Unterwegs im Magicbus

Monat: April 2024 (Seite 3 von 3)

Nicht den Hampelmann geben —müssen


Um 03:33h werde ich wach. Das mag an der Sonnenfinsternis in den USA liegen — würde die belgische Sozialarbeiterin meinen. Tatsächlich aber weckt mich ein unspezifisches Unwohlsein, das ich zuerst nicht konkret benennen kann. 30 Minuten wälze ich mich hin und her, dann hab ich´s: es ist Ärger. Ein Ärger über die Szenerie. Hereingerutscht in etwas, das wir bisher noch nie selbst erlebt. Bis gestern. Das erste Mal haben wir eine französische Blasiertheit erlebt, von der wir dachten, es gäbe sie nur im Büchlein der Vorurteile. Ein bornierter Zusammenschluss der Grand Nation gegen die deutschen Kretins. Das war es, was über dem gestrigen Abend schwebte, was wir beide aber nicht greifen konnten. Es passt, dass die (auch des Deutschen mächtige) Gastgeberin uns beim Frühstück —gefühlt zur Bestärkung aller— fragt, wie man „delicieuse“ denn nochmal auf Deutsch sagt!? Ein „lecker“ knallt über den Tisch und fegt alles feingeistige hinfort. Die selbstgemachten Konfitüren gelieren eine Nummer fester in den Gläsern, ein Stück Butter schweigt steif. Ein grobes Volk, diese Deutschen. Wir wissen, dass ein „Achtung! Schmackhaft.“ auch nichts mehr gerettet hätte. Heute morgen scheinen alle froh, als wir endlich vom Hof dackeln. „Dackeln“, nicht „promenieren“.“/>

In Montcuq decken wir uns erstmal mit Croissants ein. Ein älterer Herr spricht uns auf der Straße an: ob wir den Jakobsweg suchten!? In der Tat, das tun wir. „An den Bäumen, die in der germanischen Mythologie das Zentrum der Welt bedeuten einfach links,“ sagt er im herzzerreissenden Sprachstakkato der mühsam gegen Parkison Kämpfenden. Und schlürft mit seinen Hausschuhen von dannen.

Für uns gehts heute durch sehr viel Matsch. Teils an Seilen hoch und runter ziehen und schleppen wir uns durch einen Wald, der durch das nächtliche Gewitter komplett aufgeweicht scheint.
Mehrfach müssen die Hufe ausgekratzt werden, von einem Vorbeiziehenden lernen wir, dass die Franzosen dies „verliebte Füße“ nennen. Sohle „in love“ mit Matsch. Ein Romantiker also, der vorbei ging.
Schäfchen auf den Weiden —mehr Minis, als Erwachsende. Alle mit langen Schwänzchen. Dicke Wolken, die drohend über dem Tag schweben, uns aber (zumindest bis zum Ende) weitestgehend in Ruhe lassen. Ein Verlaufen im mystischen Mooswald.

An einem Hof ein Pilgercafé gegen Spende. Drei urige Schwarzwälder sitzen schon dort, zwei Outdoorjungs im besten Alter und kurzen Buxen kommen vorbei: sie schlafen bis Santiago im Wald. Chouchous Starbucks im Lot: das letzte seiner Art. Denn kurz darauf wechseln wir in ein neues Departément: Tarn-et-Garonne.
Und finden den Schlafsack der Outdoorjungs am Wegesrand. Chouchou packt ihn ein und schleppt ihn die nächsten fünf Kilometer mit. Und tatsächlich findet das Säckchen dank dieser freundlichen Pfadfindertat sein Herrchen in Lauzerte wieder: am Intermarché kommen die zwei Outdoorhelden uns bedröppelt entgegen.
Das Wiedersehen macht Freude. Auch wenn natürlich so cool getan wird, als wäre es kein Ding gewesen, im Regen bei fünf Grad auch ohne Schlafsack im Wald zu pennen.

