Unterwegs im Magicbus

Autor: Chérie (Seite 23 von 28)

Bravo Fototierstory

Nach einem bombastischen, gestrigen Sonnenuntergang mit Blick auf wildes Land, badene Adler, winzige Delfine am Horizont und aktive Vulkane …

…ist heute innerer Globetrottelssonntag: Füße hoch und kaum-was-machen-day. Der Regen kommt uns entgegen. Außer zwei Spaziergängen am Meer mit einer zauberhaften Menge Wildniskontakt passiert tatsächlich nicht viel.

Lesen und unter der Bergerplane Biryani kochen. Als Snack für Chouchou eine Menge Chips und für mich eine Tüte Popcorn.

Entsprechend gibt es heute auch nur einen Zweizeilerblog. Dafür ganz viele heutige Bildergeschichten mit all den Wundern, die uns umgeben. Eh nicht in Worte zu fassen…

Morgen gibt es vielleicht wieder ein paar mehr Worte…

From Homer spit to Anchor Point — von Homers Spucke zum Ankerpunkt

Beim Klang des Wellenrauschens einschlafen. Die Wellen des Pazifiks, westlichste Wellen, die wir jemals in unserem Leben hören werden. Geborgen sein. Gehalten. Frieden.

Auf dem Homer Spit ist der ganz schnell vorbei. Die einen sagen, die Landzunge vor der Altstadt des Ortes sei Partyplace No.1 von ganz Alaska. Bösere Zungen behaupten, es sei mal wieder dringend ein Tsunami notwendig, damit dieser Schandfleck endlich weggespült wird. Für uns ist Homer Spit weder das eine, noch das andere.

Lustigbunte Häuschen und touristische Buden reihen sich eng an eng. Immer unter dem Geschrei der Möwen. Kitsch und Fisch wird gewinnbringend an eine fröhlich zahlende Kundschaft vertickt. Lachs, „Been in Homer and survived“-Tshirts, Austern, Schund. Am Wochenende meist an Ausflügler aus Anchorage, ausländische WoMos sehen wir mittlerweile nicht mehr im Herbste Alaskas.

Fähren und Taxiboote legen am Lands End ab, dort parken wir und erkunden das Zünglein zu Fuß. Ich weiß nicht, ob es am europäischen Ästhetiksinn liegt, dass wir es etwas bedauerlich finden, dass Homer Spit vor allem auf autofahrende Gäste ausgelegt ist: Die einzige Zufahrt ist pickepackevoll geparkt, man knattert von Shop zu Shop mit dem Pickup, manchmal wird der Motor einfach laufen gelassen. Der schmale Fußgängerweg am Hafen hingegen ist vollkommen leer, die Lädeneingänge zur Straße hin ausgelegt. Als zu Fuß Flanierender sieht man nur Budenpopos und riecht die Gebläse der Restaurants, die nach hinten hin auspusten. Immerhin bei Hafenblick.

Auf dem zentralen Campingplatz stehen riesige Mobile eng an eng, mitten im Halligalli. Nach zwei Stündchen Rundgang entschließen wir, dass wir die Nacht stiller verbringen möchten.
Ausge-homer-t. Auch, weil wir für die zentralen Angebote „weltklasse Heilbutt fischen“, „weltklasse Lachs angeln“, „Elche schießen“ und „700 bis 1000 Dollar Flüge zu den Grizzlys“ nicht die direkte Zielgruppe sind.

Wir parken heute Nacht an einem ruhigen Meeresplätzchen ein, am Ende des Örtchens Anchor Point –in keinem Reiseführer erwähnt.

Als ich zu Beginn dieses Textes schrieb: „westlichste Wellen, die wir jemals in unserem Leben hören werden“, wusste ich, dass das gelogen war. Ich wusste es allerdings heute Morgen noch nicht.
Anchor Point ist nun wirklich der allerwestlichste Punkt, der in Alaska mit einem Magicbus erreicht werden kann. Weil die Kenai Peninsula hier nochmal ihren Bauch ausstreckt. Homer läge –wollte man weiter diesem Bild folgen– zwischen Bauch und Schamgegend, Anchor Point ist der Nabel.

Dieses ist es also wirklich: unser Ende der Welt. Ungelogen.

Wir laufen zehn Kilometer den einsamen Strand auf und ab. Einmal bis zur Mündung des Anchor Rivers ins Fjord und wieder zurück zum Magicbus. Surreales Licht über dem Wasser, wildeste Wolkenformationen, kalter Wind, Möwengeschrei. Auf der gegenüberliegenden Seite des Fjords schneebedeckte Gipfel, menschenloses Land, der einsame Augustine-Vulkan.

Weite ohne Ende, wir sind ganz alleine. Fast.
DePabels ist auch noch da.

Vom Regenlappen zu frisch geduscht in Homer

Rein dezibeltechnisch hätten wir heute Nacht auch auf der Startbahn eines internationalen Flughafens schlafen können. Oder auf einer Standspur der A3. Oder neben dem Subwoofer eines Punkkonzerts. Gefühlt fielen die gesamte Nacht faustdicke Tropfen auf ein viel zu dünnes Magicbusdach, im Whittier Creek hundert Meter weiter donnerte ein immer berstenderer, namenloser Wasserfall ins Tal. Mindestens 110 Dezibel. Und alles ohne Oropax wegen Tsunamiparanoia.
Ein Wunder, dass wir am Morgen wie aus dem Ei gepellt sind.
Der Bulli steht mittlerweile in einem Marschland, Crocs versinken in 5cm tiefen Schlick. Immerhin liegt so viel Regenwasser auf der Bergerplane, dass wir uns damit endlich mal wieder ausgiebig waschen können. Samstagswellness mit Waschlappen.

In Whittier regnet es unbeeindruckt weiter. Über Nacht hat tatsächlich doch noch ein Kreuzfahrtschiff angelegt: die Princess cruise Sapphire. 2670 Gäste, 1100 Crewmitglieder. Whirlpools und Schwimmbad an Deck, Casino, eine europäische Piazza wurde extra nachgebaut – zum internationalen flanieren. Zwölf Restaurants, sechs davon mit Sterneküche. Dann noch: Kunstgalerien, Geschäfte, Wellnessbereich und Spa, Kinos, mehrere Theater, ein Nachtclub. Nur ein Bordell wird auf der Internetseite nicht aufgeführt, ansonsten ist für alles gesorgt.
Eine Balkonkabine kostet für eine Person ab 3252 Dollar, aktueller Rabattpreis. Ohne alkoholische Getränke und Ausflüge, sieben Tage lang. Ein Trip zum PortageGletscher (wir erinnern uns an das Geisterschiff von gestern) liegt bei 200 Dollar. 200 Dollar für eine Fahrt von 6 Kilometern per Bus, durch den längsten Tunnel Nordamerikas (13 Dollar für den Magicbus und zwei Personen), ab dann auf ein Schiff in den Nebel. Man gönnt sich ja sonst nix.

