Unterwegs im Magicbus

Autor: Chérie (Seite 11 von 28)

Scheise-randonner und vegetarisch essen wie Gott in Frankreich

Geschlafen bei unter 16 Dezibel: wer dann noch wach wird, darf sich sicher sein, eine ruhige Nacht gehabt zu haben.
Hatten wir. Herrlich. Und lebendig wieder erwacht.
Ich versuche mich mit unter 15 Dezibel über knarrende Treppen nach unten an die Kaffeemaschine zu schleichen, um Raymond nicht zu wecken. Der aber sitzt schon munter beim Frühstück.

Statt Baguette mit Konfitüre gibt es heute Morgen für uns Raymonds sehr bewegende Lebensgeschichte zum Petit-dejeuner.
Ein wackerer Mensch, der —nach einem herzlichen Lachen— genauso zu Tränen rührt. Lachyogalehrer aus den Schweizer Alpen und Postbeamter a.D..
Ach wir Menschenseelen. Tragen alle unser Päckchen. Mal leicht, mal schwer — manchmal gemeinsam, manchmal allein.
Ganz sicher macht es es uns allen einfacher, wenn wir unsere Geschichte teilen. Einfach mitteilen. Gemeinsam lachen und weinen — verbindet. Gemeinsam leben — eben.
Ein gutes Learning beim zweiten Kaffee.

Außerdem steht für uns heute allzu nicht viel an. Außer des obligaten „neue Unterkunft für morgen suchen“ und „etwas warmes Vegetarisches auftreiben, das nicht gekocht werden muss“.
Beides dauert zusammen drei Stunden. Natürlich eine Unterkunft für morgen gefunden zu haben.
Sagte ich schon, dass die Logistik beinah so anstrengend ist, wie das laufen?
Meine Fersen sehen das zwar ganz anders, aber mein Kopf hat natürlich rechter. Darauf erstmal Käsekuchen.

Immerhin finden wir für die zweite und dritte Etappe nach Montreal schon jetzt eine Unterkunft. Es war uns so lange zu wider, tatsächlich drei Tage vorauszuplanen, nun aber endlich fruchtet das „eines besseren belehrt zu sein“.

Die nächste Etappe bis nach Eauze aber scheint heikel zu werden.
Entweder antwortet niemand auf unsere Anfrage via Telefon oder Mail oder die Kommentare sind so vernichtend, dass man gar nicht mal fragen mag.
Mein Lieblingskommentar nach „ungesund“, „Wespennest im Zimmer“ und „da muss das Gesundheitsamt rein, um dicht zu machen“ lautet:
„When the owner took of all his clothes in front of us and jumped naked into a discusting little green lake I decided that I’ve had enough.“
Bonjour Via Podiensis.

Den Rest des Tages sitzen wir auf der kleinen Piazza vor dem Supermarkt in der Sonne. Ein koreanisches Paar zieht vorüber: sie flott, er Piratenbein.
Ein einheimischer Filmemacher um die 80 spricht uns an: sei Scheiße hier zu wohnen, sagt er. Genauso Scheiße wie wandern. „Scheise-randonner“, wie recht er doch hat.

Im Supermarkt wählen wir das zweite (und letzte) vegetarische und Mikrowellen-kompatible Essen: Kartoffelgratin aus der Dose. Dazu gibt es Raymonds zurückgelassenen Salat, aus dem wir die arme „Poulet“ rauspulen. „Essen wir Gott in Frankreich“ ist nix für Vegetarier.

Und dann ist unser Pausentag viel zu schnell auch schon wieder um.
Eine Wanne darf es noch geben (lieber Gott, bitte mach, dass das Wasser heute warm wird!) und ein Glas Wein.
Nicht halbvoll, sondern voll bitte.
Habe ich von Anna Rosa gelernt.
Gut, auf die Weisen zu hören:
Glas voll machen bitte und „scheise randonner“.
Wo bitte ist also das nächste Taxi?


Wanderlust lost. Finderlohn geschrieben.

Der erste Gedanke nach Augenaufschlag: Nein, Mann, ich will noch nicht gehen. Und genauso wenig tanzen….

Aber es hilft ja nix. Also Rucksack gepackt und weiter. Selbst die neue Mütze, meine unschlagbare „Jesus loves you -Chaquette“, hat sich vor mangelnder Motivation schon heimlich vom Acker gemacht — wohl das Teil im Leben, das nach Erwerb als allererstes wieder verloren ging. Der Appetit kommt beim Essen, der Spurt vielleicht beim Angehen!? Schaun ma ma….

Bei Kilometer 10 (und einem Umweg von tausend Schritten) sind wir endlich in Larressingle: Dörfchen mit der intaktesten mittelalterlichen Verteidigungsmauer westlich von Caraccasonne. Ein Hauch Mittelalterburg für Arme.
Drinnen: einige Touristen, die über halsbrecherische Treppen kraxeln müssen, um vor geschlossenen Geschäftchen zu stehen. Ein Herr malt in meditativer Ruhe die Lettern des Touristenbüros nach, man eilt nicht mit dem Saisonstart hier.
Fotoausstellung an Burgmauer, ein einziges Lädchen öffnet dann doch noch nach unserem Mittagessen (mal wieder Baguette mit Käse), verkauft aber leider keine „Jesus loves you -Chaquette“.
Sehr aufmerksamer Hütehund mit Jagdtrieb im Gras, wir treffen die Australier wieder, die heute sehr frieren.

