Mit Nebel über den Hügeln und einen herzlichen Nacktkatzen-Salut geht es am Morgen weiter.
Weiter durch dieses freundliche Lot — mit seinen extrem freundlichen Menschen und nettem Sonnenschein.
Heute wandern wir auf Ziegenwegen: meist eng und steinig, die weite Aussicht ist weg. Auch das macht es gemütlich. Weil vermeintlich beschützter, weil die Überschaubarkeit bleibt?!
Wir treffen unterwegs einen weiteren Pilgerfreund und entschließen uns nach dem Smalltalk auf dem dweiteren Weg das Plaudern à la: woher, wohin? einfach zu lassen.
Die einzig spannende Frage wäre: warum.
Nicht: wieviele Tageskilometer machst Du? Bis wo gehst Du heute?
Sondern: Warum eigentlich gehst Du diesen Weg?
Und warum gehen wir ihn?
Neben sehr vielem Schweigen, das sich über den heutigen Tag legt, sprechen wir genau darüber und finden nur einen wagen Konsens.
Vielleicht gehen wir ihn in Hoffnung auf eine kontinuierliche Laufmeditation. Atmen, denken und dann irgendwann nicht mehr denken. Sondern fühlen. Und sein.
Irgendwann von den Füßen ins Herz: ein weites, ein stilles. Neugierig, was sich dort befinden mag, wenn man lange genug geschwiegen und zugehört hat.
Wenn man mit einem klareren Blick hinschauen kann. Vielleicht.
Das wäre doch ein ganz feiner Grund.
Immerhin eine recht schöne Hoffnung.
Heute bleibt wieder viel Raum für Gedanken und Ideen. Und Gefühle.
Just in dem Moment, da es wieder schwer wird stelle ich mir für einen Bruchteil der Zeit vor, dass jemand ganz besonders am Tagesziel wartet. Wie leicht dann plötzlich so ein Schritt wird. Herz geht auf und entleert sich. Gut ist das, auch wenn es etwas weh tut. Nicht nur den Füßen.
Mittagspause bei St Jean de la Laur.
Bestes Essen am Platz — frisch aus dem Rucksack.

Die einsame Schutzhütte wünscht: Buen Camino – und weiter geht’s durch Lot im Frühling.
Die Örtchen bleiben märchenhaft.
Zurück in die Realität holt kurzzeitig nur ein Schild, das die Wanderer bittet, Anwohner nicht zu belästigen und Ruhe zu wahren. S‘Il vous plaît.
Ab nun wandeln wir noch ein bisschen stiller. Noch immer durch Hobbitland.
Kurz vor dem Tagesziel: der „Circuit de cabanas“, der bis nach Limognes führt.
Schäferhütten at their best am Wegesrand. Die letzte —sakral anmutend— ist aus Jakobsmuscheln gefertigt. Ein Pilgerauffangbecken.
In Limogne leben die Menschen in Rapunzeltürmen. Und noch besser ist: sie leben — tatsächlich.
Seit gefühlten zwei Wochen laufen wir durch eine Szenerie, in der sich seit hunderten von Jahren wenig getan zu haben scheint. Zauberhaft, wie eine Reise in ein anderes Äon. Leider aber wird darin ganz oft auch nicht mehr gelebt.
Hier in Limogne aber wird noch geatmet, verkauft, geliebt, verloren, gestritten, diskutiert, gegessen, versoffen, gebetet, verkalkuliert, gehofft, verlobt, geweint.
Hier in Limogne wird noch gelebt.

Eine Wohltat, in dieses Leben mit eintauchen zu dürfen. Irgendwo im Zentralmassiv der Midi-Pyrenées, nachmittags um vier.
Die Kirchenuhr schlägt träge, die alten Damen legen eine Patience, die Jungen trinken Bier im Restsonnenschein und wir schließen Freundschaft mit einem Huskymischling.
Im Antikgeschäft gegenüber wird ein blauer Kinderwagen aus den 70ern angeboten. Wir spinnen Bilder, in denen wir genau diesen einen über das weitere Zentralmassiv schieben, beladen mit unseren Rucksäcken. Und eine Nacktkatze im Schlepptau. Wir spinnen also …vom guten Leben eben.
Heute bleiben wir in der kommunalen Wanderherberge: als erste in diesem Jahr.
Ab heute gilt es, den äußersten kleinen Gap zu streifen zwischen: Herberge zu und Herberge ausgebucht. Alle, die wir bisher trafen, bestätigen uns genau das leider so.
Der „Run“ auf den Jakobsweg wird immer grösser. Viele Herbergen sind bereits hier (lange vor dem Camino frances!) über Monate im Voraus ausgebucht.
Wir haben jetzt das Glück —im zerbrechlichen April— die Vorsaison zu streifen und damit die Chance auf ein spontanes Plätzchen in den Gîtes zu haben.
Wie gut, dass wir (genauer: der arme Chouchou) unser Zelt mitschleppen. Für den weiteren Verlauf. Ansonsten wären wir wohl ganz bald drin im Dauerschnelllauf auf die nächste Unterkunft.
Allein der Gedanke macht äußerst bocklos:
Morgens um fünf loseilen, um noch eines der wenigen nicht gebuchten Plätzchen in einer der nächsten Herbergen zu bekommen?
Je ne sais pas. Gefühlt hat das wenig mit dem erhofften Spirit zu tun, den wir uns vom Jakobsweg wünschen.
Umso mehr genießen wir die „Vorsaison-Freiheiten“.
Die Gîte hat ein Zweibettzimmer für uns. Und natürlich die ganze Küche. Wir fühlen uns wie kleine Königinnen, denen ein ganzes Reich gehört.

Königinnen, denen nicht nur „immer noch“ die zarten Füßchen weh tun, sondern „dauerhaft“.
Trotzdem gibt es an diesem Dienstag weder einen richtigeren Ort, noch eine richtigere Sache, die wir tun könnten als:
Weiterlaufen.
(P.S.: Danke Tops für diese super Animation!)














