Unterwegs im Magicbus

Monat: Mai 2024 (Seite 2 von 2)

Boxenstopp Madrid

Der Busbahnhof Pamplomas liegt kurz vor dem Mittelpunkt der Erde. Hypermoderne Büsschen im Schwarzlicht, eigentlich fehlen nur noch basslastig, dunkle Technobeats. 25 Euro für eine rollende Party, weiter geht’s.

Fünfeinhalb Stunden sind es bis Madrid. Mit einem lustigen Schlenker nach Burgos, lange am Jakobsweg entlang durch grünes, hügeliges Land, streckenweise sehr einsam und endlose Weinreben.
Wir hatten vergessen, wie wunderschön das nördlich-zentrale Spanien doch ist. La Rioja. Armen Pilgern aus dem Busfenster zuwinken in der eigenen Laufpause.

Zwischenstopp Madrid. Die Frisur sitzt. DreiWetterTaft.
In unserem 18 Stunden-Halt müssen wir nicht allzu viel abklappern, in den Jahren 2008 bis 2010 wurde hier — in Spaniens Hauptstadt— mehr als genug herum geklappert.

Im Hotel México (2 Sterne Landeskategorie) kommen wir unweit des Bahnhofs unter. Prima Platz: aufs Wesentliche beschränkt. Keinen Kaffee zum Frühstück, dafür aber dicke Kissen und die Schöne und das Biest an der Wand.

Mehr als einen kleinen Spaziergang im Kiez gibt es heute nicht mehr zu tun, US-Gedenkfutter bei Taco Bell und eine heiße Badewanne.

Es ist unglaublich, dass die Knochen nach unserem Marsch noch immer weh tun. Zehen, die nachts so sehr ziehen, dass sie einen wecken können.
Eine Ferse, die bei jedem Kreisen laut kracht.
Ein Mittelfuss, der druckempfindlich wie eine Fontanelle bleibt.
Verkürzte Sehnen und Bänder in den Beinen, die sich aus reiner Frackigkeit nicht mehr dehnen wollen.
Messerstiche in den Knien — hier und da, wenn’s gerade langweilig wird.

Ganz gut zu wissen, dass wir noch ein paar Tage Pause machen, bevor die Fersen wieder Flamenco tanzen müssen.


Pamplona subjektiv

Natürlich ist jeder Ort der Welt —unter anderem— auch eine persönliche, ja: subjektive, Frage des eigenen Geschmacks.
Dementsprechend gilt auch hier nur ein „wenn man uns fragen würde“.

Wenn man uns also fragen würde, welcher Ort der Weltbeste sei, um einen Pilgerweg initial sacken zu lassen, ist es ganz eindeutig:
Solo Pamplona!
Ganz genau dort, wo wir sind. Zwei schillernde Tage mitten im Leben nach unserem entbehrungsreichen, französischen Jakobsweg.
Es ist Pamplona. Hier! Der beste Platz der Welt. Nach Jakobsweg und mitten drauf.

Am ersten Tag klappern wir nur kurz die leicht erreichbaren Sehenswürdigkeiten ab:
Erstens: Kathedrale. Unser 183. heiliger Ort. Kostet Eintritt, den sind wir nicht willig sind zu bezahlen. Keinen Krösus für den Heiligen Gral, auch hier —bei Leibe— nicht, dios mio.
Zweitens: Stierkampfarena. Gänzlich unheilig, bis heute.
Bevor wir uns empörend über die Stierhatz und das bis heute andauernde Töten in den Arenen äußern können (da gibt es keine Diskussion!), wenden wir uns lieber ganz schnell der Huldigung des Ernest Hemingways zu —größter Schreiberling der Welt, wir verneigen uns!
Vor Ihren kargen Sätzen, die alles Tiefsinnige beschreiben können. Ein auf Anblick lieb gewonnenes Zitat, das diesen Ort äußerst schön zusammenfasst, muss jetzt sein:

„Nach Pamplona sollten Sie nie mit Ihrer Frau fahren. Mit ziemlicher Sicherheit wird sie dort krank, verletzt oder verwundet werden, zumindest wird man sie anrempeln und mit Wein beschütten; oder aber Sie verlieren sie. Vielleicht auch alles auf einmal.“
Dann beginnt auch schon die Fiesta vor der Siesta.