Weiter geht’s durch Weinberge und über Äcker. Mittlerweile mit der Akzeptanz, dass unsere Fersen auf ewig und für den Rest unseres Lebens schmerzen werden. Wer das annimmt, kann einfacher weitergehen.
Pause im Gras, ein Meilenstein am Wegesrand: „bis nach Santiago noch 1000km“. Olle Pilgerbrücke aus dem 12. Jahrhundert und ein richtungsweisendes Strassenschild für Zweifler:
Rechts -> „L’Inquietude“ (=Unruhe, Besorgnis, Sorge).
Links -> Compostelle
Ein Traum für jedes magisch denkende Menschlein….
und dann sind wir für heute auch schon da.

Montréal. „En Gers“, nicht in Kanada.
Mittenmang hat’s ein B&B für uns (Zugang nur über einen abenteuerlichen Zahlencode, dafür mit eigenem Stempel in der Küche), das wir heute nur mit Raymond aus der Schweiz teilen.
Im Supermarkt holen wir uns das einzige, semi-vegetarische Essen, das sich in der Mikro erwärmen lässt, da in der Pension heute keine Herdplatte zur Verfügung steht. Der Lachs muss für uns heute leider „fleischfrei“ sein. Ansonsten gäbe es nur Brot und Käse und das reicht den Muskeln nicht nach über 20 Kilometern.

Eine Wanne, ein Plausch, dann Füßchen hoch.
Nach einer weiteren entspannten Nacht kommt sie ja vielleicht doch irgendwann noch mal wieder: diese Wanderlust, die verloren ging zwischen Wegekreuz und Acker…irgendwo im Gers. Zwischen Condom und Montreal.


Auf der Suche nach der Kraft

Pausentag in Condom in Hoffnung auf das wieder Auffinden der eigenen Kräfte.
Nach der ersten Nacht sind sie nicht noch zurück gekehrt. Also müssen wir sie wohl suchen gehen.

Wir bummeln zum Frühstück und gönnen uns diverse Kaffee: nix.
Am Vormittag eiern wir in die Stadt, in der Hoffnung Unterstützung in der Kathedrale zu finden. Immerhin gibt es sehr wundervolle Kunst dort und ein tiefes, spirituelle Ambiente. Frischer aber sind wir danach noch immer nicht.

Am Mittag holen wir uns im einzigen veganen Restaurant im Umkreis von 500 Kilometern das Mittagsmenü. Schmeckt phantastisch, aber an der Energie macht es gar nix.
Am Nachmittag essen wir Kekse aus der Bäckerei ums Eck, am Abend Pizza aus dem Automaten noch ein Eck weiter.

Und was tut sich an der Kraft?
Nichts.
Jemand hat den Stöpsel gezogen. Und wir haben ihn heute nicht wieder reinbekommen. Sagen lässt sich aber: an der Menge des Essens kann es nicht gelegen haben…

Jakobsweghänger nach 22 Wandertagen und 420 Kilometern.
Vielleicht ist das ja auch gar nicht so unnormal?
Dass man sich nach über 400 Kilometern hoch und runter und zu Fuß durchs Zentralmassiv mal fragt , warum —zum Teufel— man eigentlich keinen Bus nimmt…


Nach Condom mit dem Gummihammer

25 Kilometer bis Condom, sagt Chouchous Planung am Morgen. Am Abend sagt mein Schrittzähler: es waren 30 Kilometer, in denen irgendwann der Mann mit dem Hammer zuschlug.

Am Morgen geht es einigermaßen entspannt und spät los. Noch immer meinen wir, wir hätten es nicht eilig. Zusätzlich hat die Hitze —Gott sei dank— nachgelassen. 15 Grad und Wind. Wunderbar.

Die ersten fünfzehn Kilometer laufen recht fein. Wir treffen tatsächlich die Eselfamilie wieder: natürlich hat der Sture sich nicht übers Wasser zwingen lassen. Sie mussten also kilometerweit zurück in Richtung Straße, um einen trockenen Umweg zu finden.

Schöne Rosensträucher am Dorfrand, im Nichts ein märchenhafter Abzweig in ein erdachtes Örtchen namens Tougnet, toskanische Weindomainen und eine wunderschöne Kapelle, in der unbedingt eine Kerze für den Frieden angezündet werden muss und ich endlich die Losung aus Auvillar öffne: „Hab Geduld. Alle Dinge sind schwierig, bevor sie einfach werden.“

Der Boden sieht heute meist so aus, wie ich mich fühle: brüchig, ausgelaugt, nährstoffarm. Wir rasten auf dem Acker. Sitzen mit Ausblick, als plötzlich der Unsichtbare mit Hammer kommt und uns einmal hart auf den Kopp haut.
Es ist, als würde jemand plötzlich einen Stöpsel ziehen. Wie bei einem Luftballon, dem die Luft ausgeht. Plötzlicher Kraftverlust nach recht exakten 400 Kilometern zu Fuß. Beim Aufstehen schiesst unbekannter Schmerz ins Knie. So auch noch nie da gewesen. Wir betreten anscheinend eine neue Phase.

Condom heißt uns mit einem Meilenstein willkommen. Laurent und Argent haben noch ein Plätzchen in ihrer bunten, russischen Herberge für uns. Wir buchen zwei Nächte: in der Hoffnung, dass wir die verlorene Kraft über Nacht wieder einsammeln.

Pizza im einzigen, geöffneten Etablissement am Platz. Seltsam, dass es noch hell ist, als wir aus dem Restaurant heraus kommen.
Noch? Oder schon wieder?
Tja, wer weiß das schon!?
Hier in Condom.
Am ehesten der Unsichtbare mit Gummihammer — nehme ich an.