Mit großen Augen fahren wir an diesem Koloss vorbei. Und fragen uns, wie das eigentlich mit dem Abwasser funktioniert. Hat die Sapphire womöglich eine eigene Kläranlage an Bord? Und wie man sich wohl so fühlt: als Gast, als Crewmitglied, als Einwohner von Whittier, wenn sich plötzlich ein solches Monstrum über den Ort erbricht. Geldmaschine für viele. Nur für die Crewmitglieder wohl eher nicht.

Für uns geht’s deutlich kostengünstiger auf die Kenai Halbinsel. Das gleiche Wetter wie die Kreuzzügler haben wir trotzdem. Nach der Hochebene verzieht sich der Regen über die Gletscher, quer durch den Chugach Nationalpark, vorbei an den Restschäden des großen Swan Lake Brandes, der 2019 fast 70000 Hektar Wald dem Erdboden gleichgemacht hat.

Am Williwaw Creek schauen wir riesigen Lachsen dabei zu, wie sie wacker stromaufwärts schwimmen. Grizzlybuffet ohne Bären in silber, pink und rot. Heute haben die Freunde Chum, Sockeye, Humpback und Coho Glück gehabt. Und auch wir können ganz in Frieden staunen.

Homer.
Am westlichsten Ort unserer gesamten Reise parken wir mit Meerblick ein. Wenn die Beringsee bald zufriert, können wir von hier aus bis nach Russland laufen. Weiter westlich geht es für uns dieses Mal nicht mehr. Ein weiterer Meilenstein.

Die Stadt schauen wir uns morgen in Ruhe an. Nach einem Plausch mit unseren Nachbarn aus Nevada (Susan und Dane mit dem wilden Hundchen Maggie, winzig, watteweich und erst ein Jahr) und einem noch netteren mit Annette (Lehrerin a.D. aus Berlin, mittlerweile in Fairbanks lebend, da sie den hiesigen Meeresgeologen der Uni vor drei Jahren geheiratet hat), wollen nur noch einen kleinen, entspannten Strandspaziergang machen. Und duschen.

Der kleine, entspannte Strandspaziergang eskaliert natürlich kurz hinter der ArtGallery.

Hätten wir gestern dem Seebären in Whittiers Bärenunterführung besser zugehört, hätten wir uns merken können: Alaska ist niemals nur klein oder entspannt. Alaska ist immer „a wild place“. Und so wird aus dem Spaziergang eher ein Steinchenhopsen, ein über ins-Meer-mündende-Bergbäche-springen, ein Schwitzen und auch ein kleines bisschen fluchen über „nasse Föß“ – trotz wasserfesten Schuhe. It´s a wild place, selbst beim Strandspaziergang. Monströse Algen sind außerdem extrem rutschig. Wir brauchen dringend Gummistiefel.

Die heiße Dusche danach haben wir uns auf jeden Fall verdient. Eine dauerhaft heiße, zeitlich unlimitierte, ganz private, supersaubere Dusche mit gutem, harten Wasserdruck.
Es ist enorm, wie man sich darüber so sehr freuen kann: zwei Schneekönige, blitzeblank, in Kaisers neuen Kleidern.
Vier Tage ohne fließend Wasser machen demütig. Und sehr dankbar.
Achtsamkeit kommt da ganz von selbst. Dafür braucht es keine Anleitungen.

Dead end: Whittier

Ein trockener Morgen. Ein Morgen, der für uns beide mit einem großen Herzenshüpfer beginnt. Bestens ausgeschlafen –Chouchou ohne ein einziges Hüsteln– ist sie plötzlich wieder da: die unbändige Lust Welt zu entdecken. Nicht als Verpflichtung; nicht, da man da weiterzumachen hat, wo man aufgehört hatte—es geht ja nichts anders, sondern aus purer Neugier am Leben.
Beim zweiten Kaffee verstehen wir erst tiefgehend, dass Transkanada hinter uns liegt. Eine Reise, die in jedem Aspekt so anders lief als geplant. Beim dritten Kaffee fühlen wir uns das erste Mal wieder richtig angekommen. Hier. In einer neuen Reise. Ganz Alaska liegt vor uns.

Auf unserem Morgenspaziergang am Ufer des Turnagain Arms (indem übrigens Belugas leben) entdecken wir zwar nicht die weltbekannte Gezeitenwelle, die bei Flut geräuschvoll ins Fjord donnert und von einigen Kühnen sogar gesurft wird. Dafür ist zu Ebbeebbe. Aber wir freuen uns an wilden Gewächsen, urwaldlichem Riesenfarn, leuchtendroten Beeren und lila Puschelblumen. Am Wegesrand wächst kniehohes Kraut, mit dem ich mich so sehr identifiziere, dass ich mit tiefer Gewissheit sagen kann: werde ich das nächste Mal als Pflanze wiedergeboren, dann wäre ich ganz genau dieses Gestrüpp: Zerzaust, saftiggrün, wilddurcheinander, blütenlos, aber bodennah. Mit starken, tiefen Wurzeln.

Den Turnagain Arm fahren wir weiter hoch: immer am Wasser entlang bei Ebbeebbe, wolkenumwattete Berggipfel und diesige Gletscher am Horizont.

Kurz hinter Girdwood liegt das Alaska Wildlife Conservation Center: Non-profit-Auffangbecken für alle großen, kranken Tierchen, die leider nicht mehr ausgewildert werden können und hier ein restliches Gnadenleben verbringen dürfen. Außerdem hat man es sich hier zur Aufgabe gemacht Waldbisons zu züchten. Sie sollen die einzigen sein, die irgendwann wieder in Freiheit leben können: Reintroduction, nachdem der Mensch sie fast ausgerottet hat.
Alles in allem ein schönes Projekt – wenn auch sehr amerikanisch in seiner Aufmachung, aber wir sind ja schließlich in den USA, wie sollte es also anders ein? Für Nature-and-adventure-Angsthasen wie uns ist es eine tolle Gelegenheit, den großen Geschöpfen dieses Erdteils einmal ganz nah zu sein. Beschützt durch dicke Zäune, die melancholisch stimmen könnten, wäre es ein normaler Zoo. Ist es Gott sei Dank aber nicht.

Auf dem Weg zum Portage Gletscher drückt sich bodennaher Nebel durchs Tal. Eine Fahrt durch die Wolken, Sicht bei maximal 50 Metern. Angeblich ist der Portage Gletscher einer der schönsten Gletscher dieser so wunderbaren Welt. Wir wollen es von Herzen glauben, als wir am graudiesigen See stehen, einen Gletscher im verhangenen, möglicherweise nicht mehr existenten Süden erahnend; dort, wo gerade ein brüchiges Geisterschiff knarzend aus dem Nebel auftaucht. Entweder mit Untoten an Bord oder Touristen, die diese Tour pauschal vor 6 Monaten in einem Reisebüro gebucht haben. Bezahlt ist bezahlt. Die erste Variante halte ich aber für wahrscheinlicher.

