Unterwegs im Magicbus

Autor: Chérie (Seite 12 von 28)

Zur blauen Etappe

Robse rennt heute den Marathon in Paris —zum fünften Mal— und wir!? Wir drücken uns vor dem losgehen in Cahors.
Nach zwei Pausentagen hat der Gemütlichkeitswolf uns im Nacken gepackt. Eigentlich wollen wir nicht weiter. Und müssen.

Wanderurlaub vs Pilgern: heute wird uns klar, wo der Unterschied liegt.
Nach zwei Wochen Trekkingtrip zu Hause auf dem Sofa über die Freiheit des Wanderns zu schwadronieren geht sehr einfach. Wie schnell gerät man dann doch ins Schwelgen, über die Leichtigkeit des Nur-das-Nötigste dabei haben. Wenn die eigene Waschmaschine ums Eck steht.
Wie bereichernd empfindet man doch das tägliche Weitergehen. Wenn man morgen die Füße auf dem eigenen Sofa langmachen kann.
Wie groß ist der Zauber des Ziellosen. Wenn die gewohnten Bahnen einen umgeben und nichts Unerwartetes wartet.
Die eigene Komfortzonr zu verlassen ist immer gut. Und es macht es einen fulminanten Unterschied, ob man dies für eine überschaubare Zeit tut. Oder eben nicht.

Die Romantik der Einfachheit erschließt sich uns heut nur schwerlich. Weil uns klar wird, dass die Schmerzen in den Fersen alsbald nicht mehr aufhören. Weil wir —auf unabsehbare Zeit— weiter täglich gehen werden. Die zwei Tage Pause machen kaum einen Unterschied. Eher fällt es uns schwerer. Siehe Gemütlichkeitswolf.

Durchs Industriegebiet geht’s raus aus Cahors. Über Geröllpfade hoch ins Gauklerland: dort, wo die Großfamilie Rozel in ihren Wohnwägen haust. Dort, wo der Wanderweg abgeriegelt ist. Dort, wo die Gypsys uns —Gott sei dank— durchwinken.

Dank Gott wird im Laufe des Tages aus dem Geröll endlich sumpfiger Wirtschaftsweg und dann knorrige Heidelandschaft.

Ein Örtchen passieren wir: der „Multiservice“ hat tatsächlich geöffnet. Unser erstes mal auf dieser Wanderschaft.
Wir bekommen Kaffee und hätten sie viel mehr haben können: Luftpostbriefe, Erbsen, Pastis, Pornoheftchen, ein Schnack mit den alten Herrschaften des Dorfs, die aufgereiht an der multifunktionalen Theke sitzen.
„Die Schönheit der Einfachheit“: uns reicht Kaffee und Internet. Um den Tops live um kurz nach zwei durchs Ziel in Paris zu tracken — und vor Stolz und Freude ein Tränchen zu verdrücken.

Wir machen heute nur Halbmarathon. Immerhin inklusive 600 Höhenmetern.
Verschnarcht um kurz vor sechs taumeln wir auf dem Hof von Marie und Jean-Michel ein. Zwei ehemalige Jakobspilgernde, die der Camino so infiziert hat, dass sie alles hinwarfen und in der Einsamkeit des Lots vor 17 Jahren eine Herberge eröffneten.

Eigentlich hatten wir geplant zu zelten. Eigentlich wollten wir niemals mehr ins Mehrbettzimmer.
Über diesem Ort aber liegt etwas so wohlwollendes, dass wir uns gegen unseren Ursprungsplan entscheiden und bei Claire mit ins Vierbettzimmer schlüpfen.
(Der Vollständigkeit halber sollte auch erwähnt sein, dass nachts Regen angesagt und die Zeltwiese schräg ist. Außerdem sind wir totmüde und noch immer gemütlichkeitswolfinfiziert.)

Der Abend ist ein fröhlicher. Alle Mann und Frau zu Tisch: Marie & Jean-Michel, Claire, die 3Generationenfamilie aus Paris und wir. Vergiss die Sprachbarriere: es ist nett, was wir verstehen. Und ebenso dass, was unverstanden bleibt.
Für heute Abend gehören wir hier alle zusammen. Egal woher, egal in welcher Sprache.
Ein guter Ort: diese Etape bleue.
An dessen Tisch heute Abend niemand der Anwesenden fehlen dürfte.


Pausentag in Cahors

Pausentag in Cahors:

  • einmal Appartement gewechselt, da Vincent unsere Buchung vercheckte
  • jeden Tag zehn Kilometer durch enge Gassen wandeln
  • Schuhe repariert, Equipment aufgepolstert
  • Unter Jesus‘ Mütze gebetet
  • Beste Törtchen gefuttert
  • trotzdem eigentlich zu müde, um morgen weiter zu gehen

Auf Geröll nach Cahors sliden

Ein ermüdender Pilgertag in Blitzlichtern:

