Um 03:33h werde ich wach. Das mag an der Sonnenfinsternis in den USA liegen — würde die belgische Sozialarbeiterin meinen. Tatsächlich aber weckt mich ein unspezifisches Unwohlsein, das ich zuerst nicht konkret benennen kann. 30 Minuten wälze ich mich hin und her, dann hab ich´s: es ist Ärger. Ein Ärger über die Szenerie. Hereingerutscht in etwas, das wir bisher noch nie selbst erlebt. Bis gestern. Das erste Mal haben wir eine französische Blasiertheit erlebt, von der wir dachten, es gäbe sie nur im Büchlein der Vorurteile. Ein bornierter Zusammenschluss der Grand Nation gegen die deutschen Kretins. Das war es, was über dem gestrigen Abend schwebte, was wir beide aber nicht greifen konnten. Es passt, dass die (auch des Deutschen mächtige) Gastgeberin uns beim Frühstück —gefühlt zur Bestärkung aller— fragt, wie man „delicieuse“ denn nochmal auf Deutsch sagt!? Ein „lecker“ knallt über den Tisch und fegt alles feingeistige hinfort. Die selbstgemachten Konfitüren gelieren eine Nummer fester in den Gläsern, ein Stück Butter schweigt steif. Ein grobes Volk, diese Deutschen. Wir wissen, dass ein „Achtung! Schmackhaft.“ auch nichts mehr gerettet hätte. Heute morgen scheinen alle froh, als wir endlich vom Hof dackeln. „Dackeln“, nicht „promenieren“.“/>
In Montcuq decken wir uns erstmal mit Croissants ein. Ein älterer Herr spricht uns auf der Straße an: ob wir den Jakobsweg suchten!? In der Tat, das tun wir. „An den Bäumen, die in der germanischen Mythologie das Zentrum der Welt bedeuten einfach links,“ sagt er im herzzerreissenden Sprachstakkato der mühsam gegen Parkison Kämpfenden. Und schlürft mit seinen Hausschuhen von dannen.
Für uns gehts heute durch sehr viel Matsch. Teils an Seilen hoch und runter ziehen und schleppen wir uns durch einen Wald, der durch das nächtliche Gewitter komplett aufgeweicht scheint.
Mehrfach müssen die Hufe ausgekratzt werden, von einem Vorbeiziehenden lernen wir, dass die Franzosen dies „verliebte Füße“ nennen. Sohle „in love“ mit Matsch. Ein Romantiker also, der vorbei ging.
Schäfchen auf den Weiden —mehr Minis, als Erwachsende. Alle mit langen Schwänzchen. Dicke Wolken, die drohend über dem Tag schweben, uns aber (zumindest bis zum Ende) weitestgehend in Ruhe lassen. Ein Verlaufen im mystischen Mooswald.
An einem Hof ein Pilgercafé gegen Spende. Drei urige Schwarzwälder sitzen schon dort, zwei Outdoorjungs im besten Alter und kurzen Buxen kommen vorbei: sie schlafen bis Santiago im Wald. Chouchous Starbucks im Lot: das letzte seiner Art. Denn kurz darauf wechseln wir in ein neues Departément: Tarn-et-Garonne.
Und finden den Schlafsack der Outdoorjungs am Wegesrand. Chouchou packt ihn ein und schleppt ihn die nächsten fünf Kilometer mit. Und tatsächlich findet das Säckchen dank dieser freundlichen Pfadfindertat sein Herrchen in Lauzerte wieder: am Intermarché kommen die zwei Outdoorhelden uns bedröppelt entgegen.
Das Wiedersehen macht Freude. Auch wenn natürlich so cool getan wird, als wäre es kein Ding gewesen, im Regen bei fünf Grad auch ohne Schlafsack im Wald zu pennen.
Plötzlich Wind und klatschkalter Wolkenbruch. Einmarsch in der Gite communale in Lauzerte mit wehendem Poncho und im Volldeppenlook. Wir bekommen das allerletzte Zweibettzimmer — Corinne ist den Rest des Jahres komplett ausgebucht.
Dieses Giteleben bleibt für uns gewöhnungsbedürftig. Umso mehr, da wir wegen der Sprachbarriere nie so wirklich mit dazu gehören, sondern Fremde bleiben.
Vielleicht ist ja das eine der tausenden an Erkenntnissen und Erlebnisse, die dieser Weg für uns bereit hat: sich fremd fühlen. Nicht verstehen, nicht verstanden werden.
Nicht dazu gehören — müssen. Anders sein — dürfen. Nicht den Unterhalter am Tisch spielen — müssen. Rückzug in der Gruppe —- dürfen.
Beobachtende sein. Am Rande des Spielplatzes stehen, nicht sicher, ob man jetzt lieber mitspielen möchte oder ob es auch mal ganz entspannend ist, nicht in der Dynamik der anderen mitmaggeln — zu müssen. Für sich bleiben —dürfen. Das aushalten.
Und so gibt heute der Kanadier neben mir den Hampelmann. Möglicherweise mit den gleichen Fragen im Bauch.
Wohltuend, mal die Klappe zu halten….