts. Ein beeindruckend hässliches Entrée – Texas. Wie in einem Endzeitszenario.

Da helfen auch die bunten Cowboystiefel in Pecos nichts – oder die Kenntnis, dass hier das erste Rodeo der Welt geritten wurde. Oder die Residencia der katholische Kirche. Es macht es nur noch trostloser unter dem traurigsten Himmel der ganzen Reise. Eine Stunde später kommt –Gott sei Dank- Fort Stockton.
Fort Stockton wirbt damit, dass freundlichste Örtchen von ganz Texas zu sein. Also bleiben wir.
Immerhin bewahrheitet sich der Slogan schon mal im Walmart, in der Tanke und im Burger King – der sogar vegetarischen Whopper führt. Unsere Laune steigt – wobei sie bisher auch nicht schlecht war. Aber das allerbeste kommt noch…
Zur Feier des morgigen Tages haben wir uns entschieden, dem „November rain“ ein Schnippchen zu schlagen.
Zwei Nächte kein Einkuscheln im plustrigen Dachzelt, wo´s bei der Witterung nachts um die 8 Grad haben muss. Zwei Nächte ohne Schlafmütze bei 20 Grad Zimmertemperatur, zwei Nächte ohne nächtliches in die Dunkelheit raus schleichen, wenn man raus schleichen muss.
Zwei Nächte bleiben wir im Hotel: dem Sleep Inn & Suites. Mit Heizung, Badewanne, eigener Toilette und sogar Schwimmbad im Keller und Frühstück im Preis mit drin. Was für ein wahnsinniger und toller Luxus. Wir freuen uns wie die Schneekönige!

Zimmer 211 hat massenweise Platz. Ein herrliches, frisch bezogenes Doppelbett, eine Kaffeemaschine, einen Kühlschrank – Eismaschine auf dem Gang. Vor der bequemen Couch kann man die Füße hochlegen, der Fernseher ist doppelt so groß wie unserer zu Hause. Davor ein geräumiges Arbeitstischchen. Im Bad hat es vier, blütenweiße Handtücher pro Person, das Wasser in der Dusche ist sofort brühend heiß mit einem Wasserstrahl, der auf den Punkt kräftig ist. Die Heizung kann man exakt auf die gewünschte Temperatur einstellen: also 22 Grad.
Kurzum: die Globetrottels sind mitten im Luxushimmel. Tolltolltolltoll….mehr als toll ist das.
Bevor wir all dies morgen noch mehr genießen als eh schon—also noch mehr genießen, in dem wir gar nichts tun außer diesen Luxus zu genießen (sagte ich schon: genießen?!)– muss heute aber erstmal die Wäsche in der Wanne baden. Und wir klemmen uns ins Internet. Um mit flottem Wifi diese Reise nun wirklich mal ein bisschen zu planen. Kann man nach ein paar Monaten ruhig mal tun. Beides.

Nach ein paar Stunden stehen große Pfeiler neu im Raum, die Wäsche trocknet entspannt vor sich hin, ein flotter Blog wird schnell geschrieben. Ab hier heißt es nun sich 36 Stunden einfach mal zurücklehnen.
Sein. Freuen. Und natürlich: genießen….