  • als lauteste im Sechsbettzimmer geschnarcht
  • als letzte mal wieder los
  • vom Mähroboter vom Hof getrieben
  • am Anfang des Wegs geschwiegen: schön, wenn ich einfach mal die Klappe halte
  • verrückte Wolken.
  • von 19km Weg 16 Kilometer pures Geröll: sehr ermüdend. Ein strafender Weg. Wofür?
  • Teiche wo mal Feldweg war, Blumenkranz im Haar und befreiter BH auf Zaun
  • Yogiteesprüche unter der Brücke: „Penser à s‘aimer“ inklusive der besten Googleübersetzungen der Welt
  • Sonnenschein den ganzen Tag und rote Ohren
  • Harter Abstieg nach Cahors mit großen Durst
  • Kalte Limo kann heilig sein
  • Pilgerempfang an der Brücke — Überfall katholisch gutmeinender Ladys: wir bekommen Limo Nummer 2, einen Stempel und werden in der Statistik verewigt
  • Große Freude auf den morgigen Pausentag: wir entschließen aus einem zwei zu machen — im wunderschönen Cahors mit engen Gassen.

  • Vincents Appartment ist genau das, was wir für die nächsten zwei Tage brauchen
  • Spargel, Waschmaschine und Dankbarkeit

Ein Sechsbettzimmer gegen Traumessen

Mal wieder als letzte der Herberge verlassen wir das lebendige Limogne mit den potentesten Mandelcroissants von Welt. Ein Saurierhund bellt uns Au revoir, wir sind wieder „en chemin.“

Weiter geht’s mal wieder über mittelalterliche Ziegenwege, auf denen nur Baader- oder Gauklerkutschen entgegen kommen könnten. Es kommt aber keiner. Den ganzen Tag bleiben wir —bis auf einen Schäfer— allein.

In einer der zahlreichen Schutzhütten gibts bei den ersten Regentropfen Frühstück für uns. Hektisch an der Avocado herumfuhrwerkend, zerstöre ich eine der wenigen Habseligkeiten, die wir besitzen. Nun haben wir nur noch eine halbe Gabel. Und ein drittel Löffel.

Statt der ständigen Kreuze gibt es heute zur Abwechslung einen Engel am Wegesrand. Schön.

Alternativweg (wir kürzen die ohnehin viel zu lange Etappe zwei Kilometer ab) über ein düsteres Schloss. Kein Vogel singt hier mehr, kein Wunder , dass die Pilger seit Jahrhunderten diesen unheimlich Ort meiden.

Einziger Ort, den wir heute queren ist Bach. Niemand hier, aber gesprayte Rosen an den Hauswänden und eine attraktive Herberge, die vernichtende Kritiken in allen Pilgerführern genießt. Also weiter.

Ab nun beginnt kalter Platzregen im Wechsel mit einem Hauch Sonne. Dann Niesel, dann Wind die letzten neun Kilometer. Wir ziehen die Ponchos vier mal an und wieder aus. Nicht langweilig.

Auf den letzten Kilometern lernen wir, dass der Lot insgesamt vier Wegetypen besitzt:
Den Haxenbrecher, den Haxenknacker, den Haxenbröseler, den Haxenschmeichler. Kilometer 20 bis 22 sind eindeutig Haxenbrösler. Plus eine Brücke in Schlittermodus.

An der Route de Cremps —Straße der Krämpfe— geht es nach 24km endlich links. Ein Schelm hat auf den letzten 100 Metern einen Barfusspfad anzubieten. Darauf muss man kommen.

Und dann sind wir für heute auch schon da. In der Gite de Poullady, im Sechsbettzimmer.

Die Bude ist bumsvoll. Wo auch immer die Menschen plötzlich alle herkommen!?
Die meisten wohl mit dem Auto, glaubt man das Parksituation vor Ort.
Fix und fertig ist uns das alles fast egal: Hauptsache essen und schlafen und jeden Quatsch mal mitmachen.

Immerhin bekommen wir das beste Essen des ganzen Pilgerwegs: eine Traum-Suppe, ein Traum-Curry, ein Traum-Kartoffelgratin, ein Traum-Tiramisu.

Nach über 200 Kilometern zu Fuß mit so harter Ernährungssituation wie auf der Via Podiensis macht für ein solches Essen fast alles. Sogar Sechsbettzimmer….

Nach Limogne…ins Leben

Mit Nebel über den Hügeln und einen herzlichen Nacktkatzen-Salut geht es am Morgen weiter.
Weiter durch dieses freundliche Lot — mit seinen extrem freundlichen Menschen und nettem Sonnenschein.

Heute wandern wir auf Ziegenwegen: meist eng und steinig, die weite Aussicht ist weg. Auch das macht es gemütlich. Weil vermeintlich beschützter, weil die Überschaubarkeit bleibt?!

Wir treffen unterwegs einen weiteren Pilgerfreund und entschließen uns nach dem Smalltalk auf dem dweiteren Weg das Plaudern à la: woher, wohin? einfach zu lassen.
Die einzig spannende Frage wäre: warum.
Nicht: wieviele Tageskilometer machst Du? Bis wo gehst Du heute?
Sondern: Warum eigentlich gehst Du diesen Weg?
Und warum gehen wir ihn?