Ein heißer Tag in Gers — irgendwo am Ende der Welt.

Ein magisches Entrée am Morgen: über der Weite von Marilyns und Michels Garten geht die Sonne mit großem Powwow auf. Mit ihr steigen die Mücken aus dem Gras: ein Sonntag morgen im Department Gers. Man kann die kommende Hitze des Tages bereits greifen.

Zum Frühstück gibt es „verlorenes Brot“: gebraten mit Milch und Zucker. Im Übernachtungspreis mit drin. Nicht mit drin: Marilyns Mitleid mit meiner triefenden Nase. Von irgendwo her kruscht sie alte Allergietabletten hervor — leider abgelaufen. Aber die ganze Rolle rosa Toilettenpapier als Tagbeigabe soll mir beste Dienste leisten. Am Nachmittag ist sie aufgeschnaubt.

Neuer Globetrottelsrekord: wir brechen um viertel vor neun auf. Und werden gleich wieder gebremst, denn der Supermarkt hat noch geschlossen.
Wir lernen: es gibt keinen Grund zu hetzen. Nicht mal, wenn die Monsterhitze des Tages auf einen wartet. Ab morgen also geht es wieder deutlich später los.

Neun Uhr: die Epicerie öffnet ihre Rollläden, ein Einbeiniger ist schneller als wir und als allererster im Laden: Höchstgeschwindigkeit mit Piratenfuss.
Er packt zwei Flaschen Pastis und zwei Flaschen Rosé in den Einkaufskorb: sein Sonntag kann kommen.
Für uns gibt es lediglich Perrier — auch zwei Flaschen — und die Caminoschirmmütze, die in der Auslage liegt. „Pour le soleil,“ mit Pilgermuschel drauf. Es fehlt nur noch der Tag #jesuslovesyou — dann ist der Jakobswegdeppenlook fertig. Mit Überlebensmützchen.

Die Sonne steigt, dieser Sonntag ist ein Tag der Tiere.
Frösche quaken, Vögel singen, Hummeln brummeln, ein Reh hüpft vorbei, ein Feldmäuschen piept. Alles super, solange eines der zahlreichen Insekten nicht Anflug auf die Pilgerohren nimmt.
Der Himmel scheckt sich: elfenbereit. Das mildert die Hitze allerdings gar nicht.

Natürlich holt uns dje Wickelkindbande wieder ein. Wir treffen die Absprache, sollten sie es heute ein zweites Mal schaffen, gemeinsam in der einzigen Whiskeybar von Lectoure ein Bier zu trinken. Sorry, dass ich spoilere: natürlich kommt es so…

Ansonsten hüpft uns heute nur noch ein australisches Paar über den Weg (sie finden es überhaupt nicht heiß, sagen sie, während sie wilden Spargel von Wegesrand futtern) und ein unheimlicher Typ (nennen wir ihn Hannibal), den wir seit zwei Wochen immer wieder sehen. Immer mit anderen Frauen, die ganz schnell Reißaus zu nehmen scheinen. (Hoffentlich nix schlimmeres…)

Dann kommt irgendwann Lectoure in Sicht. Auf der anderen Seite des Tals. Und kommt und kommt nicht näher….
Nach 21,6km aber sind wir dann trotzdem da. Mal wieder gar gebrutzelt.

In der Stadt der Thermen gönnen wir uns das Hotel am Platz. Wir haben Glück: die hundertzwanzig Zimmer scheinen schwer zu belegen, entsprechend günstig sind die Last-Minute-Preise, wenn man 24 Stunden vorher bucht.
Wir schießen ein Zweibettzimmer mit Kitchenette für den Preis einer Pilgerunterkunft und fragen uns, warum die anderen Fußkranken es nicht auch so machen!?

Nach einer sehr nötigen Dusche schlagen wir uns in den Ort. Statt richtigem Essen gibt es Eis — weil die wenigen Restaurants am Platz ausgebucht sind. Wohl dem, der sich mit vier Kugeln Schoko, Tiramisu, Johannesbeer und Zitrone durchschlagen kann. Wir gehören zu dieser Spezies. Immerhin hat die Sportbar geöffnet…

Was für ein Abend.
Man meint, dass der Herr neben uns alleine da ist. Ist er aber nicht. Er ist derjenige, der sich am angeregtesten von allen unterhält. Mit seiner Zeitung. (Es steht heut ja auch wirklich viel drin, zu dem man erschrocken sprechen kann.)
Der Checker mit Sonnenbrille und Bossköter kennt uns nach dem ersten Bier: „Ihr seid so Typen, die nur halbe trinken, oder?“ Genau so ist es.
Ein zutraulicher Salamander kommt auf dem Tisch vorbei, klettert erst auf meinen Arm und dann auf Chouchous Täschchen, von dem er wagemutig abspringt um auf Chouchous Hand zu landen. Schwanz um Finger — mein Revier.
Wir fühlen uns sehr zu Hause. Mitten in Bukowskiland mit dem gemütlichsten Wirt jenseits bretonischer Fischbuden.
Und dann steht plötzlich Pierre vor uns…

Wer Pierre vergessen habe sollte:
Pierre war derjenige, mit dem ich vor vielen Tagen in der Herberge in Moncuq versucht habe über Napoleon zu diskutieren. Ging schief.
Er ist derjenige, von dem wir dachten, er würde uns beim Abschied vor Verachtung am liebsten ins Ohr beißen. Derjenige, der still am Tisch sein Entenfleisch kaute.
Was auch immer Pierre hier macht (eigentliche war er auf dem Rückweg nach Marseille!?), er scheint sich sehr zu freuen uns zu sehen.

