Nach einem endlos luxuriösen Urlaubsgeburtstag mit Heizung auf konstante 22 Grad, mit Badewanne (dreimal benutzt), eigener Toilette, verrückt leckeren Quesadillas von Taco Bell, angestoßen mit schweineteuren Perriers (6 kleine Flaschen für 12 Dollar), Kokoswasser auf crushed Eis und Wes Andersons neustem Film (der gefühlt ein Abklatsch unserer Reise ist – inklusive Farbton!) geht es für uns heute flotten Reifens weiter gen Osten. Vorab: Plastikfrühstück mit quietschbunten Fruit Loops, Eiern, die mit einem halben Zentimeter Butter beschmiert sind und schallenden Drohungen des Alten Testaments, die lauthals aus dem Fernseher auf den Frühstücksraum herunterregnen.

Nun zittert und bittet demütig um Vergebung, nachdem Ihr Euch der Völlerei und dem Hedonismus hingegeben habt. Denn Satan ist hinter Euch her. Ach Kinnas, doch nicht erst seit heute…
Hinter Fort Stockton folgt gähnende Leere. Die Ölfelder wurden zwar abgerockt, die Landschaft hat trotzdem nicht viel Pittoreskes herzugeben. Straße in Fels gesprengt, das Wetter grau in grau: den ganzen Tag soll es nicht hell werden. Außer ein paar lustigen Schilder, die vor Schlangen, Übel im Generellen und „clowing around“ im Präzisen warnen ist´s bis Fredericksburg eine Strecke voller gähnender Nichtssagung. Und mir ist grottenschlecht von einer Tüte „Beyond meet-Jerky“. Dann aber staunen wir (–ich mit ein paar Burpies).
Fredericksburg ist altdeutsche Siedlung: 1846 gegründet von Freiherr von Meusebach siedelten hier vor allem „liberale und gebildete“ Westerwälder, die vor Unterdrückungen im Heimatland vor und nach der 1848er Revolution geflüchtet waren. Der einzige, nie gebrochene Vertrag mit den Indianern wurde hier geschlossen, die Sklavenhaltung lehnten die Einwohner strikt ab, nahmen daher größtenteils auch nicht am Sezessionskrieg der Südstaaten teil und wurden verfolgt und getötet. Quasi: eine deutsche, freiheitliche Mini-Resistance Ende des 19. Jahrhunderts mitten in Texas.
Bis heute ist das deutsche Erbe in dem Ort großflächig sichtbar: „Willkommen“ und „Auf Wiedersehen“ an der Ortseinfahrt, „authentic German cuisine“ in den Restaurants, „Auslander“-Biergarten, eine überdimensionale Weihnachtspyramide, „Die Kunstler von Fredericksburg“ laden zur „fine arts show“ ein.

Witzig und unerwartet fühlt sich das an. So unerwartet, dass Chouchou vor einer genauso unerwarteten, roten Ampel mit voller Wucht in die Eisen steigen muss. Ziemlich knappe Nummer. Wäre es schief gegangen, hätte man aber zumindest unsere Barmerkarte im EmergencyRoom akzeptiert. Nehme ich an.
Hinter dem Örtchen wird Texas nun endlich schöner: Texanische Weinberge und Winzer, die sich mit liebevollen Nippes Mühe geben. Bewaldete Ranches, die wie in grüne Savanne gepflanzt wirken, mit Riesenhörnerkühen und zweifarbigen Ziegen. Erste Weihnachtsdekorationen in niedlichen Dörfchen namens Harper und Johnson City. Eine Schönheit, die es zu bewahren gilt. Daher auch die deutlichen Schilder: »Don´t mess with Texas. Littering 2000 Dollar.«
Auf 500 Kilometern lernen wir heute, dass die Texaner gar nicht so schlimm Auto fahren, wie ihnen im Nachbarstaat nachgesagt wird.
Es ist eine lustige Dynamik: überall werden wir immer vor dem nächsten Staat gewarnt. In Nevada meint man, die Arizoner seien aggressiv. Die Arizoner meinen, die in New Mexico lassen alles schleifen. In New Mexico lernt man, wie schlimm die Texaner Auto fahren. Und in Texas wie unglaublich gefährlich Louisiana doch ist. Siehe: die Gefahr geht immer von den Nachbarn aus.
Bei uns ist alles besser. Sehr wahrscheinlich brauchen wir Menschen das einfach so. Die Rechtfertigung, das der Ort, an dem wir leben, einfach der allerbeste und sicherste ist. Auch wenn die Kirschen des Nachbarn…aber so rot können sie eigentlich nicht sein.
Nach 500 Kilometern kommt auch endlich Austin in Sicht, Megacity im Herzen des Staates und als einziger Hippieort ganz Texas verschrien.

Nach einem verwinkelten Autokreuz biegen wir an der Vogelkolonie auf der Stromleitung rechts ab in Richtung McKinnley Falls State Park. Beim Niesen beiße ich mir auf die Zunge: Körper out of control mit 44. Für heute reicht es tatsächlich.

Kurz vor Sonnenuntergang –der bei dem heutigen Licht wenig Unterschied macht—parken wir für die Nacht ein. Der Aufbau geht mittlerweile so routiniert, dass wir dabei auch schlafen könnten.

Endlich wieder Magicbus. Mit seiner teuflischen Matratze, seinem unbequemen Bänkchen, ohne fließend Wasser und das Perrier ist auch leer. Trotz allem ist es schön wieder hier zu sein.
Zu Hause. Der Ort, der einfach immer der Beste ist. Vergiss die roten Kirschen.