Nach Whittier führt nur ein Tunnel –one way– der längste Nordamerikas, einspurig und auf rutschigen Bahngleisen daherschlitternd. Keine Empfehlung für Menschen, die zur Klaustrophobie neigen. Schlierenhaftes Zwielicht, von den Wänden tropft das Eis, raues Gestein sehr nah. Umkehren, anhalten, ausscheren gibt´s nicht. Und vor allem: aus Whittier führt kein einziger Weg mehr hinaus. Es sei denn, ein Boot ginge. Bei diesem Wetter nicht mehr. Außerdem sind die Alaska Marine Highways gnadenlos unterbesetzt: ein Großteil der Boote wird dieses Jahr selbst bei strahlendem Sonnenschein nicht mehr auslaufen. Whittier ist dead end.

Ein kleiner Hafen am Ende der Welt, eingerahmt von Gipfeln und Gletschern, die sich heute hinter einem kühlen Regenschleier verstecken. Von den Bergen rinnt Wasser, überall, stürzt ins Tal und dann in den Prince William Sound. Kreuzfahrtschiffe legen hier heute nicht mehr an. Zurück bleiben 200 gezeitengesottene Einheimische, alle verbunden mit dem Meer, alle klatschnass, denn auf den Straßen fließt nichts mehr ab. Das Hafenbecken ist voll.

In den 40ern von der US Army aus dem Boden gestampft, hat die sich zwanzig Jahre später auch schon wieder verabschiedet. Hinterlassen hat sie in Whittier die Hafengebäude und zwei Sichtbetonbaracken, die dem Brutalismus alle Ehre machen.
Das eine, das Buckner Building, thront auf der Sonnenaufgangsseite über dem Ort. Blick auf den Hafen, verlassen, verlottert, asbestverseucht, hermetisch abgeriegelt. Auf zertrümmerten Treppen wachsen Laubbäume. Trespassers will be shot.

Das andere, die Begich Towers, läge in der Mittagssonne. Wenn die schiene. 14 Stock hoch, saniert, Hafen- oder Bergblick. Die Außenfassade wurde gestrichen: lachs, türkis und beige. Mehr als drei Viertel des Ortes lebt hier: in einem eigenen Mikrokosmos mit Postzentrale und Gemüseladen im Erdgeschoss. Nach Fisch riechende Utensilien müssen draußen gewaschen werden, ein Hundehäuflein kostet 50 Dollar, das zweite dann 100. So steht es an der Haustür.

Am Hafen herrscht Alaskasommerabendstimmung im Sturzregen: Kurze Hosen, Gummistiefel, Regenjacke ist nun wirklich kein Muss. Klatschnasses Haar tropft auf klatschnasse T-Shirts.
Manchmal neben bunten Häusern, manchmal auf patriotische Fahrräder.

Die Essensbude ist bumsvoll, wir setzen uns in den überdachten Patio und bestellen die Karte einmal rauf und runter. Heute ist Fisch vegetarisch, wir bekommen Clam Chowder (sämig-wärmende Muschelsuppe), Heilbutt paniert und Cole Slaw (Krautsalat mit Cremedressing).

Hafenausblick durchs Fischernetz. Prickelige Tropfen auf der Wasseroberfläche, die Pfützen werde immer größer. REM spielt im knackenden Radio. Neben uns sitzt ein Fischer um die 30 oder um die 60 mit besagten kurzen Hosen und Gummistiefeln. Sein Blick melancholisch in eine Ferne schweifend, die der Nebel verhüllt, Dosenbier in wettergegerbter Hand. Der Alaska Railway Zug tutet sich den Weg in den Tunnel frei. Ein Adler gleitet durchnässt über schwankende Boote. Auf dem Weg hierher hat uns ein Einheimischer in der Unterführung erzählt, dass ihm gestern –just in diesem engen Gang– ein Schwarzbär entgegen gekommen sei. Einfach an ihm vorbeigerannt, entgegen der Tsunamifluchtrichtung, die im ganzen Ort großzügig angeschlagen ist.

Die Marine startet einen Testnotruf über den Warnlautsprecher, er wabert über den Ort hinweg. In case of emergency, please listen to the radio. Da spielt REM „Losing my religion“.
Und seit Monaten habe ich mich nicht mehr so gefühlt, wie in diesem Moment. An einem verregneten Hafen am Ende der Welt. Sturzregen. Dead end. Endlich wieder angekommen. Und glücklich.

Schultersaison. Nass.

Ab heute verstehen wir, warum die Hauptreisezeit in Alaska Mitte August bereits endet: es hat wohl mit dem Wetter zu tun.
Der Morgen begrüßt uns mit zartem Tröpfeln auf dem Dach. Es soll ganz bald zu Sturzregen werden. Der alaskanische Sommer ist aufgebraucht, einer nasser Herbst im Anmarsch.
Kurz hinterm Gletscher beginnen erste bunte Blätter an windverwehten Laubbäumen, die nadeligen Brüder sind gewichen.

Unser erster Stopp soll heute 60 Meilen hinter dem Gletscher sein. Wir fahren im strömenden Regen nach Palmer, 6094 Einwohner, agrikulturelles Bollwerk in mitten menschenfeindlicher Umgebung. Kurz nach der großen Depression (–ich Klugscheißer darf aufklären: wir befinden uns in einem sonnigen Mai im harten Jahre 1935–) kam Präsident Roosevelt auf die grandiose Idee, verarmte Farmer aus Michigan, Minnesota und Wisconsin nach Palmer zu verfrachten, um dort ein riesiges landwirtschaftliches Experiment zu starten: Baut, baut, ihr armen Socken, riesige Farmen in dies öde Tal. Mögen die Gemüsegötter mit euch sein, in einem Wimpernschlagsommer, einem endlos, nassen Herbst und ewigem Winter. Viel Glück und nieder mit der Prohibition.
Wie zu erwarten, ist es den meisten Farmern nicht geglückt. Ein paar wenige allerdings bewiesen unter der Mitternachtssonne einen äußerst fruchtiggrünen Daumen. Gigantische Kürbisse, Monsterkarotten und exorbitante Kohlköpfe waren die Folge. Noch heute brüstet sich der ansonsten so bescheidene Ort stolz mit seinen Rekordwerten:
Dickster Kohl: 62,5 Kilo. Moppeligster Kürbis: 935 Kilo. Größte Möhre: knapp 30 Kilo.

Die gigantischen Farmen mit ihrem gigantischen Gemüsen gibt es noch immer, hier kurz unterhalb des nördlichen Polarkreises, geführt von –meist christlich gesplitterten– Enkelkindern der Gründäumlinge.

Ein wenig surreal wirkt das schon. Und äußerst spannend für eine leidenschaftliche Balkongärtnerin wie mich. Auch Chouchou zeigt sich tapfer: er tapert in den verregneten Stadtgarten mit, wo ich mich an öffentlichen Himbeeren und winzigen Zieräpfeln („crabapple“) satt esse und posiert danach kühn neben einem monströsen Plastikkohl. What´s love got to do…

Weiter geht’s nach Anchorage, mittlerweile in frontal schneidendem Binsenregen.