Dinge können sich ändern.
Also teilen wir uns heute mit Pierre ein Bier.
Der dicke Köter des Checkers chillt auf dem Bordstein, der Mann mit Zeitung neben uns verfällt in hitzige Diskussionen mit seinem unsichtbaren Begleiter, im Fernsehen läuft Pferderennen, der Wirt küsst eine Dame mit Rollator — einfach um ihr einen guten Abend zu machen. Und dann läuft Hannibal in kurzer Hawaiihose vorüber. Allein….natürlich.
Ein heißer Tag, der ausatmet. Hitze und Menschen. Irgendwo in Gers, am Ende dieser Welt.


Federleicht? Ich bin doch keine Pusteblume oder: Pilgern mit Esel

Eine prima, erste Zeltnacht in Sabines Zaubergarten, den wir auch am Morgen noch immer ganz für uns alleine haben.
Alles bestens, mehr als das! — wenn denn meine Nebenhöhlen nicht wären.
Alle finden Zelten super, nur die empfindlichen Höhlchen mochten die 8 Grad nachts anscheinend gar nicht.
Mal wieder machen sie dicht. Nach acht Wochen Ruhe. Eine sehr, sehr nervige Aktion von ihnen. Aber eine wirkungsvolle.

In den letzten Monaten haben wir auf die harte Tour gelernt, wie mächtig so Hohlräume im Kopf sein können. Und dass kleine Beschwerden ganz schnell zu ganz fiesen Großen werden können, wenn man nicht auf sie hört.
Schweren Herzens also entscheiden wir uns, in der nächsten Nacht wieder auf feste vier Wände umzusteigen. Einzig und allein fürs Riechhirn: das älteste von allem. Doofkopp. Mächtiger.

Mit dieser Entscheidung wird unsere Strecke gleich fünf Kilometer kürzer. Bis zum nächsten Camp wären es 28km gewesen, so laufen wir heute also nur 23km bis zum Chambre d‘Hôtes in Miradoux. Immerhin bei 27 Grad. Und die meiste Zeit ohne Schatten. Eine ganz neue Herausforderung: am lebendigen Leibe gebrutzelt werden. Ist fast wie Hummer ins kochende Wasser zu werfen. Wir laufen heute also in Gedenken an alle armen Lobster der Welt.

Kurze Runde durchs nette Auvillar:
Ufolandestation mitten im Ortskern (getarnt als „Kornkammer“), kleine Figürchen wachen über enge Gassen. Großer Uhrenturm am Ende der Uhrmachergasse. Frühstück holen wir uns um 11h aus dem Supermarkt: eindeutig zu spät an einem Grillsamstag.

Auf dem Weg (meist schattenfreier Asphalt) treffen wir eine Familie mit Esel.
Sie sind erst heute losgestartet: hochmotiviert. Mit sechs Kleinen, einem Kinderwagen und eben diesem Esel.
Wir staunen mit großen Augen. Herzen öffnen sich: Wie toll ist es bitte mit einem Esel zu pilgern!? Herzliche Glückwünsche wechseln den Besitzer.
Der Neid hält jedoch nicht allzu lange an.
Nach einer Kaffeepause hoch oben über den ersten Wellenzügen der „französischen Toskana“ geht’s runter auf den Acker, dann rein ins Gras, dann in den Matsch, bevor ein Flüsschen den Weg versperrt. Selbst ohne Kinderwagen eine Herausforderung. Geschweige denn mit Esel…

Nachdem Chouchou leichten Fußes über glitschige Baumstämme das andere Ende des Bachs mühelos erreicht, ziehe ich lieber die (erneut komplett eingesauten) Ons aus, werfe sie rüber und passiere beherzt durchs Wasser mit Plastikschlappen.
Die Kinder staunen nicht schlecht, der Sechsjährige greift den Zweijährigen aus dem Kinderwagen und rettet ihn —schlecht gegriffen, aber immerhin trocken—barfuß übers Nass. So schweben noch drei weitere kleine Menschen über den Fluss, nur einer, der bewegt sich keinen Zentimeter. Der Esel.

Um allen Beteiligten die Schmach des Zuschauens zu ersparen gehen wir nach (zugegeben)!sehr glotzendem und verzögertem Schuhe-wieder-Anziehen langsam weiter. Neugierige Pause nach zwei Minuten im sparsamen Schatten muss dann trotzdem sein: doch die Eselfamilie ward nie mehr gesehen.
Ich stelle mir vor, wie sie noch immer dort unten an der Furt stehen (die Sonne ist lange untergegangen) und sich so langsam beginnen zu fragen, ob die Sache mit dem Esel wirklich eine so gute Idee gewesen ist…

Stopp in Saint Antoine um kurz vor zwei (Antoine: in Gedenken an den unvergessenen König des Milchtritts aus Banyuls).
Wir bekommen die besten, kalten Colas der Welt. Die Hitze hat mittlerweile ein Großteil des Frontallappens kleingeprügelt. Wir sind fertig mit den Nerven und die Temperatur steigt noch immer. Wer aber kommt locker wippend ums Eck!? Genau. Die Wickelkindbande ist zurück. Incroyable….