Neben sehr vielem Schweigen, das sich über den heutigen Tag legt, sprechen wir genau darüber und finden nur einen wagen Konsens.
Vielleicht gehen wir ihn in Hoffnung auf eine kontinuierliche Laufmeditation. Atmen, denken und dann irgendwann nicht mehr denken. Sondern fühlen. Und sein.
Irgendwann von den Füßen ins Herz: ein weites, ein stilles. Neugierig, was sich dort befinden mag, wenn man lange genug geschwiegen und zugehört hat.
Wenn man mit einem klareren Blick hinschauen kann. Vielleicht.
Das wäre doch ein ganz feiner Grund.
Immerhin eine recht schöne Hoffnung.

Heute bleibt wieder viel Raum für Gedanken und Ideen. Und Gefühle.
Just in dem Moment, da es wieder schwer wird stelle ich mir für einen Bruchteil der Zeit vor, dass jemand ganz besonders am Tagesziel wartet. Wie leicht dann plötzlich so ein Schritt wird. Herz geht auf und entleert sich. Gut ist das, auch wenn es etwas weh tut. Nicht nur den Füßen.

Mittagspause bei St Jean de la Laur.
Bestes Essen am Platz — frisch aus dem Rucksack.

Die einsame Schutzhütte wünscht: Buen Camino – und weiter geht’s durch Lot im Frühling.
Die Örtchen bleiben märchenhaft.
Zurück in die Realität holt kurzzeitig nur ein Schild, das die Wanderer bittet, Anwohner nicht zu belästigen und Ruhe zu wahren. S‘Il vous plaît.
Ab nun wandeln wir noch ein bisschen stiller. Noch immer durch Hobbitland.

Kurz vor dem Tagesziel: der „Circuit de cabanas“, der bis nach Limognes führt.
Schäferhütten at their best am Wegesrand. Die letzte —sakral anmutend— ist aus Jakobsmuscheln gefertigt. Ein Pilgerauffangbecken.

In Limogne leben die Menschen in Rapunzeltürmen. Und noch besser ist: sie leben — tatsächlich.
Seit gefühlten zwei Wochen laufen wir durch eine Szenerie, in der sich seit hunderten von Jahren wenig getan zu haben scheint. Zauberhaft, wie eine Reise in ein anderes Äon. Leider aber wird darin ganz oft auch nicht mehr gelebt.

Hier in Limogne aber wird noch geatmet, verkauft, geliebt, verloren, gestritten, diskutiert, gegessen, versoffen, gebetet, verkalkuliert, gehofft, verlobt, geweint.
Hier in Limogne wird noch gelebt.

Eine Wohltat, in dieses Leben mit eintauchen zu dürfen. Irgendwo im Zentralmassiv der Midi-Pyrenées, nachmittags um vier.
Die Kirchenuhr schlägt träge, die alten Damen legen eine Patience, die Jungen trinken Bier im Restsonnenschein und wir schließen Freundschaft mit einem Huskymischling.
Im Antikgeschäft gegenüber wird ein blauer Kinderwagen aus den 70ern angeboten. Wir spinnen Bilder, in denen wir genau diesen einen über das weitere Zentralmassiv schieben, beladen mit unseren Rucksäcken. Und eine Nacktkatze im Schlepptau. Wir spinnen also …vom guten Leben eben.

Heute bleiben wir in der kommunalen Wanderherberge: als erste in diesem Jahr.
Ab heute gilt es, den äußersten kleinen Gap zu streifen zwischen: Herberge zu und Herberge ausgebucht. Alle, die wir bisher trafen, bestätigen uns genau das leider so.
Der „Run“ auf den Jakobsweg wird immer grösser. Viele Herbergen sind bereits hier (lange vor dem Camino frances!) über Monate im Voraus ausgebucht.
Wir haben jetzt das Glück —im zerbrechlichen April— die Vorsaison zu streifen und damit die Chance auf ein spontanes Plätzchen in den Gîtes zu haben.
Wie gut, dass wir (genauer: der arme Chouchou) unser Zelt mitschleppen. Für den weiteren Verlauf. Ansonsten wären wir wohl ganz bald drin im Dauerschnelllauf auf die nächste Unterkunft.
Allein der Gedanke macht äußerst bocklos:
Morgens um fünf loseilen, um noch eines der wenigen nicht gebuchten Plätzchen in einer der nächsten Herbergen zu bekommen?
Je ne sais pas. Gefühlt hat das wenig mit dem erhofften Spirit zu tun, den wir uns vom Jakobsweg wünschen.
Umso mehr genießen wir die „Vorsaison-Freiheiten“.

Die Gîte hat ein Zweibettzimmer für uns. Und natürlich die ganze Küche. Wir fühlen uns wie kleine Königinnen, denen ein ganzes Reich gehört.

Königinnen, denen nicht nur „immer noch“ die zarten Füßchen weh tun, sondern „dauerhaft“.
Trotzdem gibt es an diesem Dienstag weder einen richtigeren Ort, noch eine richtigere Sache, die wir tun könnten als:
Weiterlaufen.

(P.S.: Danke Tops für diese super Animation!)