Plötzlich Wind und klatschkalter Wolkenbruch. Einmarsch in der Gite communale in Lauzerte mit wehendem Poncho und im Volldeppenlook. Wir bekommen das allerletzte Zweibettzimmer — Corinne ist den Rest des Jahres komplett ausgebucht.

Dieses Giteleben bleibt für uns gewöhnungsbedürftig. Umso mehr, da wir wegen der Sprachbarriere nie so wirklich mit dazu gehören, sondern Fremde bleiben.

Vielleicht ist ja das eine der tausenden an Erkenntnissen und Erlebnisse, die dieser Weg für uns bereit hat: sich fremd fühlen. Nicht verstehen, nicht verstanden werden.
Nicht dazu gehören — müssen. Anders sein — dürfen. Nicht den Unterhalter am Tisch spielen — müssen. Rückzug in der Gruppe —- dürfen.
Beobachtende sein. Am Rande des Spielplatzes stehen, nicht sicher, ob man jetzt lieber mitspielen möchte oder ob es auch mal ganz entspannend ist, nicht in der Dynamik der anderen mitmaggeln — zu müssen. Für sich bleiben —dürfen. Das aushalten.

Und so gibt heute der Kanadier neben mir den Hampelmann. Möglicherweise mit den gleichen Fragen im Bauch.
Wohltuend, mal die Klappe zu halten….

Vom Himmel aus gesehen bist du ganz klein.

Liebevolles au revoir am Morgen. Der Malle Postale fährt vor: der Gepäckservicebus der Via Podiensis,
Warum nutzen wir den eigentlich nicht?

Eine kurze Etappe liegt heute vor uns.
Den ganzen Tag Pilgerweg durch eine Grünschneise. Grün. Die Farbe, die der Seele am besten tut. Mit vielen Insekten drin.

Erster Kaffee in Lascabanes an der friedlichsten Bar der Welt. Mit uns ist nur der nepalesische Bergführer hier, „permit stamped in Lalitpur“. Statt Himalaya zu Fuß macht er heute Lot per Ebike. Eine lustige Begegnung.

In der Kirche finden wir den Stempel von Klaus Jakobsjunge wieder.
Mittlerweile ist er uns drei Wochen voraus. Abend um sechs wäscht der hiesige Priester angeblich den Pilgern die Füsse. Wie gut, dass wir die Messe gescipt haben. Nur wenig wäre mir unangenehmer als das…

Mittags werden wir überholt von einem Wickelkind.
Man kann sagen, was man will: Die Franzosen sind einfach härter als wir.
Pilgern mit drei Kleinkindern, jedes mit einer Jakobsmuschel um den Hals und ab. Die Pampers wird auf dem Boden vor der Kapelle gewechselt, danach läuft das Zweijährige zu Fuß alleine weiter. Kein Wunder, dass die Fremdenlegion aus Frankreich stammt.

Wir kommen an einer Wunderkapelle mit Quelle vorbei. Für Menschen mit Rheuma. Prophylaktisch halten wir die Hände rein, ein unsteifer Rheumafrosch rettet sich von Alge zu Alge. Wenn das der durchschnittliche Beweglichkeitsoutcome ist, wirkt sie.

Heute geht’s nach Montcuq. Auf deutsch: „mein Popo“. Bereits gestern erheiterte es den Pänälerhumor am Abendessenstisch, heute reißen wir weiterhin Flachwitze drüber. Wären man nicht auf dem „chemin“, es wäre zum schämen. So aber kann man sich rausreden…

Mit dem Bierchen im Ort ist das Gute auch schon geschehen. Schneewittchen liegt traurig im Sarg in der Kirche, nach Ankommen in der Gite wissen wir auch warum.