Wir plumpsen in die große Party ohne eingeladen zu sein: eine erste Kapelle brettert ohrenbetäubend durch enge Gassen. Kurz nach zwölf, die ersten Biere gehen reihum: voll, nicht halbvoll. Versteht sich von selbst. Meine Schuhe schäumen.
Alte Herrschaften beginnen zu tanzen auf alten Kopfsteinpflastern, eine Menge, die laut auf baskisch singt. „Una caña mas?“ Warum eigentlich nicht. Für Fiesta vor Siesta. Aufs Sein. Auch so geht Leben ganz wunderbar. Vielleicht sogar besser als anders!?

Wir tanzen zwei Stunde der Kapelle hinterher. Dann klappt plötzlich jemand den Gehweg hoch: Zeit für Mittagsschlaf. Er geht bis 18h.

Um 20h wollen wir essen. Als einzige. Die große Essenscharge wird ab 22h aufgefahren, aber die nette Barlady ist so nett, bereits „kurz nach Mittag“ unseren Appetit zu besänftigen. Sogar auf Englisch: eine Wohltat nach sechs harten Wochen französischem „No entiendo nada.“
Wir bestellen sechs Essen. „Ok, that’s a LOT of food you ordered. I will bring you four servings and you will decide later, if you need more,“ meint die Barlady. Sie soll so recht behalten.

Mit offener Hose platzen wir aus der Bar. So gut gefüttert wie seit Wochen nicht. Die Uhr zeigt Mitternacht, noch ein Absacker bis zwei. Wir schlafen bis morgens um neun am nächsten Tag.

Sonntag in Pamplona.
Vor zwölf bewegt sich nicht ins diesen Gassen. Beim Bäcker geht mit jedem Brot eine Zeitung über die Theke. Wie zu Hemingways Zeiten. Frühstück bis kurz nach Mittag, dann ist Zeit für Siesta.

Gegen fünf krabbeln wir aus dem Appartment. Rundgang um die brachiale Stadtmauer, die so viele abhalten sollte. Nicht allen hat sie über die Jahrhunderte standgehalten.
Die Souvenirgeschäfte haben zu: wir bestaunen die baskischen „Barbies“ durchs Schaufenster. „Los Gigantes“, die zu Zeiten der Stierhatz überdimensional groß durch die Gassen getragen werden, hier in klein zu kaufen. Wie gerne hätte ich doch diesen Teufel im Rock: 25cm skurriles Plastik, für meine Kuriositätensammlung zu Hause.
Aber noch immer gilt leider: jedes Gramm zählt auf der weiteren Wanderung, die wieder auf uns wartet.
Der Teufel also muss warten. Hinter geschlossenen Läden. Und er wartet gerne. Weil er weiß, dass seine Zeit noch kommen wird.

Wieder dauert es bis neun, bis andere Menschen aus den Häusern krabbeln. Am Sonntag sind es deutlich weniger als am Samstag. Schade eigentlich.
Wir feiern also im kleineren Kreis.
Heute mit einem augenscheinlich schizophrenen Herrn, der sich an unseren Tisch gesellt und äußerst lautstark mal mit uns, mal mit anderen, die nur er sieht, lamentiert.
Fernando wirkt einigermaßen erstaunt, dass wir so gar nicht erstaunt wirken über ihn. Das scheint ganz gut zu tun: dass zwei andere endlich mal seinen Diskussionen einfach nur lauschen, die er mit denen führt, die sonst keiner sieht. In der Lautstärke eines startenden Düsenjets lobt er erst meine Schönheit (wenig gepflegte Hände streichen über ein wenig gepflegtes Gesicht) und stellt dann fest, dass Chouchou aber deutlich interessanter sei. Natürlich, Fernando. Deshalb hab ich ihn ja geheiratet und nicht mich selbst geehelicht.
Fernando lacht – er weiß ganz genau, was ich damit meine und beginnt begeistert Beethovens Neunte über den Platz zu gröhlen. Du wundersame Welt, in der jeder seinen Platz hat. Eine große, verrückte Familie.

Natürlich verlieren wir uns im alternativsten, pro-baskischen Viertel. Natürlich sitzen wir den großen Regen mit Pamplonas verloren Seelen in einem Klipp-Klapp-Unterstand aus. Und lassen einen Aufkleber da. Ein Hauch zu Hause.