Die Hauptstadt Alaskas: graumelliert, verwahrlost, weitestgehend charmefrei. Statt –wie geplant– in einer LGBTQIA+-Bar weltbürgerliche Flagge zu zeigen, gehen wir hier nur einkaufen. Neben Kontakt mit Mechanikern und Elchjägern auch eine sehr beliebte Aktivität, um die Menschen vor Ort zu beobachten: im Walmart zum Beispiel, oder noch besser im Cabelas.

Der Walmart wimmelt vor Inuits. Die meisten tragen Gummistiefel, Shorts und Regenponchos, unter denen man noch rauchen kann. „Healthy meals“ sind extra ausgeschrieben, dreieinhalb Kilo koschere Gurken und zwei Kilo Rinderpopo im Angebot, die längste Schlange bildet sich an der großzügig ausgestatteten Pharmacy.

Die Dame an der Kasse heißt Ginger. Sie liest unsere Produkte in retardierter Zeitlupe ein. Während des Scanvorgangs habe ich mehr als einen lockeren Moment, um in den Washrooms zu verschwinden und frisch gewaschen wieder aufzutauchen. Ginger hat derweil drei weitere Produkte eingetippt. Drei von 79. Eigentlich könnte ich nochmal los, mir die Haare zu waschen. Wie schön, dass die Menschen hier noch Zeit haben.

Und dann ganz schnell den Einkauf durchs Unwetter retten.

Endlich wieder Cabelas. Dieses unglaubliche, aus der Welt gefallene Outdoorkaufhaus.

Alle Tiere Alaskas, die größer als ein Dackel sind, findet man hier ausgestopft an den Wänden (darunter den süßesten Bagder der Welt, leider tot), in einem Aquarium schwimmen Lachse. Hinten links findet man die Schnellfeuerwaffen, mittig die Armbrüste, rechts Angeln und Kajaks.

Wir brauchen lediglich Moskitospray und Gaffeegochkas – vorne rechts. Vorne links ist das Trockenfleisch und die dazugehörigen Chilisoßen, die in ausgefallenem Humor gelabelt sind.
Veteranen dürfen bei Cabelas direkt vor dem Eingang parken und bekommen natürlich Extrarabatte. Als Dank am Dienst fürs Vaterland. Die Wohnmobilflotte muss sich etwas abseits stellen, ist als Übernachtungsgast aber durchaus auch gerne gesehen.

Cabelas ist für sich alleine sehenswert, offenbahrt es doch ganz viel Seele dessen, was außerhalb der Wände –was dort draußen– vor sich geht.

Dort draußen geht für uns vor allem die Welt erstmal weiterhin im Starkregen unter. Für Anchorage und die Kenai Halbinsel sind bis Sonntag mögliche Überschwemmungen angesagt. Sonne – nirgendwo mehr in Sicht.

Auf der Küstenstraße gen Süden weht es böenartig und hart. Unser Tankdeckel fliegt im dauerhaften Gegenwind knallend auf, die Bäume am Ufer neigen sich demütig gen Norden. Schrumpelige Ebbe, das Restwasser schäumt wildlinksweiß, aus dem Golf von Alaska zieht ein erwachsener Sturm herauf. Alaskawetter Ende August.

Am Bird Creek parken wir für die Nacht ein: Schnauze windabgewandt, weit genug weg vom Bächlein, beschützt durch eine gute Hecke. Ab heute verstehen wir, warum die Hauptreisezeit in Alaska Mitte August bereits endet: es hat wohl mit dem Wetter zu tun.
Schultersaison. Nass.
Wir kuscheln uns im Magicbus ein, vor dem die gute, alte Bergerplane verzweifelt den pazifischen Winden strotzt. Sie wird es schon machen.

*It´s a different world up here. *
Ganz besonders, wenn der Sommer sich plötzlich geneigt hat.

Matanuska: Schönheit hinterher trauernd

Eine Nacht am Gefrierpunkt, verlassen und mutterseelenalleine im tiefschwarzen Wald.
Seltsam: Ich, die ich Angst vor allem habe, vor Zöllnern, vor Taxis, vor Krokodilen unterm Bett, fühle mich fast nirgendwo so geborgen wie an einem Ort wie diesen: menschenverlassen, Chouchou schnauft kristallern leise, stockfinster die Nacht, keine Hand vor Augen. Es knackt im Geäst, huuhhhoo, etwas schwingt durch die Bäume und der glitzernde Sonnenaufgang gegen sechs verrät mitnichten, was es gewesen ist. Dieses Wesen zwischen rauschenden Blättern und Hörnchengezwitscher. Mutterseelenallein im Dry Creek – mit einer Familie im Unterholz.

Unser Weg beginnt heute im Windschatten unserer Heiligen Ortes Nr 179: der Wrangell-St. Elias- Nationalpark. Schneebedeckte Gipfel zu unserer Linken, thront der Mount Elias im gleißenden Mittagslicht, majestätisch und still. Laut der Tlingit-Inuit braucht dieser Ort keine Wahrzeichen oder Tempel, der Berg in sich ist heilig genug. Denn von hier aus gelangen die Seelen der Toten über den Berggipfel „auf die andere Seite“. Ich bin mir nicht sicher, aber denke, damit haben die Tlingit nicht Kanada gemeint.
Wir verneigen uns demütig vor diesem heiligen Himmelstor, wir schicken Grüße über den Gipfel; dankbar, dass wir noch mal ins Tal abbiegen dürfen. Noch ein bisschen Leben leben, bevor ein letztendlicher Gipfelsturm auf uns alle wartet.

Glenn-Highway. Den Suppensee lassen wir rechts liegen, wir rollen durch zotteligen Wald, Sumpf und Seegebiete. Am Wegesrand zerschossene Straßenschilder. Chouchou meint, es sei hier Volkssport, besoffen aus dem Beifahrerfenster zu ballern. Kein Wunder, dass wir keine Bären mehr sehen. Als hochentwickelte Tiere haben sie wohl begriffen, dass der Mensch hier feindlicher als jenseits der Grenze ist und sich sicherheitshalber ins Dickicht zurückgezogen. Gut so.

Das einzig unversehrte Schild, das wir auf diesem Highway sehen ist ein selbstgemaltes. Auf dem steht in blutroten Lettern: TRUMP won 2020!
Unser Gefühlsniveau sinkt ungefähr auf das Level „Iran 2016“, als wir an hochhausgroßen Denuzierungshotlinewerbungen der Revolutionsgarden vorbeifuhren.
Rufen Sie die 113. Und ein Ayatollah, der genüsslich in die Kamera grinst…
Wobei wir befürchten, dass weniger Iraner mit dem Inhalt einverstanden gewesen sind, als die aktuellen Passanten des Glennhighways. Denn siehe: keine Patrone im Schild. Fällt wohl unter: Andere Länder, andere Sitten.