Katzenostermontag

Dies hier ist ein guter Ort.
Nach einem wunderbaren Abend mit wirklich netten Menschen, mit einem Hund an der Pfote und einem Pfau auf dem Dach, mit Gemüse aus dem eigenen Garten und Safranlöwenzahneis zum Abschluss, habe ich dann „noch schnell“ versucht, die Fotos in den gestrigen Blog zu schieben.
Drei Anläufe, alle scheitern.
Eine frustrane Lehre, nach dem dritten Scheitern lasse ich es kurz vor elf und entschließe, alle fünfe gerade sein zu lassen. Nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft. Der Blog wird also noch kürzer werden. Und die Fotos unsortiert. Alles andere nimmt zu viel Raum. Eine wichtige Erkenntnis.

Das hier ist ein guter Ort.
Am Fenster von Didiers Küche stehen viele Sprüche. Einer unter ihnen auf deutsch:
„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben“.

Gregorianischer Gesang beim Frühstück.
Sagte ich schon: Das hier ist ein guter Ort!? Ein Geschenk, ein „feels like home“-ohne zu Hause zu sein-Platz. Mit Didier, Elli, Wolfgang, Hunden, Pfauen und Erkenntnissen. Ein schönes Abschiedsbild.

Wieder pilgernde Idylle pur nach dem nächtlichen Gewitter. Die Gedanken werden flott freier.
Auf das Zitat von Victor Hugo:
„Nichts ist kraftvoller als eine Idee deren Zeit gekommen“,
folgt: „N’ Scheiß muss ich.“
Befreiend. Sehr. Herzöffnende Freude.

2 Kilometer nach Ussac beginnt tatsächlich das angekündigte Kalksteinplateau. Cajarc kommt in Sicht.

Netter Mann an Hang.
Kleine Grottensegung am Wegesrand neben kalkigem Zauberpond.

Cajarc.
Wir haben mehr als Osterglück.
Mit dem letzten Glockenschlag laufen wir in den Ort ein, 10 Minuten bevor alle Geschäfte schließen.
Fest nach dem Motto: Nie mehr pilgerfasten auf dem Jakobsweg, räumen wir erst die Bäckerei und dann den Supermarkt leer.

Erleichterung und Seelenglück, und jetzt noch einen Kaffee.

Schlussendlich hängen wir noch 3 weitere Stunden im Dorf ab.
Erst im Café, dann auf der Bank hinterm „Kino“ — Vorräte knabbern, kurz neben dem cajarc‘schen Eiffelturm.

Wir besuchen die Kirche mit prima Osterblumen und nettem Mann auf Treppe.

Und nochmal die Bar für den ersten Pastis in Frankreich.

Wir lernen den Löwen von Cajarc kennen.

Und,dass in jedem Dorf nichts sein kann, aber einen Osteopathen, den gibt es auf dem Jakobsweg immer.

Die letzten 4 Kilometer werden schwerer. An der Lot entlang, an Tulpengärten vorbei.

Das liegt nicht nur am Glas Pastis, sondern auch an 6 Kilo Einkäufen und der Tatsache, dass erneut das Nachmittagsgewitter des Zentralmassivs sich nähert.
Heute erwischt es uns. Mit sehr schweren Tropfen auf den Köpfen spült es uns bis zur Katzenlady Valerie. Für heute sind wir angekommen.

Zwischen Nacktkatzen mit dämonischen Gesichtern und plüschigen Streunern, die schneller in unserem Bett sind, als wir gucken können, dürfen wir heute also zur Ruhe kommen. Erneut in einer Herberge, die eine eigene, kleine Welt bedeutet.

Alleine das tägliche Wechseln der Unterkünfte kommt Tag für Tag einem kleinen Abenteuer gleich. (Nicht zu sprechen vom Finden der Unterkünfte…)
Die Betten sind so unterschiedlich wie die Menschen wie die Lebensarten wie die Weltsichten wie das Essen wie das Wetter wie das Leben.

Heute also Nacktkatzen nach Gewitter. Warum nicht? Das haben wir noch nie gemacht, es kann also nur gut werden.

17km bis zu Didiers Safraneis in Löwenzahnsirup

> > > > > > >

Herrlicher Bummel Ostersonntag.
> Wir lassen uns heute mit allem Zeit:
> Als letzte verlassen wir die Gîte mit fliegenden Haaren. Das Brot beim Frühstück ist schon abgeräubert, der Kaffee —Gott sei dank— auch. Wir kochen uns einen frischen.

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> > >

Durchs Auenwäldchen, vorbei an Traumhöfen, verlassen wir Béduer, um nach drei Kilometer schon wieder zu rasten.
> >
>
> > Alleine auf der Blumenwiese, die Vögel verausgaben sich in Ostergesängen, die Sonne scheint.
> Ein gut erhaltenes Schäferhäuschen am Wiesenrand, keiner zu Hause. Auch wir nicht. Ein einsamer roter Stuhl der wartet.

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Schmetterlinge, Wiesen, Schäfchen (die Osterlämmer mit Kreuz markiert), ein riesiger Hühnergott und ein Wolkengrélou.
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> Wir unterhalten uns so angeregt, dass wir uns schon wieder verlaufen. Das zweite Mal auf diesem Teil des Camino. Bei Carayac — zweimal überpinselt.