Pamplona, Du Wilde und Schöne und Lebenslustige.
Solltest Du irgendwann den Irrsinn lassen, fühlende Tiere durch deine Straßen zu treiben und sie danach abzumeucheln unter dem Deckmäntelchen der „Kultur“, wärst Du zweifelsohne sehr weit oben auf unserer Liste der „Städte in denen wir leben wollte“.
Just vor zwei Tagen hat die spanische Regierung den mit 30000€ dotierten Stierkampfpreis abgeschafft, um eine „Form der Tierquälerei“ nicht mehr zu belohnen.
Die Richtung stimmt also. Persönlich und ganz subjektiv.
Wenn dies irgendwann der Fall sein sollte, werden wir gemeinsam mit Fernando Beethoven anstimmen: An die Freude!
Am besten einmal über den ganzen Platz gegrölt…


Das Pilgern, das Leben und der ganze Rest

Im strahlenden Sonnenschein setzen wir erste Füße auf Asphalt: den letzten auf diesem Pilgermarsch. Heute also wirklich…

Bis St Jean Pied de Port sind es 4 Kilometer. Immer vorbei an den typischen, baskischen Bauernhäusern mit rostroten Fensterläden. Die letzten vier Kilometer. Heute also wirklich…ein bisschen komisch ist es schon, dass es heute —also wirklich— vorbei sein soll.

Sagenumwobenes St Jean Pied de Port.
Um 11h herrscht noch Ruhe vor dem Sturm. Vor der Pilgerinfo drängeln sich nur wenige: alle mit sauberen Schuhen. Wir sind gefühlt die einzigen, die hier nicht anfangen, sondern aufhören. Alle Herbergen —wie angekündigt— wirklich bumsvoll.
Die Dame in der Pilgerinfo drückt uns den letzten Stempel in den Pass. Tatsächlich ist er —bis auf zwei Kästchen— voll.
Unser „Tampon pelerin“-Tagebuch Via Podiensis.
Ein bisschen schade ist es schon, dass diese Wortkombination nun aus meiner Welt auf immer verschwinden wird: „tampon pelerin“ = Pilgerstempel. Jedes Mal ein Fest, nach einem solchen fragen zu dürfen.

Es ist seltsam durch diesen Ort zu wandeln: Beendend, nicht beginnend. Für unseren Pilgerweg passend. Ein Weg, auf dem die Vergänglichkeit ein sehr großes Thema gewesen ist. Vielseitig. Zeit für Kerzchen.

An der Touristeninfo treffen wir die Österreicher wieder, verloren rumwuselnd. Die Rädelsführerin hat alles geplant: sechs Menschen, sechs Monate im Voraus. Dass der Pass nach Spanien zur Zeit kaum begehbar ist, hat sie dummerweise nicht einkalkuliert. Wie kommt Österreich nun nach Spanien? Zeit unserer Pfadfinderehre nachzukommen und den Übersetzer zu mimen, um für morgen ein österreichisches Taxi zu organisieren. Gar nicht mal zu einfach, weil die Bagage nicht genau weiß wann wie wo und wer. Aber wir schaffen es. Leiwand.

Der Bus nach Pamplona geht einigermaßen pünktlich. In Serpentinen den Pass hoch, zarte Mägen, die von Bonnies träumen.
In Roncesvalles suchen verlorene Pilgerseelen nach einer 20BettHerberge, wir rollen mit der besten Busfahrerin der Pyrenäen fußschonend an ihnen vorüber.

In Pamplona ausgespuckt zu werden kommt einem kleinen Schock gleich: größte Stadt seit Bonn — wirkt nach sechs Wochen zu Fuß durch hyperländliches Südwestfrankreich aber wesentlich größer. Wie der Nabel der Welt, der gleich aus einer Siesta erwachen wird. Vor Schreck mal wieder was verloren von den wenigen Dingen, die wir dabei haben. Heute: meine Fleecejacke.

Zur Feier des Tages: „die Globetrottels feiern sich selbst für 666km plus 11 zu Fuß“ gönnen wir uns ein Appartment mittenmang inne City. Vom kleinen Balkon könnten wir allen Pilgern nun applaudieren. Könnten. Heute sind wir allerdings noch zu müde dafür.
Es reicht für einen kleinen Einkauf und einen Berg von Wäsche in einer echten Waschmaschine— dann gehen erstmal die Tassen hoch.

666km plus 11.
Das also war den Globetrottels ihren Jakobsweg 2024. Die Via Podiensis einmal durchlaufen. Im Dauerregen und Sonnenschein. Im Gewitter und Wind.
Von Zelt bis 11BettZimmer.
Von unerahnten Gesprächen und unerwarteten Schicksalen am Wegesrand.
Von hundert Fragen zu 1001 Antworten. Und wieder einer Frage.
Von Pontius nach Pilatus. Auf Stöcken oder Hand in Hand.
Durch Äcker, über Wiesen, durch Matsch, über Berge, durch vergessene Örtchen und Dörfern, die —nach Tagen Einsamkeit— wie Weltstädte wirkten.
Von plötzlichen Freudenausbrüchen, über einige Tränen, Schmerzen und der Unfassbarkeit, dass ein kleiner Körper jeden Morgen wieder aufsteht, um weiter zu laufen.
Manchmal jenseits aller Zeit, manchmal mittendrin am Puls des Lebens, fast immer: jetzt.