Einige deutsche Wohnmobile kommen uns entgegen. Wir sind mit unserer Nordsehnsucht nicht alleine im Land. Allerdings fahren alle anderen in die entgegengesetzte Richtung. Raus aus der Hauptsaison, ab Richtung Süden. Wir hingegen fahren rein in die so genannte Schultersaison („shoulder season“), ab Richtung Herbst. Morgen soll der Regen beginnen.
Heute aber haben wir noch prallen Sonnenschein.

Auf der Hochebene (3300 Feet, ein Fuß gleich 30cm) gibt es Bütterkes mit Ausblick: Gunsight (wen wundert´s!?) und Chugach Mountains im Süden, in der Mitte züngelt sich der Nelchina Gletscher ins Tal. Ein erhebender Anblick. Nicht nur für die Globetrottels…

Und ab hier bleibt die Natur wunderschön. Chouchou revidiert vorsichtig seine gestrige Einschätzung: Langweilig, miLord, ist es wahrlich in keiner dieser atemberaubenden Ecken mehr. Am Matanuska Gletscher wollen wir heute Nacht bleiben.

Der Matanuska Gletscher.
18000 Jahre altes Eis liegt heute –sich jährlich immer weiter zurückziehend—auf privatem Grund. Das Parken kurz vor Fuß würde 25 Dollar kosten, wir bekommen den unbezahlbaren Ausblick auf diese aussterbende Spezies von unserem Camp kostenlos.

Es sind zwiespältige Gefühle an diesem Ort stehen zu dürfen. Zeuge zu werden von beginnender Vergangenheit, einem Sterbenden zuzuschauen, schon jetzt seiner Schönheit hinterher trauernd. Wir, die wir hier hergeflogen sind, vom anderen Ende der Welt. Alles andere als klimafreundlich, hustet auch der Magicbus im Hintergrund, mit großem Hunger nach Diesel.
Daher spare ich mir nun einen Appell, sondern gehe lieber ganz still in mich.
Schönheit hinterher trauernd…

Alaska zieht die Zapfpistole

Unser Abend endet bekanntermaßen ohne Heizung, dafür mit bisher unbekannten Erkenntnissen über einen Teil der Seele Kanadas. Dank TVs – und dem Telefonbuch des Yukons, das bunt ausgestreckt auf dem Nachtschrank liegt:

Im Fernsehen laufen die Nachrichten:
British Columbia im Ausnahmezustand. Waldbrände greifen zügellos und kaum aufhaltbar um sich: 27000 Menschen wurden evakuiert, 35000 Menschen warten auf die Evakuierung.
Werbung: dank eines neuen Gesetzes verjährt nun Kindesmissbrauch nicht mehr. Heimische Anwälte bieten kostenlose Unterstützung bei Klagen.
„House hunters“: gesucht werden vor allem Domizile mit Pool und drei Bädern. Gerne Meernähe, am liebsten ohne Nachbarn. In den USA.
Newsflash: Mit Justin Trudeau sind weniger als 50% der Kanadier noch zufrieden. Weil der den sozialen Hausbau scheinbar nicht hinkriegt. Siehe „House hunters“.
NWT: Chiefs der First Nations der North Western Territories kommen zusammen: in Tracht und mit Federschmuck auf dem Haupt. Sie beschweren sich, dass Kinder und hilflose Alte ohne Wissen der Familien Tausende von Kilometern evakuiert wurden. Für sie riecht das zu sehr nach den 60er Jahren, als indigene Kinder ihren Eltern entrissen wurden zur Umerziehung durch die katholische Kirche.
Die indische Community hat übrigens ihren eigenen kanadischen Sender. Dort laufen nicht nur Bollywoodfilme, sondern vor allem Neuigkeiten aus der punjabi Gemeinschaft im Exil: indische Nachrichten aus Kanada.

Das Telefonbuch des gesamten Yukons:
Abgegriffen, bunt und dünner als das Bocholter Telefonbuch Ende der 90er. Alle –ohne Ausnahme, alle!–stehen drin. Spannend sind die Oberrubriken, die Ausdruck dafür sind, worum es im Alltagsleben des Yukons so geht:
Aboriginal Relations über Abuse of children und Alkoholinformation.
Bärensicherheit über Bingo und Burning permits.
Flut und Waldfeuer.
Mental health und Minen.
Sexuell übertragbare Krankheiten über Sheriff und Schneebeseitigung.

Gerne hätten wir uns auch am folgenden Morgen weiter durch die Programme gezappt. Aber es hilft nix: wir müssen weiter. Vorbei am kaputten Kühlschrank vor unserer Motelzimmertür, vorbei an den munter schnatternden Bikern, die morgens um halb 8h äußert fröhlich wirklich nur absolut Unsinniges von sich geben, vorbei an der indischen Dame, die ohne zu klopfen unsere Tür aufreißt, als wir noch in den Betten liegen: “Door is OPEN!“ Ja, natürlich. Weil wir auf unsere Heizung warten…

Um 10:30h sitzen wir wieder im Magicbus. Noch 30 Kilometer bis zur Grenze. Ein Weißkopfadler thront einsam auf einem solitären Baum im Moor. Anscheinend ist er es, der uns aus dem Yukon verabschieden soll.

Grenze Alaska, 11h. Ein buntes Schild weist darauf hin: „We got bigger problems than mosquitos.“ Was auch immer das zu bedeuten hat. Der Zöllner winkt uns ran: parken, aussteigen, mitkommen.

Als wir das Büro betreten ist es 10h. Zeitumstellung.

Miss Forbes ist diejenige, die darüber entscheidet, ob wir mitsamt dem Magicbus einreisen dürfen. Genau genommen, mit zweieinhalb Pässen, denn Chouchous Visum ist in einem mittlerweile ziemlich abgelaufenen Pass, zerschnitten.
Miss Forbes ist außergewöhnlich gut drauf. Lockerer Pflechtschwanz, geboren in Kalifornien, hat sie die letzten Jahrzehnte im Winde North Dakotas verbracht. Miss Forbes ist erst seit einem Jahr in Alaska. Ist im Winter gar nicht so schlimm, zwei Zwiebelschichten müsste sie immer wieder ausziehen, sie zieht sich irgendwie immer zu dick an.
Über Miss Forbes hängt ein ausgestopfter Bär. Der fletscht die Zähne, Miss Forbes Gott sei Dank nicht. Nur die Tomaten und die Avocado müssten wir da lassen. Miss Forbes weiß nicht genau warum und lacht. Dann haben wir zwei Stempel in den Pässen. Den abgelaufen Pass stempelt sie nicht.