Die letzten Kilometer bis nach Miradoux sind wie Taumeln auf Herdplatte:
Der Asphalt ist vom Tag nun gänzlich hitzeaufgesättigt. Niemand Lebendes bezweifelt ab nun mehr, dass dieses glühende Gestirn am Himmel wahrhaft töten kann. Die Globetrottels geröstet in den französischen Toskana. Durch, aber nicht mehr knusprig. Feuermelderköpfe, verzweifelt mit einer weißen Salbe beschmiert, die mittlerweile nur noch bröckelt.
Selbst die perfekte Pusteblume an Wegesrand hat eigentlich keine Kraft mehr ihre Schirmchen zu halten. Da aber kein einziger Windhauch geht, bleibt das Federbüschel aus purer Hitzelethargie einfach stehen. Kann nicht mehr, will nicht mehr. Unter dieser Sonne wird heute nicht mehr geflogen, mein Löwenzahnbürschchen.

Nach 23 Kilometer klingeln wir knallrot bei Marilyn und Michel.
Wir fassen zusammen: Nase will zelten nicht mehr, der Rest von uns will kein Gîte, Hotel gibt es weit und breit nicht, also bleibt uns nur noch eins: abbrechen oder „Chambre d‘ Hôtes“. Heute also letzteres bei Marilyn und Michel— gleich neben ihrem Wohnzimmer.

Oft sich ja die Partys die besten, auf die man am Anfang so gar keinen Bock hatte.
Ähnlich ist es heute hier.
Wir sneaken uns zum „Abendessen“ ins Dorf: die „Restaurants“ auf MapsMe gibt es natürlich nicht, so dass wir Brot mit Käse auf dem Supermarkt neben der toten Kirche mümmeln müssen. Egal.
Hauptsache, es macht satt und hält die Übergangsfigur.
Als wird zurück kommen, stellt Marilyn und ein Bier in die Aussicht: französische Toskana in sanftes Abendlicht getaucht. (Allerdings hat es —verglichen mit Italiens süßer Hügelwelt— das zehnfache an Insekten hier.)
Die Hitze lässt langsam nach und tatsächlich landen wir abends dann doch noch auf ihrem Sofa.

Das, was sich in der Vorstellung erstmal so schwer anfühlte, kann plötzlich ganz federleicht sein. Manchmal nicht so viel denken…
Wie gerne würde ich das jetzt dem Esel flüstern, der bestimmt noch immer am Bächlein steht ohne auch nur einen schnöden Gedanken daran zu verschwenden, einen Huf vor den anderen zu setzen: „Federleicht? Ich bin doch keine Pusteblume.“
Unter dieser Sonne kann heute vielleicht doch noch geflogen werden, mein Löwenzahnbürschchen. Manchmal nicht so viel denken….


Folge dem Kanal nach Auvillar

Wie immer später Abgang aus Moissac mit Ei zwischen den Zähnen und geschmierten Baguette in der Tasche. Heute meint es der „Chemin“ sehr gut mit uns:
24 Grad und Sonnenschein, 22km ohne einen einzigen Höhenmeter, 20,8km davon auf asphaltierem Radweg immer am Nebenkanal der Garonne entlang.
Man könnte beim gehen fast die Augen schließen.

Erinnerungen werden wach: an den Canal du Midi irgendwann in den 90ern. DePabels an der Schleuse, zwei Hollandräder in Carcasonne, verwaiste Städte, Essen von Welt, ein Nagel der eingeklemmt wurde und lange nicht zurück kam.

Heute gibt es den ganzen Tag nur ein einziges Flussboot. Wehmütig schaue ich ihm nach. Voraus gesegelt, – wir laufen mit wehen Füßen hinterher .
Irgendwann m, Kapitän, werden wir einander Wiedersehen. Spätestens im Hafen.

Irgendwann tapst Claire vor uns. Sie hat ihre Schuhe nicht reparieren lassen und wird nun bis Lectoure schlappen müssen. Eine Entscheidung, die auf dem Radweg bei jedem Schritt knallt.
Sie habe über meine Worte nachgedacht, sagt sie. Dass alle Religionen doch eigentlich ein und das Selbe eines großen Ganzen seien.
(Am Rande: das ist übrigens auch kein Top-Gesprächseinstieg in Pilgerherbergen: alle Religionen als einen Brei zu bezeichnen. Es folgt als großes No-Go-Thema gleich nach Napoleon. Ich habe es selbst getestet.)
„Non!“ sagt Claire, ich täusche mich. Denn nur die Christen würden die Nächstenliebe in den Mittelpunkt stellen.
Wie gerne hätte ich nicht nur jetzt so viel mehr französische Worte.

Als Nächste treffen wir die Wickelkindfamilie wieder. Natürlich sind wir wieder vor uns. Es ist unglaublich: eine Rasselbande Superhelden. Die Pampers wird heute auf dem Radweg gewechselt, Muschel um Kinderhals klackert und ab.
Ein Minidrachen flitzt vorüber, zartrosa Blüren sind auch da.

Irgendwann erreichen wir dörrobstgleich Auvillar. Genau genommen nach 22 Kilometern, die letzten vier davon im prallen Sonnenschein auf Landstraße. Zwei Türme des Atomkraftswerks zaubern einen Hauch Dystopie: Sonnenstrahletag in der Heimat der Gönsestopfleber.