Dies ist eines der größten Abenteuer gewesen, die wir je erlebt haben. Unerwartet. Fordernd. Zerrend.
Ein weiteres Abenteuer, das wir erlebt haben. Das wir ab nun immer „haben“ werden. Im Herzen, im Kopf, auf der Agenda.
Gemeinsam geschafft, zusammen gewuppt.
Ein Weg, der stärker macht. Auch durchs Schwäche mal zulassen.
Via Podiensis. Der französische Jakobsweg.
Danke, dass es Dich gibt.
Danke, dass wir auf Dir leben durften.
Danke, dass Du uns nun auch eine Pause von Dir gönnst.
What a life, what a ride.
Ultreia.


Das Unmögliche nicht ausschließen

Die Mädels bei uns im Zimmer haben wohl nicht allzu gut geschlafen. Wohl weil einer des nachts laut geschnarcht hat: ich.
Mit roten Augen beginnen sie den Tag, meine Nacht hingegen war einigermaßen erholsam. Desolé Mädels. Es war wirklich nicht extra. Mit Scham bin ich schnell aus dem Bett, auf dem Weg nach unten in die Küche.

Dort wuselt bereits die Rädelsführerin der sechs Österreicher, die am Abend noch die gesamte Bude unterhalten haben.
Bester Eisbrecher am Abend: mein Einwand, dass ich mal einen Liebhaber in Salzburg hatte. Fanden alle super, is eh kloar.

Die Rädelsführerin ist bestens ausgeschlafen und bereit für den nächsten Wandertag. Sie hat den Pilgermarsch für alle sechs vorbereitet. Vor sechs Monaten bereits alles gebucht.
Jetzt gießt sie mit Schmackes sechs Kaffee in sechs Tassen. Obwohl außer ihr und mir noch keiner da ist. Die Kanne ist leer, bevor der Tag überhaupt angefangen hat. Also setze ich erstmal einen weiteren Kaffee auf.

Im Nieselregen geht’s weiter. Chouchou freut sich: „Letzter Pilgertag“. Nee, nicht ganz. Es sind tatsächlich noch zwei, aber ein Ende ist absehbar.

Wegen des Dauerregens steht ein Großteil des Wegs lecker unter Wasser. Hier heißt es mal wieder: Matschwaten vom Feinsten. Das beste Equipment wären —statt Wanderschuhen— wohl Langlaufskier. Die Stöcke hätten wir ja schon.
In den nächsten Stündchen treffen wir mehrere Leute, die sich langgelegt haben. Ein Wunder, dass es uns noch nicht passiert ist. Ein Wunder, dass Chouchous Mütze trotzdem so eingesaut ist, als hätte er versucht, mit dem Kopf zu kegeln.

Gegen späten Vormittag hört der Regen auf. Sonne und Wolken über einem Heidi-Szenario, auch die Häuschen sehen mittlerweile immer almartiger aus.
Im nächsten Dorf kommen wir zeitlich passend zum Schafauftrieb. Große Liebe für diese tollen, braven Tierchen.
Mehrere Rotmilane versuchen Feldmäuse aus den Löchern zu pfeifen, Kühe auf Bergweiden. In einer unserer Pausen lege ich mir einen Fliegenzirkus zu und dressiere ihn in kürzester Zeit zum erfolgreichsten FliegenHürdenflugZirkus der Welt.
Dann sind wir auch schon da:
St Jean Le vieux, 4km vor dem sagenumwobenen St Jean Pied de Port, dem Ende der Via Podiensis.

Wir checken in das letzte Etablissement ein, das noch ein Zimmer frei hatte: das Hotel Mendy. Hierhinter ist seit Monaten bereits alles ausgebucht. Der Run auf den Jakobsweg funktioniert bei den allermeisten spontan nicht mehr. Oder nicht mehr spontan. Stichwort: Halbpension mit Frühbucherrabatt. Wir haben uns nach 666km plus 7 noch immer nicht daran gewöhnt.