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> >

Am „Le mare au diable“ wird uns das klar. Keine rot-weißen Strichelchen mehr und ein Teufelsloch aus dem es quakt. Also wieder zwei Kilometer zurück. Bergauf natürlich….schnell runter von dem satanischen Umweg.

> >
> >
>
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Gréalou.
> Einziges Zwischenörtchen heute, in der Kirche wird für den Sonntagsgottesdienst aufgehübscht. Leider kein Kirchenbuch da und kein Stempel, dafür Jean d‘Arc in voller Montur. Zarte, blaue Blümchen und lila Blüten am Wegesrand.

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> >
>
>

Bisher ist es jeden Tag das gleiche: immer ist der Weg weiter als geplant. Statt 12 Kilometern also wieder 17. Und ab Kilometer 15 wollen seit ein paar Tagen die Füße nicht mehr. Aber sie müssen:
> Weiter auf dem Hochplateau.
> Schmetterlinge und Vogelgezwischer, ein paar Schafe, wieder Traum-Höfe und wieder Vogelgezwitscher und Schmetterlinge — den ganzen Tag.

> >

Irgendwann beginnt mein Jammern trotzdem. Im Mäntelchen des Schimpfens mit einem Insekt. Dann setzen Chouchous Starbucks Träume ein:
> Dort drüben, das alte Schäferhaus mit Aussicht. Das wäre der ideale Ort für einen Starbucksaussenposten.
> >

> > Und auf der Theke bereits zwei Cappuccino fertig und bezahlt: „von oben“.
> So langsam, sagt Chouchou, hätte er gerne mal ein Zeichen. Ist da oben was? Oder wenigstens da unten?
> Eigentlich egal, Hauptsache es meldet sich mal jemand.

> >

Wieder ist das Gewitter uns auf den Fersen, wieder humpeln wir ihm davon.
> Ab heute im „Parc Naturel Régional des Causses du Quercy“: UNESCO Global Geopark mit einer langen Kette Kalksteinplateau, bekannt auch für seine zahlreiche Dolmen.

> >
> >

> >

Am ersten Dolmen geht’s für uns wieder bergab. Runter vom Jakobsweg, ab in Richtung unserer heutigen Herberge.
> Über knorriges Gestein, vorbei an flechtenumleckten Bäumen, runter ins Tal.

> >
> >
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>

Zwei (wieder einmal deutsche) Pilger holen uns ein: Eli und Wolfgang. Älter als wir, aber deutlich besser zu Fuß.
> Es soll sich herausstellen, dass auch sie heute Nacht in unserer Gîte übernachten. Sie sprinten an uns vorbei den Berg hinab.

> >

Schlussendlich aber holen auch wir sie wieder. An der Offroadstrecke hin zum Hof, versperrt durch einen Zaun und einen herrlichen Hund. Die Globetrottels räumen nun für Eli und Wolfgang den Weg frei.
> „Man dürfte fast meinen, der Himmel schickt uns…“

> >
> >
>
>

Didier nimmt uns —nach ausgiebigem Hundknuffeln und Schuhe im Stall ausziehen— in Empfang.
> >

> > Eli und Wolfgang nehmen das blaue Zimmer, wir landen im gelben. Mit Aussicht auf die neun Pfauen im Garten.

> >
> >
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> >
> >

> >

Frisch geduscht heute Abend mit von Didier bekocht werden…ist heute unser eigenes Ostergeschenk an uns selbst.
> Und selten hatten wir abends so guten Appetit wie an den letzten elf Tagen dieses fordernden und wirklich schönen Weges. > > #img28#
> > > > >

Von marché und marschieren

In unserer Absteige,die Bukowski alle Ehre gemacht hätte, singt uns eine Eule in die Nacht. Unerwartet — genauso wie das Frühstück am nächsten Morgen.

Wir hatten mit trockenem Brot und abgestandenem Kaffee gerechnet. Und bekommen Kaffeevollautomat, Nutella und Käsebuffet. Vielleicht sollten wir anfangen das Unerwartete zu erwarten. Oder am besten gleich alle Erwartungen von vorne herein lassen!? Angeblich liegt darin ja eh ein Glücksgeheimnis….

Wir haben heute Zeit. Die Etappe ist klein geplant. Unser Tag startet also mit einem Rundgang durchs herrliche Figeac.

Erster Stopp: Kathedrale.
Dort erwartet uns Jakobus in Knallfarben. Fast indisch — ein ganesaartiger Pilgerheiliger. Mögen wir sehr.

Der Pastor hat sein Weihrauchkännchen vergessen, wir sammeln etwas heiligen Duft ein.

Und weiter geht’s auf den Markt.

Samstag ist Markttag.
Man steht Schlange für bestes Fleisch, Käse und Brot, Erdbeeren und Spargel.
Leider werden wir auch heute keine Küche haben, heute aber macht alleine der Anblick glücklich. Wir essen mit den Augen und der Nase.

Ein Schlaraffenland in baufälligen Gassen, eine begrünte Treppe.