10:40h: Alaska!
Kilometer sind zu Meilen geworden, Meter zu Feet, Grad sind jetzt Fahrenheit, außerdem gibt es Inches, amerikanischer statt kanadischer Dollar und nur noch Galonen statt Liter zu tanken. Gut, dass wir eine Stunde gewonnen haben, um das alles erstmal nachzurechen…

Alaskahighway in Alaska. Die ersten zwei Kilometer sind äußerst geschmeidig. Als wollte man den Kanadiern mal zeigen, wie das eigentlich geht: Heyho and cheereeohhy Champ, so baut man gute Straße auf Permafrost! Die Nummer wird allerdings nicht lange durchgehalten.
Nach zwei Kilometern landen wir in der längsten Baustelle der Welt. Eingereiht in einen Pulk von Pickups, der Magicbus startet mittig hinter dem Pilotwagen.
5 Kilometer Gehoppel („Dip“ oder „Bump“) weiter: der Pilotwagen hat uns gnadenlos abhängt, die Pickups auch, als der Magicbus vom Dauergerappel die Nase voll hat und einfach sein Windshield von sich wirft. Bremsen quietschen auf Schotter, das Schild wird im tiefen Staub wieder ein sammelt, der Magicbus hoppelt mal wieder als letzter ins Ziel. Ohne Pilotfahrzeug. Aber immerhin da. Und dann kommt Tok.

Tok, 1214 Einwohner. Nach Whitehorse die größte Stadt im großen, weiten Umkreis. Hier müssen wir unsere Vorräte aufstocken. Und unsere ersten Kontakte mit den Alaskanern machen. Nach Miss Forbes natürlich – aber die ist ja eigentlich aus North Dakota.

Erster Stopp: tanken. Bei Shell fühlen wir uns sicher. Eine Galone Diesel für 4,44 Dollar. Die Visakarte wird am Tankterminal nicht akzeptiert. Ich marschiere in den Laden. Die nette Dame, ungefähr im doppelten Rentenalter, auch mit Flechtzopf wie Miss Forbes, und sehr zugewandt, schaltet problemlos Säule 8 frei. Wieviel Liter eine Galone ungefähr sind, kann sie mir auch nicht sagen, machen wir also PiMalDaumen 50 Dollar. Locker zur Säule zurückgeschlendert, wo Chouchou –den Tränen nah—schon mit dem Zapfhahn rangelt. Der ging ganz problemlos in den Magicbus hinein, wirklich!, nur leider, leider so gar nicht mehr hinaus. Und Diesel, nee, der kam auch nicht. Wir brauchen also einen Fachmann. Nach 90 Minuten Alaska.

Das Schöne an der ganzen Situation ist ja, dass man Länder am allerbesten kennenlernt, indem man sich mit dessen Mechanikern auseinander setzen muss. Oder, indem man mit den Elchjägern billigen Fusel in einer rauchigen Spelunke trinkt. Das zweite wäre uns lieber gewesen, wir müssen nun mit dem ersten erstmal Vorlieb nehmen.
Chouchou ist derjenige, der nach Hilfe fragt (meine Nerven sind natürlich schon wieder aufgebraucht, aber ich bin auch in Trauer) und kurz darauf mit zwei stattlichen Männern zurück an die Säule tritt. Die rücken mit einem beherzten Nasehochziehen ihre Bieberfellmützen zurecht, spucken aus und fackeln nicht lange. Statt mit zärtlichem Biegen und sanftem Rütteln wird ein paar Mal mit eiserner Manneskraft auf dem Magicbus eingeprügelt –ohne Rücksicht auf Verluste, nimm das! Mit einem herzzerreißenden Knall und ein bisschen Funkenschlag befördern sie die Pistole nach zwei exzessiven Gewaltminuten aus der viel zu kleinen Tanköffnung des Bulli wieder heraus. „There you go.“ Und jetzt ab an Tanksäule 6 mit Euch. Die, mit dem kleinen Hahn, what else!? Ja. What else eigentlich!?
Im Supermarkt hingegen läuft alles reibungslos.

Über seichte Berge rollen wir wieder raus aus der Stadt. Durch eine endlose Landschaft, die viel geordneter, zivilisierter und homogener wirkt als auf yukonischer Seite. Chouchou beschreibt es quälend exakt: auch ein bisschen langweiliger. Aber wirklich nur ein sehr kleines bisschen.

Unser erstes Camp bauen wir auf einem menschenverlassenen Campingplatz auf: Dry Creek State Recreation Site, in einem Wäldchen nahe der Zweihäusersiedlung Gulkana. Außer uns sind nur eine Menge Mosquitos da. Und ein paar Hörnchen, die seltsamerweise nicht normal klackern, sondern zwitschern als wollten sie Vögel imitieren, von Angesicht eher Kobold als Streifenhorn.

Alaska. Wir sind tatsächlich hier. Die Globetrottels und der Magicbus. Nach 11100 Kilometern in Kanada. Nach Wind und Wetter und einem gewonnenen Kampf über die Zapfpistole. Mitten im Reich der Mücken und Koboldhörnchen.
Was für ein Meilenstein.

Beaver Creek: Heeting maybe later

Als wir am Morgen zusammenpacken, frage ich mich plötzlich, ob wir mittlerweile –möglicherweise– die Vagabunden sind, vor denen sich alle so fürchten? Stille Gestalten, die in unverständlichen Zungen sprechen. Die in ein ranziges Motel am Ende der Welt einchecken, außer den vier Wänden aber nichts in Anspruch nehmen. Die, die die automatische Laundry verschmähen, die handgewaschene Wäsche aber meterweit an der Reling aushängen. Die, die galonenweise Frischwasser aus der Wanne abzapfen und mitnehmen. Die, die in einem Auto leben, meist ungeduscht und fern der Heimat sowieso. Sind wir möglicherweise die Vagabunden, vor denen sich alle fürchten?

Der Mann an der Bar, der eine fleckige Stoffbinde vor Mund und Nase trägt und verzweifelt Abstand hält. Sollten wir dem sagen, dass Chouchou gestern erst abgestrichen ist und kein Corona in seine Hallen hineinpustet!? Sind wir möglicherweise die, denen man nicht mehr ansieht, dass das hier alles eigentlich nur Teilzeit-Vagabundie ist. Ich weiß es nicht.

Heute möchte ich über die Straße schreiben. Über den Alaskahighway zwischen Destruction Bay und Beaver Creek. Bereits hinter Burwash Landing warnen große Schilder immer wieder, dass ab nun eine wirklich raue Straße („rough road“) folgt. Achtung, folks: eine Menge lockerer Schotter („Loose gravel ahead“) und extrem staubige Umstände („Extreme dusty conditions“) erwarten Euch. Der Magicbus muss sich warm anziehen.