Eigentlich sind alle ganz nett. Wir bekommen ein kaltes Fußbad und eine narzisstisch angehauchte Historienerzählung seitens des Gastgebers.
Mit uns sind ein paar weitere Gäste da. Claire von gestern zum Beispiel, sie hat sich wirklich die Füße vom Pastor waschen lassen. Meine Nachfrage wird mit Naserümpfen beantwortet: So macht man das eben auf dem Camino. Wusste ich nicht. Ach, ich weiß so vieles nicht. Und heute werden wir drauf hingewiesen.

Es ist sehr spannend, wie unterschiedlich sich Abende gestalten können. Je nach Flair und Zusammensetzung der Menschen.
Am Tisch sitzen heute Abend: Claire mit gewaschenen Füßen und der narzisstisch anmutende Gastgeber. Ein freundliches, belgisches Paar (Sozialarbeiter in der Psychiatrie) und Pierre. Mit dem habe ich es leider von Anfang an versemmelt: wollte nette Kommunikation machen und kam ganz non-chalant auf Napoleon zu sprechen. Keine gute Idee. Seither hasst Pierre mich und mümmelt sein eigenes mitgebrachtes Entenfleisch still vor sich hin.
Auf der anderen Seite sitzt ein Namenloser. Ich habe versucht ihn zu fragen, wer er sei und habe keine Antwort erhalten. Er will einfach nicht mit mir reden, in Satzfetzen aber kommt raus, dass er täglich 30 bis 40 Kilometer läuft. Daher nenne ich ihn „Maschine“ und spreche ihn ebenso an: „Tu es une machine.“ Auch das trägt leider nicht zur Völkerverständigung bei.
Chouchou sagt im Gesamtsetting sowieso nichts mehr, sondern stößt nur stille Schwefelwolken aus. Ich muss lachen. Leider als einzige von allen. Und dann greift der Sozialarbeiter zur Gitarre — wir müssen dringend gehen.

Klaus Jakobsjunge schreibt: Der Weg gibt Dir nicht das was Du willst, sondern das, was Du brauchst.

Manchmal ist das möglicherweise ein napoleonhassender Gesprächspartner mit roher Ente im Gepäck.
Manchmal ist das eine maulfaule Machine, die so nicht genannt werden will. Manchmal ist das ein narzisstischer Gastgeber, der seine Kindheitsdefizite durch einen großen Auftritt bei schlechtem Wein wett macht.
Manchmal ist das eine scheue Frau, die sich von einem Priester die Füße waschen lässt.
Und manchmal ist’s ein Belgier, der Gitarre spielt, während man mit wehenden Fahnen flüchtet.

Der Weg gibt dir nicht immer das was du willst…. „Vu du ciel tu es tour petit“ = Vom Himmel aus gesehen bist du ganz klein. Und draußen regnet es.


Zur blauen Etappe

Robse rennt heute den Marathon in Paris —zum fünften Mal— und wir!? Wir drücken uns vor dem losgehen in Cahors.
Nach zwei Pausentagen hat der Gemütlichkeitswolf uns im Nacken gepackt. Eigentlich wollen wir nicht weiter. Und müssen.

Wanderurlaub vs Pilgern: heute wird uns klar, wo der Unterschied liegt.
Nach zwei Wochen Trekkingtrip zu Hause auf dem Sofa über die Freiheit des Wanderns zu schwadronieren geht sehr einfach. Wie schnell gerät man dann doch ins Schwelgen, über die Leichtigkeit des Nur-das-Nötigste dabei haben. Wenn die eigene Waschmaschine ums Eck steht.
Wie bereichernd empfindet man doch das tägliche Weitergehen. Wenn man morgen die Füße auf dem eigenen Sofa langmachen kann.
Wie groß ist der Zauber des Ziellosen. Wenn die gewohnten Bahnen einen umgeben und nichts Unerwartetes wartet.
Die eigene Komfortzonr zu verlassen ist immer gut. Und es macht es einen fulminanten Unterschied, ob man dies für eine überschaubare Zeit tut. Oder eben nicht.