Da erste mal auf dem Camino dürfen wir heute zelten. Bei Sabine im Hippiegarten mit Aussicht auf Garonne und die Türme.
Sabine ist eine Zauberfrau. Sie hat hier in Auvillar einen Ort kreiert „den ich als Zeltende immer gerne gehabt hätte“.
Ein Ort, der nicht nur alles hat, was Zeltende gerne hätten, sondern obendrein einen ganz hervorragenden Spirit. Wie man ihn selten noch findet. Ein Traumcamp.

Heute haben wir den gesamten Garten für uns alleine. Mit offener Küche und Dusche und eigenem Toilettchen. Auf Vertrauensbasis.

Unser Tütenzelt im Look von Plastiksack steht schnell. Jetzt braucht es nur noch etwas zu essen im Paradies. Dabei stellen wir uns an, als seien wir das erste Mal außerhalb von Bonn. Alle Details hierzu sollen verschwiegen bleiben, damit die Fremdscham nicht allzu sehr überhand nimmt.
Verraten werden darf eins: nach zwei Stunden bekommen wir das einzig vegetarische Essen im Ort. Verpackt und schon fast wieder kalt.
Nicht, dass wir es hätten mitnehmen wollen, aber sei es drum. So geht es manchmal,
„Wenn jemand eine Reise tut
so kann er was erzählen,
drum nehm ich meinen Stock und Hut“
und schweig. Ich kann’s ja wählen.


Gewusst wie…nach Moissac.

Nachdem die Pilgerheuschrecken über das Frühstück hergefallen sind —gefühlt kurz nach Mitternacht — haben wir sehr großes Glück. Genug Kaffee ist noch da. Und ein Joghurt für zwei. Lernen, dankbar zu sein.

Mal wieder als allerletzte geht es für uns um kurz vor neun los. Persönlicher Frühstartrekord, trotzdem wieder Schwanz der Schlange.

Heute treffen wir sie alle wieder: Claire (die wir fast aus dem Matsch retten müssen), die Wickelkindfamilie (erstaunlicherweise immer vor uns), die belgischen Sozialarbeiter mit Hang zu Eklipse. Und wir lernen zwei neue Menschen kennen: die Allgäuer Dorfkinder (Typ: Studiosus-Reisende Lehrer a.D.), die uns ins Glockenalphabet einführen und mit ihrer Definition von Lebenssinn in der Einsamkeit zurück lassen: „lebenssatt den Löffel abgeben“.
Manchmal reicht das.

Lebenssatt den Löffel abgeben,
Auf diese messerscharfe Weisheit darf ich in der Kapelle läuten. Nur einmal.
Und lerne gleichzeitig: die Glocke ist nicht für den öffentlichen Gebrauch gemacht ist. Schade.
Für mich war der Bommel stets eine Einladung, mich dranzuhängen und zum Gruß an die Götter kräftig zu ziehen.
Ist wohl nicht so. Wieder was gelernt.

Ab hier geht langsam das Schlittern los. Die Wege werden immer schlechter, irgendwann kommt man nur noch mit der Wildschweintaktik weiter: Augen zu und durch. Eher Matschlanglauf als wandern. Kilometerweit (und so anstrengend, dass kein einziges Foto entsteht).

Bei Kilometer 20 geht uns die Lust aus. Wir alternativisieren den Weg über die Landstraße. Zwar fahren hier LKW ohne Seitenstreifen, unsere Geduld ist aber so aufgebraucht, dass wir die intermittiernden Schnellfahrwinden in Kauf nehmen. 5 Kilometer lang.

Über den Acker und ein Bächlein zurück auf den Jakobsweg. An einer Friedhofskirche mit Aussicht vorbei, an der wir endlich lernen, was genau denn nun drin steckt in den französischen Gruften.
Nach der Pause auf der Bank streiken die Fersen endgültig. Noch sechs Kilometer bis Moissac.

Nach Kilometer 26 kann man nicht mehr schön tun. Was beim Joggen im Park gut funktioniert (flotter Mensch kommt entgegen: plötzlich geht man locker, problemlos und deutlich schneller — bis der Passant endlich vorbei ging…), tut es hier nicht mehr.
Schmerzen, die man nicht mehr überspielen kann. Atmen in die Fersen, auspusten, zählen. Und beten. Bis das Ziel endlich da ist.

In Moissac haben wir für zwei Nächte ein Appartment gemietet. Um die 32km wieder aus den Gelenken zu schlackern. Gott sei dank in keiner Herberge.

Auf dem Jakobsweg gibt es —genau so wie im echten Leben— sehr viele Menschen, die ganz genau wissen, wie Pilgern und Leben richtig funktioniert.
„Du musst den Weg alleine gehen.“ „Wer nicht in Herbergen übernachtet, verpasst etwas wesentliches des Pilgerwegs.“
Da wir nicht diejenigen sind, die das alles verstanden haben, machen wir es (wenn’s irgend geht) anders.
De facto waren wir nie die Kegelclubtypen, nie die Gruppenmenschlein oder Vereinsfreunde. Warum sollte das auf diesem Weg nun anders sein?
Die Kontakte in den Herbergen kosten uns fast genauso viel Kraft wie das Gehen alleine.
Ausserdem mögen wir es nicht so gerne, wenn jemand uns die Essenszeiten vorgibt oder was auf den Teller kommt (—wird gegessen.)
Wir mögen es nicht so gerne, wenn ab 21h nur noch auf Zehnspitzen gegangen werden darf, weil alle schon schlafen wollen.
Wir mögen keine geschlossenen Fenster, wenn sechs Menschen nachts in einem Raum atmen — mit getragenen Socken über einer bollernden Heizung.