Was als »Highway to hell« angekündigt ist, entpuppt sich allerdings als gar nicht mal ganz so schlimm.
Zugegeben eignet sich Schotterstraße auf Permafrostboden nur wenig für frischlackierte, 12 Tonnen schwere WoMos, die einen SUV im Schlepptau haben und am liebsten mit Tempomat auf 95km/h fahren. Aber so einer ist der Magicbus ja nicht.
Es wäre gelogen, würde ich von „gleiten“ schreiben, aber wir düsen mit durchschnittlich 40km/h über eine hoppelige Straße, die –dafür, dass sie auf Permafrostboden erbaut ist—nur so viel staubt, wie das Auge nehmen kann. Vereinzelte Radler (ja, es gibt sie wirklich. Oft um die 30, meist asiatischer Herkunft, am ehesten mit Samuraigenen ausgestattet!?) tun mir da schon sehr viel mehr leid. Another one bites the dust ohne Windschutzscheibe – die bloggen den Straßenabschnitt womöglich etwas anders. Und haben auch nicht so lecker Mittagessen wie wir…

Für 200 Kilometer brauchen wir fünf laute Stunden. Ist ja schließlich auch kein Flüsterasphalt.
Der Magicbus rappelt in einer permanenten Soundkulisse aus hochfrequentem Dauerdonnergrollen und wehleidigem Quietschen des unnötigsten Tisches der Welt, der seit Halifax nur halbseiden auf unserem Dach rumrutscht. Nur ab und an knallt´s, wenn man zielsicher eines der wenigen Schlaglöcher erwischt. Ein Traumhighway – wenn man den hier mit Straßen in Indien, Albanien, dem Iran oder weiteren 85% der weltweiten Straßen vergleicht. Mindestens.
Kurzum: „Rough road, loose gravel, dusty“…aber passt schon.

Ohne größere Malaisen rollt der Magicbus gegen halb vier in Beaver Creek ein. Die größten Malaisen von uns dreien hat noch immer der arme Chouchou, dem es leider nicht sehr viel besser geht. Also muss es hier –noch 30 Kilometer bis Alaska– wieder ein Motel für die Globetrottels sein. Den Husten kriegen wir schon noch klein. Mit warmen Wänden und einem heißen Bad oder sonst irgendwie.

Beaver Creek, 93 Einwohner, letzte und westlichste Gemeinde Kanadas. Außer einer Tanke und einem indisch geführten Motel gibt es hier noch ganz viel EsWarEinmal: es war einmal ein Wohnmobilstellplatz, es war einmal ein WestmarkInn Hotel, es war einmal eine Kirche.
Ins indisch geführte Motel ziehen wir ein. Das ist ja noch.

Zimmer 105 mit Blick auf pinke Blümchen (kein Fireweed) und den leeren Highway. Meine Laune ist grottenschlecht, um nicht zu sagen richtig mies. Wegen EsWarEinmal, Papa ist nicht mehr da. Wegen Chouchous Husten, der immer noch wie ein tuberkulöses Kamel klingt. Wegen keine Heizung in Zimmer 105 bei Preisen, die man eigentlich für einen Palast bezahlt. Außerdem ist´s diese Zeit im Monat.
Am allermeisten kann ich leider nichts ändern. An der Heizung vielleicht schon!? Ich könnte sie erzwingen!?
Eine äußerst grandiose Idee, also poltere ich –wirklich äußerst schlecht gelaunt—los an einen krümeligen Tresen, der Bar und Rezeption zugleich ist. Dahinter der fürs Motel zuständige Herr, circa 60 Jahre alt, im blaubeerblauen Kaschmirpullover, versunken in einen Bollywoodfilm.

„Entschuldigung,“ –mein Maximum an Freundlichkeit ist hiermit schon aufgebraucht. „Entschuldigung, mein Herr.“ Keine Reaktion. Im TV wird noch getanzt, ich warte also 7 Minuten – quasi einen indischen Quickstep lang, dann versuche ich es wieder.
“Entschuldigung. Leider geht im Zimmer unsere Heizung nicht. Wie lösen wir die Situation.“
Ein ungläubiger Blick schießt über ausgebeizten Tresen. „Heizung, Ma´am!? Alle anderen wollen Klimaanlage.“ Ich sage: „Kann sein, die Amerikaner vielleicht. Wir aber sind deutsche Vagabunden, einer davon krank, der andere schlecht gelaunt und wir frieren beide sehr. Leider geht im Zimmer unsere Heizung nicht. Wie lösen wir die Situation?“
Der Herr wirft einen Blick aufs Außenthermometer: „Ma´am. Draußen sind es 18 Grad.“ „Ja, ich weiß, aber….“

Hinter dem Tresen hängt eine Axt. Die ist eigentlich für Kleinholz bestimmt. Ma´am, draußen sind es 18 Grad…perfektes Wetter zum Holz hacken.
Es ist nur der Bruchteil einer Sekunde. In Bollywood schneien Rosenblätter durchs Bild, irgendetwas jauchzt, der Griff ist im ersten Moment ziemlich schwer in der Hand. Macht nichts.
Mit einem Schlag spalte ich als erstes die Theke entzwei. Draußen sind es plötzlich nur noch 16 Grad.
Als nächstes sind die Plastikstühle dran: eins, zwei, drei. 14 Grad Außentemperatur.
Das Elchgeweih löst sich recht leicht von der maroden Spannplattenwand. 12 Grad.
Gut, dass im Aquarium keine Fische mehr waren: 500 Liter Wasser auf fleckigem Teppichboden. 6 Grad.
In der hinteren Ecke des Raums: es war einmal ein Chaiautomat. 2 Grad. Und die Kasse braucht jetzt auch keiner mehr. Hack.
Gefrierpunkt.
Zeit für meine Heizung…

…ganz kurz war ich eingenickt. Kurzer, illustrer Tagtraum…
„Ma´am. Draußen sind es 18 Grad.“ „Ja, ich weiß, aber….“
Ich stammele noch irgendwelche verzweifelten Argumente hervor – vollkommen erfolglos. Die Axt bleibt an der Wand hängen. Und wäre ich nicht so fürchterlich schlecht gelaunt, würde mir nicht der Gag entgehen, mit dem diese Unterhaltung nach zwei weiteren Bollywoodtänzen tatsächlich endet: „Heeting, ma´am!? Maybe later.“

Er hat es wirklich gesagt, er hat sich getraut: “Heeting, ma´am!? Maybe later.”
Ich kann es nicht ändern: plötzlich muss ich lauthals lachen.
Also: Maybe later. Das ist zumindest lang, lange vor EsWarEinmal.
Schlechte Laune?! Ach, lieber „maybe later“.
Und bis dahin kuscheln wir uns grinsend in warme Decken ein. Und noch 30 Kilometer bis Alaska.…bei 22 Grad Innentemperatur.
Sorry Sir, manchmal bin ich wirklich ein doofes Tierchen.

 

Baden mit Monopolstellung in Destruction Bay

Nach einer weiteren durchgehusteten Nacht für Chouchou ist Schluss. Die Globetrottels entscheiden sich heute für einen Hauch mehr Komfort um gesunden zu können: Chouchou braucht ein echtes Bett und ich –nach fünf Tagen—einfach mal wieder fließend Wasser. So wundervoll die kanadischen Territorial Campgrounds sind, so sporadisch sind sie auch. Uns ist für eine Nacht nicht mehr nach kalten Winden, die das Dachzelt schütteln, nach Seeblick für 10 Euro, sondern nach warmen Wänden, Pipi machen ohne Bärenparanoia in der Nacht, uns ist dringend nach einer Dusche.