Die Romantik der Einfachheit erschließt sich uns heut nur schwerlich. Weil uns klar wird, dass die Schmerzen in den Fersen alsbald nicht mehr aufhören. Weil wir —auf unabsehbare Zeit— weiter täglich gehen werden. Die zwei Tage Pause machen kaum einen Unterschied. Eher fällt es uns schwerer. Siehe Gemütlichkeitswolf.

Durchs Industriegebiet geht’s raus aus Cahors. Über Geröllpfade hoch ins Gauklerland: dort, wo die Großfamilie Rozel in ihren Wohnwägen haust. Dort, wo der Wanderweg abgeriegelt ist. Dort, wo die Gypsys uns —Gott sei dank— durchwinken.

Dank Gott wird im Laufe des Tages aus dem Geröll endlich sumpfiger Wirtschaftsweg und dann knorrige Heidelandschaft.

Ein Örtchen passieren wir: der „Multiservice“ hat tatsächlich geöffnet. Unser erstes mal auf dieser Wanderschaft.
Wir bekommen Kaffee und hätten sie viel mehr haben können: Luftpostbriefe, Erbsen, Pastis, Pornoheftchen, ein Schnack mit den alten Herrschaften des Dorfs, die aufgereiht an der multifunktionalen Theke sitzen.
„Die Schönheit der Einfachheit“: uns reicht Kaffee und Internet. Um den Tops live um kurz nach zwei durchs Ziel in Paris zu tracken — und vor Stolz und Freude ein Tränchen zu verdrücken.

Wir machen heute nur Halbmarathon. Immerhin inklusive 600 Höhenmetern.
Verschnarcht um kurz vor sechs taumeln wir auf dem Hof von Marie und Jean-Michel ein. Zwei ehemalige Jakobspilgernde, die der Camino so infiziert hat, dass sie alles hinwarfen und in der Einsamkeit des Lots vor 17 Jahren eine Herberge eröffneten.

Eigentlich hatten wir geplant zu zelten. Eigentlich wollten wir niemals mehr ins Mehrbettzimmer.
Über diesem Ort aber liegt etwas so wohlwollendes, dass wir uns gegen unseren Ursprungsplan entscheiden und bei Claire mit ins Vierbettzimmer schlüpfen.
(Der Vollständigkeit halber sollte auch erwähnt sein, dass nachts Regen angesagt und die Zeltwiese schräg ist. Außerdem sind wir totmüde und noch immer gemütlichkeitswolfinfiziert.)

Der Abend ist ein fröhlicher. Alle Mann und Frau zu Tisch: Marie & Jean-Michel, Claire, die 3Generationenfamilie aus Paris und wir. Vergiss die Sprachbarriere: es ist nett, was wir verstehen. Und ebenso dass, was unverstanden bleibt.
Für heute Abend gehören wir hier alle zusammen. Egal woher, egal in welcher Sprache.
Ein guter Ort: diese Etape bleue.
An dessen Tisch heute Abend niemand der Anwesenden fehlen dürfte.


Pausentag in Cahors

Pausentag in Cahors:

  • einmal Appartement gewechselt, da Vincent unsere Buchung vercheckte
  • jeden Tag zehn Kilometer durch enge Gassen wandeln
  • Schuhe repariert, Equipment aufgepolstert
  • Unter Jesus‘ Mütze gebetet
  • Beste Törtchen gefuttert
  • trotzdem eigentlich zu müde, um morgen weiter zu gehen

Auf Geröll nach Cahors sliden

Ein ermüdender Pilgertag in Blitzlichtern:

  • als lauteste im Sechsbettzimmer geschnarcht
  • als letzte mal wieder los
  • vom Mähroboter vom Hof getrieben
  • am Anfang des Wegs geschwiegen: schön, wenn ich einfach mal die Klappe halte
  • verrückte Wolken.
  • von 19km Weg 16 Kilometer pures Geröll: sehr ermüdend. Ein strafender Weg. Wofür?
  • Teiche wo mal Feldweg war, Blumenkranz im Haar und befreiter BH auf Zaun
  • Yogiteesprüche unter der Brücke: „Penser à s‘aimer“ inklusive der besten Googleübersetzungen der Welt
  • Sonnenschein den ganzen Tag und rote Ohren
  • Harter Abstieg nach Cahors mit großen Durst
  • Kalte Limo kann heilig sein
  • Pilgerempfang an der Brücke — Überfall katholisch gutmeinender Ladys: wir bekommen Limo Nummer 2, einen Stempel und werden in der Statistik verewigt
  • Große Freude auf den morgigen Pausentag: wir entschließen aus einem zwei zu machen — im wunderschönen Cahors mit engen Gassen.

  • Vincents Appartment ist genau das, was wir für die nächsten zwei Tage brauchen
  • Spargel, Waschmaschine und Dankbarkeit

Ein Sechsbettzimmer gegen Traumessen

Mal wieder als letzte der Herberge verlassen wir das lebendige Limogne mit den potentesten Mandelcroissants von Welt. Ein Saurierhund bellt uns Au revoir, wir sind wieder „en chemin.“

Weiter geht’s mal wieder über mittelalterliche Ziegenwege, auf denen nur Baader- oder Gauklerkutschen entgegen kommen könnten. Es kommt aber keiner. Den ganzen Tag bleiben wir —bis auf einen Schäfer— allein.

In einer der zahlreichen Schutzhütten gibts bei den ersten Regentropfen Frühstück für uns. Hektisch an der Avocado herumfuhrwerkend, zerstöre ich eine der wenigen Habseligkeiten, die wir besitzen. Nun haben wir nur noch eine halbe Gabel. Und ein drittel Löffel.

Statt der ständigen Kreuze gibt es heute zur Abwechslung einen Engel am Wegesrand. Schön.

Alternativweg (wir kürzen die ohnehin viel zu lange Etappe zwei Kilometer ab) über ein düsteres Schloss. Kein Vogel singt hier mehr, kein Wunder , dass die Pilger seit Jahrhunderten diesen unheimlich Ort meiden.

Einziger Ort, den wir heute queren ist Bach. Niemand hier, aber gesprayte Rosen an den Hauswänden und eine attraktive Herberge, die vernichtende Kritiken in allen Pilgerführern genießt. Also weiter.

Ab nun beginnt kalter Platzregen im Wechsel mit einem Hauch Sonne. Dann Niesel, dann Wind die letzten neun Kilometer. Wir ziehen die Ponchos vier mal an und wieder aus. Nicht langweilig.

Auf den letzten Kilometern lernen wir, dass der Lot insgesamt vier Wegetypen besitzt:
Den Haxenbrecher, den Haxenknacker, den Haxenbröseler, den Haxenschmeichler. Kilometer 20 bis 22 sind eindeutig Haxenbrösler. Plus eine Brücke in Schlittermodus.

An der Route de Cremps —Straße der Krämpfe— geht es nach 24km endlich links. Ein Schelm hat auf den letzten 100 Metern einen Barfusspfad anzubieten. Darauf muss man kommen.

Und dann sind wir für heute auch schon da. In der Gite de Poullady, im Sechsbettzimmer.

Die Bude ist bumsvoll. Wo auch immer die Menschen plötzlich alle herkommen!?
Die meisten wohl mit dem Auto, glaubt man das Parksituation vor Ort.
Fix und fertig ist uns das alles fast egal: Hauptsache essen und schlafen und jeden Quatsch mal mitmachen.

Immerhin bekommen wir das beste Essen des ganzen Pilgerwegs: eine Traum-Suppe, ein Traum-Curry, ein Traum-Kartoffelgratin, ein Traum-Tiramisu.

Nach über 200 Kilometern zu Fuß mit so harter Ernährungssituation wie auf der Via Podiensis macht für ein solches Essen fast alles. Sogar Sechsbettzimmer….