Am Mittag trinken wir Café — die anderen trinken Wein mit Hündchen. Keltische Gesänge wabern zwischen den Ständen. Musik, die ganz schnell am Wasser bauen lässt. Ach Figeac, in dir könnte man wohnen wollen, vor allem am Markttag.

Eingedeckt mit Proviant wagen wir uns erst gegen eins an den ersten Aufstieg des Tages, hinaus aus der Stadt.
Vorbei an Kühen (I just can’t get enough) und einem deutschen Pilgerpaar, das noch viel schlechter zu Fuß ist als wir.

SchäferSchlumpfhaus mit Aussicht zur rechten.

Bereits um zwei machen wir die erste Pause: mit den leckersten Samosas der Welt. Danke Markt.

Ein Tag wie ein erster Frühlingsfriedenstag. Blümchen am Straßenrand, die Vögel singen unaufhörlich, sehr dicke Hummeln hummeln vorbei.
Eine alte Kutsche, ein Pipilangstrumpfpferd mit Fohlen, alte Mauern mit wilden Blümchen drauf und dran.

Auf dem gesamten Weg passieren wir heute nur ein kleines Dorf: Faycelles.
Leider alles zu, aber alles sehr pittoresk.

Selbst das seidig weiche Trinkwasser aus dem Kirchbrunnen. Selbst die Kirchengesänge der deutschen Pilger, die wir wieder eingeholt haben. Selbst der Weg wieder hinaus aus dem Ort, mit Ziegen im Hang.

Auf den letzten zwei Kilometern unserer heutigen Etappe aber kippt der Frühlingstaumel: ein Gewitter nähert sich von Osten. Wir sehen Blitze, dann grollt der Donner über die Felder. In Ferne beginnt ein Bindfadenregen zu fallen, bei uns kommen dicke Lot-Tropfen an.
Zeit für Ponchos.

Bei Sandrine landen wir um halb fünf. Aus den geplanten 12 Kilometern wurden 17, wir sind happy nun hier zu sein. In Béduer, natürlich auf dem Kopf, Blümchen auf Mauer, gleich neben einem französischen Frankensteinschloss und einer vergessenen Ente.

Sandrine hat noch ein Doppelzimmer mit Aussicht und heißer Dusche für uns. Das ist sehr fein.

In der Gemeinschaftsküche erwärmen wir uns 600g Aligot vom Markt— diesmal frisch von einer lot’schen Grossmutti gemacht statt aus lieblosen Fertigpulver, Sandrine schenkt uns selbstgemachte Bärlauchcrème für unser Baguette. Als Nachtisch gibt es Sommerrollen vom Markt und M&Ms aus dem Rucksack.

Am Abend hören wir noch mehrere Pilger ins Haus poltern. Unter anderem die fußlahmen, Kirchenlieder singenden Deutschen und eine Französin mit so wildem Hund, dass er selbst uns too much ist (und das will wirklich was heißen.)
Unsere Zimmertür geht für heute zu, der Hund darf an den Zehen der anderen schlabbern, das Gewitter zieht vorbei.
Tag 10 auf der Via Podiensis:
Let‘s call it a (pilgrim‘s) day.

Es gibt Schlimmeres als 27km durch den Lot zu laufen…

Der Karfreitag fängt an, wie ein Karfreitag anfangen sollte: wieder wild geträumt, schlecht gelaunt beim Aufwachen.
Angemessene Laune bezüglich der Tatsache, dass der Messias vor knappen 2000 Jahren just an diesem Tag ans Kreuz genagelt wurde.

Unsere Herbergsmutter aber ist gut drauf. Schon vor dem ersten Kaffee erzählt sie uns (möglicherweise) ihre halbe Lebensgeschichte, leider verstehen wir kaum ein Wort, da ihr Akzent schwer livinhac‘sch ist. Wir nicken aber freundlich und lächeln.

Zwei Stück Baguette mit selbstgemachter Marmelade und ein Crêpe, danach geht’s wieder los. Bei Gewitterstimmung und drückender Schwüle in der Luft: Regenwahrscheinlichkeit 80%. Natürlich geht’s die ersten 200 Höhenmeter erstmal bergauf.

Die Luft steht, in ihr dunkele Geister, denen man durchaus zutraut, dass sie „Kreuzigt ihn!“ brüllen, ohne sich zu zeigen. Unbegründete Wut beim aufwärts schwitzen: es ist kein guter Pilgerstart heute.

Am Drei-Bischofskreuz verlassen wir das Aveyron: wir sind tatsächlich einmal durchs gesamte Departement gelaufen. Von Osten nach West: fast 150km.

Gedanken und Gefühle schwirren durch Kopf und Bauch, die im Blog nichts zu suchen haben. Rein physisch wirkt es heute so, als würden wir kontinuierlich nur ab- statt aufbauen.
Ob die Knöchel und Knie ab nun jeden Tag so drücken und ziehen und keifen? Oder gewöhnt man sich langsam daran?
Heute haben wir keine Ahnung. Wir werden es wohl irgendwann sehen. Und spüren.

Ein artistisches Refugium am Wegesrand für Gestrandete. Am liebsten wollten wir….müssen aber weiter.