Unser Alaskahighwaybüchlein verrät, dass sich in nicht einmal 20 Kilometern ein einziges, ranziges Motel befindet, Monopolstellung. Das steuern wir an. Heute Nacht wird wie die Könige im Talbot Arm Motel residiert, Alaskahighway Meile 1083, Kilometer 1742, Zimmer 10. Den Seeblick gibt’s inklusive, wenn man sich links übers Geländer beugt, kostet dafür auch knapp das 8fache eines Campingplatzes. Hilft nix, geht nichts anders, gönn Dir.

Und so wird dieser Sonntag fast ein Globetrottels-Wellnessausflug. Chouchou hält einen ausgedehnten Mittagsschlaf. In der Wanne wird die Wäsche der gesamten letzten Woche per Hand gewaschen. Das Wasser danach: dunkel wie die Erde des Yukons, die Wäsche nach zartem Lavendel duftend ziert draußen den Magicbus und unsere Reling (links übers Geländer gebeugt mit Seeblick). Danach bade ich. Heiß und lang. Mit Haare waschen, zweimal.

Ein Gang durch Dorf. 35 Einwohner. Der Name: Destruction Bay, weil 1952 ein Hurrikan die erst zehn Jahre alte Siedlung sofort wieder menschenleer fegte. Viel ist seitdem nicht zurückgekehrt: Einzelne Häuser, verziert mit Elchgeweihen. Ein windiger Anlagesteg ohne Boot. Azurblauer Kluanesee. Eine Krankenstation –sehr wahrscheinlich unter Mindestbesetzung , eine schüttere Feuerhalle (viel Glück mit eurem einen Auto, wenn das bisschen Wald mal brennt), eine verlassene Schule, kreidearm und keiner muss vorne an die Tafel. Dafür angeblich massenweise Grizzlys in den Wäldern, die wir heute aber ebenso wenig zu Gesicht bekommen sollen.

Essen im moderigen Lokal: vegetarische Burger, Pommes, Salat ohne Öl. Staubige Pickups fliegen vorbei, ein monströser amerikanischer Winnibago in dunkelrot, ein Biker, der mit Jackson Fives „ABC“ die Einsamkeit zum Tanzen bringen will.

Neben uns lebt ein Zahnloser aus Alaska –sagt zumindest sein Nummernschild. Er sagt nur: „Cool van“ und spuckt fröhlich auf den Schotter. Im anderen Nebenzimmer hustet ein wettergegerbter Bärtiger bei offener Türe lauthals und produktiv einen schwindenden Sommer aus. Danach ist wieder Stille.

Heute Abend werden wir den Fernseher anschalten: Kanadisches Sonntagabendprogramm in voller Lautstärke. Heute Abend wird die Heizung auf Anschlag gedreht. Darauf: vierzehn frisch gewaschene Unnabüxkes und 28 Socken. Heute Abend wird sich maximal noch einmal links übers Geländer gebeugt: Seeblick genießen und weiterhin hoffen, dass ein Grizzly sich sehen lässt.
Wenn nicht, ist nicht schlimm: Morgen ist ja auch noch ein Tag. Ein Tag, der zweifelsohne frisch gebadet beginnt. Zweimal. Und Chouchou ist dann hoffentlich auch seinen Husten los.

Kluane Nationalpark

Die Nächte bleiben eiskalt. Nichts zu beschweren, schließlich ist in dieser Ecke der Welt ab Mitte August mit potentiellen Schneestürmen zu rechnen, aber Chouchous Gesundung ist es leider nicht zuträglich. Um neun hustet es aus dicken Daunendecken stürmisch gen aufgehende Sonne, die Gott sei Dank einen Spätsommerauftakt in den Tag macht. Immerhin. Spätsommergrippe bei Tagestemperaturen um die 20 Grad.

Schnaufend und mit dicken Schals umwickelt verlassen wir unseren wunderbaren Seeplatz, unsere Nachbarn stehen schon freudestrahlend in den Startlöchern, dass der nun endlich frei wird. Gut, dass wir alles blitzeblank hinterlassen. Nicht mal Viren hängen noch in Pinien und abgebranntem Feuerholz, die packen wir ein und fahren weiter gen Westen.

Die nächste Ortschaft auf unserem Weg ist Hains Junction. Im Alaskahighwaybüchlein als Bollwerk der Zivilisation angekündet, hat es hier nicht mal einen Supermarkt. Meilenweite Blicke über eine leere Straße mit zwei Siedlungen an dessen Rändern, ein verlassener RV-Park am Ortseingang lottert munter vor sich hin, hier wird schon lange nicht mehr eingeparkt.

Immerhin finden wir eine rußige, chinesisch geführte Tanke, die Ibuprofen zu Schwarzmarktpreisen vertickt, eine stylische Ökobäckerei, die so auch in der Bonner Südstadt Kunden gewinnen könnte (why!?) und eine katholische Kirche in Miniaturausgabe. Zwei Bänke für alle verlassenen Seelen, die hier irgendwann vielleicht mal einschneien. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Und hinter Haines Junction tut sich das Paradies auf.

Mit Worten lässt sich die folgende Gegend kaum beschreiben. Chouchou trifft es –nach langer Stille im Magicbus—ganz gut: „Sehr viel sehr Wenig.“ Und davon alles atemberaubend. Sehr viel Atemberaubendes, sehr wenig Worte. Ohne zu übertreiben kann ich zumindest wohl schreiben, dass ich nur sehr, sehr selten Schöneres in meinem Leben gesehen habe. Demütig. Erhebend.

Zu unserer Linken tut sich eines der größten zusammenhängenden Naturschutzgebiete der Erde auf: der Kluane-Nationalpark. Land der Gletscher, des Eises und des ewigen Windes. Der Mensch ist hier ein niemand. Gestein und Himmel endlos. Ein paar wackere First Nations leben hier nur vereinzelt in einem Ganzjahreswinter, der lediglich für wenige Monate unterbrochen wird. Heute zum Beispiel. Hier wollen wir für eine Nacht bleiben.

20 Meter vom Kluane Lake, Yukons größtem See, entfernt bauen wir unser Camp für die Nacht auf.

Eine verniedlichende Tafel am Campeingang macht uns aufmerksam, dass wir heute Nacht mitten im Grizzlyhabitat nächtigen. Der so genannte „Wildlife corridor“ verläuft 20 Meter weiter: am Ufer. Die bei Grizzlys besonders beliebten „female soapbery bushes“ hat man netterweise von der angrenzenden Wiese entfernt, damit die Meister Petz´am See bleiben und nicht freudestrahlend übers Camp marschieren. Die Zelter sind trotzdem durch einen dicken Elektrozaun geschützt. Ein bisschen aufregend ist das schon.

Denn:
Der Mensch ist hier ein niemand. Gestein, Wasser und Himmel endlos. Es ist lehrreich, sich etwas kleiner zu fühlen, als man so im Allgemeinen glaubt zu sein. Meist Jemand. Irgend jemand.
Aber eben auch nicht immer…

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