Manche meinen, wir beraubten uns einer Erfahrung, wenn wir die Herbergen meiden.
Manche meinen, dieses „über die eigene Komfortzone hinausgehen- Massenherberge“, gehöre auch mit dazu: zum Pilgerweg.
Manche meinen, es gibt nur den einen richtigen Weg. Den eigenen natürlich.

Wem dieser Typus Mensch begegne und in just dem Moment ein wenig der Humor fehle, dem darf eines geraten werden: am besten mit den eigenen Waffen zurück zu schlagen.
Ach, meinen Sie? Ich meine:
„Mille viae ducunt hominem per saecula Romam“.

Tausend Wege führen die Menschen immerfort nach Rom.
Ein Studiosisreisender braucht dafür nicht mal eine Übersetzung….


Nicht den Hampelmann geben —müssen


Um 03:33h werde ich wach. Das mag an der Sonnenfinsternis in den USA liegen — würde die belgische Sozialarbeiterin meinen. Tatsächlich aber weckt mich ein unspezifisches Unwohlsein, das ich zuerst nicht konkret benennen kann. 30 Minuten wälze ich mich hin und her, dann hab ich´s: es ist Ärger. Ein Ärger über die Szenerie. Hereingerutscht in etwas, das wir bisher noch nie selbst erlebt. Bis gestern. Das erste Mal haben wir eine französische Blasiertheit erlebt, von der wir dachten, es gäbe sie nur im Büchlein der Vorurteile. Ein bornierter Zusammenschluss der Grand Nation gegen die deutschen Kretins. Das war es, was über dem gestrigen Abend schwebte, was wir beide aber nicht greifen konnten. Es passt, dass die (auch des Deutschen mächtige) Gastgeberin uns beim Frühstück —gefühlt zur Bestärkung aller— fragt, wie man „delicieuse“ denn nochmal auf Deutsch sagt!? Ein „lecker“ knallt über den Tisch und fegt alles feingeistige hinfort. Die selbstgemachten Konfitüren gelieren eine Nummer fester in den Gläsern, ein Stück Butter schweigt steif. Ein grobes Volk, diese Deutschen. Wir wissen, dass ein „Achtung! Schmackhaft.“ auch nichts mehr gerettet hätte. Heute morgen scheinen alle froh, als wir endlich vom Hof dackeln. „Dackeln“, nicht „promenieren“.“/>

In Montcuq decken wir uns erstmal mit Croissants ein. Ein älterer Herr spricht uns auf der Straße an: ob wir den Jakobsweg suchten!? In der Tat, das tun wir. „An den Bäumen, die in der germanischen Mythologie das Zentrum der Welt bedeuten einfach links,“ sagt er im herzzerreissenden Sprachstakkato der mühsam gegen Parkison Kämpfenden. Und schlürft mit seinen Hausschuhen von dannen.

Für uns gehts heute durch sehr viel Matsch. Teils an Seilen hoch und runter ziehen und schleppen wir uns durch einen Wald, der durch das nächtliche Gewitter komplett aufgeweicht scheint.
Mehrfach müssen die Hufe ausgekratzt werden, von einem Vorbeiziehenden lernen wir, dass die Franzosen dies „verliebte Füße“ nennen. Sohle „in love“ mit Matsch. Ein Romantiker also, der vorbei ging.
Schäfchen auf den Weiden —mehr Minis, als Erwachsende. Alle mit langen Schwänzchen. Dicke Wolken, die drohend über dem Tag schweben, uns aber (zumindest bis zum Ende) weitestgehend in Ruhe lassen. Ein Verlaufen im mystischen Mooswald.

An einem Hof ein Pilgercafé gegen Spende. Drei urige Schwarzwälder sitzen schon dort, zwei Outdoorjungs im besten Alter und kurzen Buxen kommen vorbei: sie schlafen bis Santiago im Wald. Chouchous Starbucks im Lot: das letzte seiner Art. Denn kurz darauf wechseln wir in ein neues Departément: Tarn-et-Garonne.
Und finden den Schlafsack der Outdoorjungs am Wegesrand. Chouchou packt ihn ein und schleppt ihn die nächsten fünf Kilometer mit. Und tatsächlich findet das Säckchen dank dieser freundlichen Pfadfindertat sein Herrchen in Lauzerte wieder: am Intermarché kommen die zwei Outdoorhelden uns bedröppelt entgegen.
Das Wiedersehen macht Freude. Auch wenn natürlich so cool getan wird, als wäre es kein Ding gewesen, im Regen bei fünf Grad auch ohne Schlafsack im Wald zu pennen.

Plötzlich Wind und klatschkalter Wolkenbruch. Einmarsch in der Gite communale in Lauzerte mit wehendem Poncho und im Volldeppenlook. Wir bekommen das allerletzte Zweibettzimmer — Corinne ist den Rest des Jahres komplett ausgebucht.

Dieses Giteleben bleibt für uns gewöhnungsbedürftig. Umso mehr, da wir wegen der Sprachbarriere nie so wirklich mit dazu gehören, sondern Fremde bleiben.

Vielleicht ist ja das eine der tausenden an Erkenntnissen und Erlebnisse, die dieser Weg für uns bereit hat: sich fremd fühlen. Nicht verstehen, nicht verstanden werden.
Nicht dazu gehören — müssen. Anders sein — dürfen. Nicht den Unterhalter am Tisch spielen — müssen. Rückzug in der Gruppe —- dürfen.
Beobachtende sein. Am Rande des Spielplatzes stehen, nicht sicher, ob man jetzt lieber mitspielen möchte oder ob es auch mal ganz entspannend ist, nicht in der Dynamik der anderen mitmaggeln — zu müssen. Für sich bleiben —dürfen. Das aushalten.