Kleine Dörfer ohne Infrastruktur.
An einer Kapelle nehmen wir unser karges Mittagsmahl ein: drei Balisto Honig und ein Erdbeer-Apfel-Quetschie. Genug ist das nicht, aber sei es drum.

Das versprochene Trinkwasser an den Kirchen die wir abtippeln, bleibt aus. Auch die öffentlichen WCs sind zu. Siehe: Wir sind nicht mehr in Aveyron, sondern am Rande von Lot gelandet.

Obwohl angesagt —und die Luft schwanger von Donner— gewittert es den ganzen Tag über nicht.
Auch die Wanderslaune hebt sich —oh Wunder— wieder.
Sehr wahrscheinlich hat Ludwig sein Händchen im Spiel. Heute wärst Du 102 geworden:
Happy Birthday in den Himmel.
Zwei Kerzen in Montredon als Lichtgruss nach oben für Dich.

Und: Danke für Dein Geburtstagsgeschenk an uns: trockenes Wetter und Launenhub am Mittag.

Nach 15km beginnen uns Essensträume zu malträtieren. Träume vom frischem Spargel mit zerlassener Butter und Salzkartoffeln….
Sehr viel Weg, heute oft an der Straße entlang. „Gefährlich“, meint ein Warnschild, und gefühlt endlos.

Noch eine Kapelle.
Wieder finden wir im Besucherbuch einen Eintrag vom Pilger „Klaus-Jakobsjunge“. In jeder der von uns besuchten Kirchen hat er bisher seinen Stempel hinterlassen: mit dem Wollen/Brauchen-Gap Satz.
Erstmalig hinterlässt er in der Kapelle von Guirande nun auch noch seine Telefonnummer. Neben der Selbstaussage: „schon wieder der verrückte Deutsche.“
Ein bisschen traurig fühlt sich das an. Und sehr einsam.

Die Füße werden immer müder.

Am Straßenrand plötzlich die Frage:
Pilger, wo gehst Du hin? Warum machst Du diese lange Reise?

Eine sehr gute Frage an Karfreitag.
Warum laufen wir uns die Füße platt, die Achillessehnen wund, warum liegen wir nicht drei Monate einfach am Strand von Thailand? Es wäre sogar günstiger…
Ich habe eine Ahnung. Verraten aber will ich sie noch nicht.

Nach 18km kommt eine einsame Bank — wie gerufen, fast bestellt. Gewollt und dringend gebraucht!
Das Schuhe ausziehen aber erweist sich ganz und gar nicht als gute Idee. Beim wieder loseiern (anders kann man es nicht nennen), versagen die Füße fast den Dienst. Kein hysterisches Theater: für einen Bruchteil von einer halben Stunde glaube ich, keinen Meter mehr gehen zu können.
Augen zu und durch, versuch dich einfach auf was anderes zu konzentrieren. Atmen und einfach weiter im Eiergang.
Fast unglaublich, dass wir die letzten neun Kilometer wirklich noch schaffen.

Kurz vor Figeac.
Bullerbü Bauernhöfe, freilaufende Hühner, wunderschöner Weg bergab. Dann endlich das Ortsschild.
Mit einem toll designten „Nachts ist Licht aus“- Schild als Auftakt.

Figeac.
Gebrauchsstadt im Nordosten des Departements Lot. Knappe 10000 Einwohner. Knüsselig und sehr nett.
Man freut sich, dass der Ägyptologe Champollion (wer kennt ihn nicht?) Sohn des Dorfes ist. Trotz zahlreicher Krankheiten und Ohnmachtsanfälle schaffte der es die Hieroglyphen zu entziffern: ein Museum ist stolzer Zeuge davon.
Ansonsten wird hier wenig geprotzt, sondern eher gelebt. Gegenüber der Handwerkerbar liegt das Fachgeschäft für Gänseleberpastete.
Die beste Pizza der Stadt dauert eigentlich 2 Stunden, der Bäcker allerdings ist auch Magier: uns zaubert er ein heißes, vegetarisches Exemplar sofort unter der Theke hervor. Figeac … Du kannst es.

Nach 27km erreichen wir endlich unser Schröddelhotel. Passend zur restlichen Stadt, nahe der Kathedrale.

Unser Zimmer ist billiger als die Herberge — und geöffnet. Schöne Überraschung: aus dem angekündigten Gemeinschaftsbad wird nichts. Wir haben Dusche und Toilette tatsächlich auf dem winzigen Zimmer.

Dieser Karfreitag geht also versöhnlich zu Ende. Mit platten Füßen und nach viel Flucherei.
Dringend Zeit für eine Dusche und eine Fußmassage! Danach können wir auch die Frage abhaken:
„Mein Gott! Warum hast Du mich verlassen?“
Denn es gibt wahrlich schlimmeres, als freiwillig 27km durch Lot zu laufen….

