Liebevolles au revoir am Morgen. Der Malle Postale fährt vor: der Gepäckservicebus der Via Podiensis,
Warum nutzen wir den eigentlich nicht?

Eine kurze Etappe liegt heute vor uns.
Den ganzen Tag Pilgerweg durch eine Grünschneise. Grün. Die Farbe, die der Seele am besten tut. Mit vielen Insekten drin.

Erster Kaffee in Lascabanes an der friedlichsten Bar der Welt. Mit uns ist nur der nepalesische Bergführer hier, „permit stamped in Lalitpur“. Statt Himalaya zu Fuß macht er heute Lot per Ebike. Eine lustige Begegnung.

In der Kirche finden wir den Stempel von Klaus Jakobsjunge wieder.
Mittlerweile ist er uns drei Wochen voraus. Abend um sechs wäscht der hiesige Priester angeblich den Pilgern die Füsse. Wie gut, dass wir die Messe gescipt haben. Nur wenig wäre mir unangenehmer als das…

Mittags werden wir überholt von einem Wickelkind.
Man kann sagen, was man will: Die Franzosen sind einfach härter als wir.
Pilgern mit drei Kleinkindern, jedes mit einer Jakobsmuschel um den Hals und ab. Die Pampers wird auf dem Boden vor der Kapelle gewechselt, danach läuft das Zweijährige zu Fuß alleine weiter. Kein Wunder, dass die Fremdenlegion aus Frankreich stammt.

Wir kommen an einer Wunderkapelle mit Quelle vorbei. Für Menschen mit Rheuma. Prophylaktisch halten wir die Hände rein, ein unsteifer Rheumafrosch rettet sich von Alge zu Alge. Wenn das der durchschnittliche Beweglichkeitsoutcome ist, wirkt sie.

Heute geht’s nach Montcuq. Auf deutsch: „mein Popo“. Bereits gestern erheiterte es den Pänälerhumor am Abendessenstisch, heute reißen wir weiterhin Flachwitze drüber. Wären man nicht auf dem „chemin“, es wäre zum schämen. So aber kann man sich rausreden…

Mit dem Bierchen im Ort ist das Gute auch schon geschehen. Schneewittchen liegt traurig im Sarg in der Kirche, nach Ankommen in der Gite wissen wir auch warum.

Eigentlich sind alle ganz nett. Wir bekommen ein kaltes Fußbad und eine narzisstisch angehauchte Historienerzählung seitens des Gastgebers.
Mit uns sind ein paar weitere Gäste da. Claire von gestern zum Beispiel, sie hat sich wirklich die Füße vom Pastor waschen lassen. Meine Nachfrage wird mit Naserümpfen beantwortet: So macht man das eben auf dem Camino. Wusste ich nicht. Ach, ich weiß so vieles nicht. Und heute werden wir drauf hingewiesen.

Es ist sehr spannend, wie unterschiedlich sich Abende gestalten können. Je nach Flair und Zusammensetzung der Menschen.
Am Tisch sitzen heute Abend: Claire mit gewaschenen Füßen und der narzisstisch anmutende Gastgeber. Ein freundliches, belgisches Paar (Sozialarbeiter in der Psychiatrie) und Pierre. Mit dem habe ich es leider von Anfang an versemmelt: wollte nette Kommunikation machen und kam ganz non-chalant auf Napoleon zu sprechen. Keine gute Idee. Seither hasst Pierre mich und mümmelt sein eigenes mitgebrachtes Entenfleisch still vor sich hin.
Auf der anderen Seite sitzt ein Namenloser. Ich habe versucht ihn zu fragen, wer er sei und habe keine Antwort erhalten. Er will einfach nicht mit mir reden, in Satzfetzen aber kommt raus, dass er täglich 30 bis 40 Kilometer läuft. Daher nenne ich ihn „Maschine“ und spreche ihn ebenso an: „Tu es une machine.“ Auch das trägt leider nicht zur Völkerverständigung bei.
Chouchou sagt im Gesamtsetting sowieso nichts mehr, sondern stößt nur stille Schwefelwolken aus. Ich muss lachen. Leider als einzige von allen. Und dann greift der Sozialarbeiter zur Gitarre — wir müssen dringend gehen.

Klaus Jakobsjunge schreibt: Der Weg gibt Dir nicht das was Du willst, sondern das, was Du brauchst.

Manchmal ist das möglicherweise ein napoleonhassender Gesprächspartner mit roher Ente im Gepäck.
Manchmal ist das eine maulfaule Machine, die so nicht genannt werden will. Manchmal ist das ein narzisstischer Gastgeber, der seine Kindheitsdefizite durch einen großen Auftritt bei schlechtem Wein wett macht.
Manchmal ist das eine scheue Frau, die sich von einem Priester die Füße waschen lässt.
Und manchmal ist’s ein Belgier, der Gitarre spielt, während man mit wehenden Fahnen flüchtet.

Der Weg gibt dir nicht immer das was du willst…. „Vu du ciel tu es tour petit“ = Vom Himmel aus gesehen bist du ganz klein. Und draußen regnet es.