Und so gibt heute der Kanadier neben mir den Hampelmann. Möglicherweise mit den gleichen Fragen im Bauch.
Wohltuend, mal die Klappe zu halten….

Vom Himmel aus gesehen bist du ganz klein.

Liebevolles au revoir am Morgen. Der Malle Postale fährt vor: der Gepäckservicebus der Via Podiensis,
Warum nutzen wir den eigentlich nicht?

Eine kurze Etappe liegt heute vor uns.
Den ganzen Tag Pilgerweg durch eine Grünschneise. Grün. Die Farbe, die der Seele am besten tut. Mit vielen Insekten drin.

Erster Kaffee in Lascabanes an der friedlichsten Bar der Welt. Mit uns ist nur der nepalesische Bergführer hier, „permit stamped in Lalitpur“. Statt Himalaya zu Fuß macht er heute Lot per Ebike. Eine lustige Begegnung.

In der Kirche finden wir den Stempel von Klaus Jakobsjunge wieder.
Mittlerweile ist er uns drei Wochen voraus. Abend um sechs wäscht der hiesige Priester angeblich den Pilgern die Füsse. Wie gut, dass wir die Messe gescipt haben. Nur wenig wäre mir unangenehmer als das…

Mittags werden wir überholt von einem Wickelkind.
Man kann sagen, was man will: Die Franzosen sind einfach härter als wir.
Pilgern mit drei Kleinkindern, jedes mit einer Jakobsmuschel um den Hals und ab. Die Pampers wird auf dem Boden vor der Kapelle gewechselt, danach läuft das Zweijährige zu Fuß alleine weiter. Kein Wunder, dass die Fremdenlegion aus Frankreich stammt.

Wir kommen an einer Wunderkapelle mit Quelle vorbei. Für Menschen mit Rheuma. Prophylaktisch halten wir die Hände rein, ein unsteifer Rheumafrosch rettet sich von Alge zu Alge. Wenn das der durchschnittliche Beweglichkeitsoutcome ist, wirkt sie.

Heute geht’s nach Montcuq. Auf deutsch: „mein Popo“. Bereits gestern erheiterte es den Pänälerhumor am Abendessenstisch, heute reißen wir weiterhin Flachwitze drüber. Wären man nicht auf dem „chemin“, es wäre zum schämen. So aber kann man sich rausreden…

Mit dem Bierchen im Ort ist das Gute auch schon geschehen. Schneewittchen liegt traurig im Sarg in der Kirche, nach Ankommen in der Gite wissen wir auch warum.

Eigentlich sind alle ganz nett. Wir bekommen ein kaltes Fußbad und eine narzisstisch angehauchte Historienerzählung seitens des Gastgebers.
Mit uns sind ein paar weitere Gäste da. Claire von gestern zum Beispiel, sie hat sich wirklich die Füße vom Pastor waschen lassen. Meine Nachfrage wird mit Naserümpfen beantwortet: So macht man das eben auf dem Camino. Wusste ich nicht. Ach, ich weiß so vieles nicht. Und heute werden wir drauf hingewiesen.

Es ist sehr spannend, wie unterschiedlich sich Abende gestalten können. Je nach Flair und Zusammensetzung der Menschen.
Am Tisch sitzen heute Abend: Claire mit gewaschenen Füßen und der narzisstisch anmutende Gastgeber. Ein freundliches, belgisches Paar (Sozialarbeiter in der Psychiatrie) und Pierre. Mit dem habe ich es leider von Anfang an versemmelt: wollte nette Kommunikation machen und kam ganz non-chalant auf Napoleon zu sprechen. Keine gute Idee. Seither hasst Pierre mich und mümmelt sein eigenes mitgebrachtes Entenfleisch still vor sich hin.
Auf der anderen Seite sitzt ein Namenloser. Ich habe versucht ihn zu fragen, wer er sei und habe keine Antwort erhalten. Er will einfach nicht mit mir reden, in Satzfetzen aber kommt raus, dass er täglich 30 bis 40 Kilometer läuft. Daher nenne ich ihn „Maschine“ und spreche ihn ebenso an: „Tu es une machine.“ Auch das trägt leider nicht zur Völkerverständigung bei.
Chouchou sagt im Gesamtsetting sowieso nichts mehr, sondern stößt nur stille Schwefelwolken aus. Ich muss lachen. Leider als einzige von allen. Und dann greift der Sozialarbeiter zur Gitarre — wir müssen dringend gehen.

Klaus Jakobsjunge schreibt: Der Weg gibt Dir nicht das was Du willst, sondern das, was Du brauchst.

Manchmal ist das möglicherweise ein napoleonhassender Gesprächspartner mit roher Ente im Gepäck.
Manchmal ist das eine maulfaule Machine, die so nicht genannt werden will. Manchmal ist das ein narzisstischer Gastgeber, der seine Kindheitsdefizite durch einen großen Auftritt bei schlechtem Wein wett macht.
Manchmal ist das eine scheue Frau, die sich von einem Priester die Füße waschen lässt.
Und manchmal ist’s ein Belgier, der Gitarre spielt, während man mit wehenden Fahnen flüchtet.

Der Weg gibt dir nicht immer das was du willst…. „Vu du ciel tu es tour petit“ = Vom Himmel aus gesehen bist du ganz klein. Und draußen regnet es.


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