 

Von einer Kriegsübung, einem pinkelnden Hütehund und dem Brauchen/Wollen-Gap

Eines der Highlights des Tages ereilt uns bereits kurz nach 8h: eine Cappuccino Maschine zum Frühstück! Zapfbar unlimited. Die Globetrottels haben schon jetzt keine weiteren Erwartungen an den Tag mehr, da alles perfekt ist


Weitere Freude:
Einer unserer Gürteltierfreunde ist auch hier. Weniger schön: wegen seiner Verletzung. Wir freuen uns trotzdem über das Wiedersehen.
Stempel an der Rezeption: überdimensional. Kurzzeitig ereilt mich eine zwanghafte Zuckung des Augenlids: NICHT über den Rand stempeln…war es schon geschehen. Die Dame am Tresen weiß nicht, dass wir mit unseren Stempelkästchen bis St Jean haushalten müssen. Ich nehme mir vor, das nächste mal, dies zu erwähnen.

Heute nur 5km. Sagt zumindest der Pilgerführer. Schlussendlich werden es sieben mit Gepäck und nochmal dreieinhalb ohne. Unsere Etappe: Decazeville — Levinhac-le-Haut ist also offiziell 10,2 km lang.
Den Mittelfuss freut es. Bei Anlauf wirkt er für einen Moment, als wolle er heute schnell schlapp machen. Dafür quietscht das Knie nicht mehr. Spoiler: bis zum Ende des Tages sollen beide gut durchhalten.

Auf dem Weg zur Kirche Decazevilles stolpern wir geradewegs in eine durchaus realistisch wirkende Militärübung:
Der Kirchplatz ist besetzt von Panzern (der Aufkleber: „Angles morts“ = toter Winkel bekommt hier nochmal eine ander Bedeutung) schwerbewaffnete Jungs mit Gasmasken verstecken sich hinter parkenden Autos. Kurzzeitig bin ich mir nicht sicher, ob wir irgendwas verpasst haben: „Chouchou, hast Du heute Morgen Zeitung gelesen?“ Alles in allem ein sehr seltsames Gefühl. Wie ein gruselige Vorahnung.

Zeit für Kerzen in der Kirche: für den Frieden im Allgemeinen und die Gesundheit im Speziellen.

Nächster Halt: Apotheke.
Aus Wellnessgründen kaufen wir Voltarensalbe. Nicht, weil die was bringt, sondern lediglich fürs Gefühl am Abend auf geschundenen Gelenken.
Tag sieben: wir bauen also bereits jetzt das abendliche Wundenlecken aus. Zum Hirschtalg gesellt sich Voltaren. Später google ich noch: „Selbstmassage Fuß“. Da geht noch was.

Durchs desolate Dorf zum Supermarkt.

Im Carrefour staffieren wir uns bestens aus: die Kinder in uns bekommen Crêpes und Quetschies, die Erwachsenen lokalen Rotwein.
Schwer bepackt geht es ab nun bergauf.

Auf dem Weg nach oben —natürlich zu einer Kapelle— die Frage, ob es vielleicht doch mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als das, was wir sehen?
Und: was bedeutet Frieden? Im Tal donnern Schüsse.
Weitsicht.

Oben. Pause.
Ein Schafshütehund kommt vorbei und wird nur im letzten Moment abgehalten an den Rucksack zu pinkeln. Passt ihm nicht: er knurrt. Ich auch.
Kapelle mit Katze. Jakobusfigur.
Ab hier geht’s auch schon wieder bergab — im Sonnenschein.

Glitschiger Abstieg mit Blick aufs nächste Ziel: Livinhac-le-Haut. Unsere Herberge an der alten Brücke über der Lot hat noch lange nicht geöffnet. Für uns heißt das: 3 Stunden Sommerferien am alten Pfeiler.

Wir sitzen im Sonnenschein, knabbern uns durch die Snacks (Oliven, Radieschen; Tomaten, Tartelette), dösen, lesen. Schuhe und Socken aus, die Welt wartet auf uns, ein Salamander kommt zu Besuch. Schön.

Um kurz nach vier checken wir —gemächlich, gemütlich— in unsere Gîte für heute Nacht ein.
Unsere Herbergsmutter gibt uns das Familienzimmer. Inklusive eigenem Bad und Terrasse, supermoderne Küche zur Mit-Benutzung. Schlussendlich nutzen wir sie für das Nüdelchen kochen ganz alleine…

Kurzer Gang durchs Dorf.
Niedliches Livinhac.
Der Name steht auch hier Kopf, ein progressiver Pilger hat eine griffige Empfehlung an ein Straßenschild getaggt: Macht Liebe! Peace.
Jakobsmuschel überall — an Wänden, zu Boden, als Skulptur.
Wanderschuhe mit Blümchen, Mosaike im brüchigen Asphalt, wir rasten an der Kirche des Dorfs.

Schon mehrfach sind wir in der letzten Woche über diesen Satz gestolpert:
„Der Weg gibt dir nicht das, was Du willst. Sondern das, was Du brauchst.“
Heute waren das 7 Kilometer, Sonnenschein und ein Herbergszimmer wie ein Schloss.
Würde es nach uns gehen: Davon bräuchten wir jeden Pilgertag etwas.
Wobei das ja dann „wollen“ wäre!?
Wie dem auch sei.

Heute haben wir es scheinbar ganz genau so gebraucht. Nach einer Kriegsübung.

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