Im Hotel Mendy hat auch die Rädelsführerin gebucht. Drei Zimmer, sechs Leute, vor sechs Monaten. Fröhlich winkend nehmen sie uns in der Bar in Empfang:
Jo mei, ihr auch hier!? Ohne Reservierung?
Jo mei. So schauts wohl aus.
Ge super is des. Leiwand.
So is es wohl.

Dies wird also der letzte Abend auf unserem Jakobsweg sein. Bis ans Ende der Via Podiensis.
Viele Gedanken haben wir uns zu diesem Weg gemacht. Darüber und darauf. Viele davon sind sind noch lange gesackt, geschweige denn verarbeitet.

Ob dieser Weg nun etwas Magisches hat?
Wer weiß es schon?
Wen auch immer ich auf dieser Etappe gefragt habe: er oder sie war sich stets sicher. Ich bin es bis heute nicht und muss es auch nie sein.

Manchmal reicht es vielleicht, sich an den Möglichkeiten und Zeichen zu erfreuen.
Heute Abend gab es einen ewigen Regenbogen: 30 Minuten in allen Farben — manchmal zu zweit, manchmal alleine.
Manchmal reicht es vielleicht, sein Herzchen offen zu halten und das Unmögliche zumindest nicht auszuschließen. Weich zu bleiben, berührbar und empfänglich.
Möglicherweise ist sie auch das: diese wahre Magie!?
Wer weiß es schon?

Klagen…man man auch lassen

Zwischen den Fliegen macht Steeve ein prima Frühstück. Theirry ist leider noch kränker als vorher: er muss heute ein Taxi nehmen. Fast wäre man versucht zu sagen: Der Glückliche. Denn den gesamten Tag ist Dauerregen angesagt. Zu 100%!

Irgendwann quälen wir uns vor die Tür.
Noch vollkommen überzeugt, dass man dem Wetter mit dem richtigen „Mindset“ entgegen treten kann.
Tatsächlich passt das für drei Stunden, spätestens dann aber knickt man als mental Ungeübtes ein.
Wir klappen geistig bereits nach eineinhalb Stunden weg.

Angeblich ist dies die schönste Etappe seit Aubrac. Wegen des Ponchos sehen wir kaum etwas. Nach zwei Stunden ist wirklich alles nass. Trotz Gamaschen, trotz Regenjacke und -Hose unter dem Regenponcho.

Stundenlang laufen wir in nassen Socken in nassen Schuhen. Eine gute Übung im „nicht bewerten“: denn nass ist erstmal nur nass.
Unsere mentalen Fähigkeiten diesbezüglich reichen aber leider nur 10km. Danach muss gesagt werden: es ist doof. Richtig doof…vor allem, da man auch nirgendwo trocken rasten kann.

Bis zum ersten Unterstand werden es 14km. Unterwegs ein Super-Regenwurm von einem Meter. Wenn man ihn ziehen würde, käme er womöglich auf zwei — wir lassen es sein. Zu beschäftigt damit, uns selbst zu bemitleiden…

Die Herberge in Ostabat fast wie eine Fatamorgana: rettender Hafen. Scheiß auf Vierbettzimmer. Hauptsache man kann sich irgendwie trocken legen.

Lani und Sabrina in Stockbett neben uns. Wir tropfen pitschnass ein, ich habe deutlich mehr Mitleid mit ihnen als mit uns. Sie sind jung und kräftig und bereit für Abenteuer. Wir sind alt und nass und vollkommen ausgelaugt. Verlorene Träume tropfen auf schmierigen Linoleumboden: Sorry, to have us here with you tonight.

Wir schwören uns tief: dies wird unsere allerletzte Nacht im Vierbettzimmer sein. Auch, um andere zu schützen.
Selbst wenn wir irgendwann in den Knast kämen: ein Hohelied auf Intimität hinter schwedischen Gardinen. Dort gibt es Zweibettzimmer.

Dieser Weg fordert alles. Auch wenn man öfter drauf kommen könnte, dass es eigentlich nix ist.
Weil dies alles noch immer „selbst ausgesucht“ bleibt. Eine selbstgewählte Erfahrung.
Warum also klagen? Wenn die Schuhe abends über dem Ofen trocken brutzeln?
Warum also klagen? Wenn der eigene Körper noch immer von A nach B trägen?
Selbst nur mit ein bisschen Murren.
Warum also klagen?
Auch wenn es zwischen durch mal ganz gut tut.
…ändert es ganz und gar nix.
Eigentlich könnte man es damit auch lassen…
Wieder eine Erkenntnis.


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