Nach Limogne…ins Leben

Mit Nebel über den Hügeln und einen herzlichen Nacktkatzen-Salut geht es am Morgen weiter.
Weiter durch dieses freundliche Lot — mit seinen extrem freundlichen Menschen und nettem Sonnenschein.

Heute wandern wir auf Ziegenwegen: meist eng und steinig, die weite Aussicht ist weg. Auch das macht es gemütlich. Weil vermeintlich beschützter, weil die Überschaubarkeit bleibt?!

Wir treffen unterwegs einen weiteren Pilgerfreund und entschließen uns nach dem Smalltalk auf dem dweiteren Weg das Plaudern à la: woher, wohin? einfach zu lassen.
Die einzig spannende Frage wäre: warum.
Nicht: wieviele Tageskilometer machst Du? Bis wo gehst Du heute?
Sondern: Warum eigentlich gehst Du diesen Weg?
Und warum gehen wir ihn?

Neben sehr vielem Schweigen, das sich über den heutigen Tag legt, sprechen wir genau darüber und finden nur einen wagen Konsens.
Vielleicht gehen wir ihn in Hoffnung auf eine kontinuierliche Laufmeditation. Atmen, denken und dann irgendwann nicht mehr denken. Sondern fühlen. Und sein.
Irgendwann von den Füßen ins Herz: ein weites, ein stilles. Neugierig, was sich dort befinden mag, wenn man lange genug geschwiegen und zugehört hat.
Wenn man mit einem klareren Blick hinschauen kann. Vielleicht.
Das wäre doch ein ganz feiner Grund.
Immerhin eine recht schöne Hoffnung.

Heute bleibt wieder viel Raum für Gedanken und Ideen. Und Gefühle.
Just in dem Moment, da es wieder schwer wird stelle ich mir für einen Bruchteil der Zeit vor, dass jemand ganz besonders am Tagesziel wartet. Wie leicht dann plötzlich so ein Schritt wird. Herz geht auf und entleert sich. Gut ist das, auch wenn es etwas weh tut. Nicht nur den Füßen.

Mittagspause bei St Jean de la Laur.
Bestes Essen am Platz — frisch aus dem Rucksack.

Die einsame Schutzhütte wünscht: Buen Camino – und weiter geht’s durch Lot im Frühling.
Die Örtchen bleiben märchenhaft.
Zurück in die Realität holt kurzzeitig nur ein Schild, das die Wanderer bittet, Anwohner nicht zu belästigen und Ruhe zu wahren. S‘Il vous plaît.
Ab nun wandeln wir noch ein bisschen stiller. Noch immer durch Hobbitland.

Kurz vor dem Tagesziel: der „Circuit de cabanas“, der bis nach Limognes führt.
Schäferhütten at their best am Wegesrand. Die letzte —sakral anmutend— ist aus Jakobsmuscheln gefertigt. Ein Pilgerauffangbecken.

In Limogne leben die Menschen in Rapunzeltürmen. Und noch besser ist: sie leben — tatsächlich.
Seit gefühlten zwei Wochen laufen wir durch eine Szenerie, in der sich seit hunderten von Jahren wenig getan zu haben scheint. Zauberhaft, wie eine Reise in ein anderes Äon. Leider aber wird darin ganz oft auch nicht mehr gelebt.

Hier in Limogne aber wird noch geatmet, verkauft, geliebt, verloren, gestritten, diskutiert, gegessen, versoffen, gebetet, verkalkuliert, gehofft, verlobt, geweint.
Hier in Limogne wird noch gelebt.

Eine Wohltat, in dieses Leben mit eintauchen zu dürfen. Irgendwo im Zentralmassiv der Midi-Pyrenées, nachmittags um vier.
Die Kirchenuhr schlägt träge, die alten Damen legen eine Patience, die Jungen trinken Bier im Restsonnenschein und wir schließen Freundschaft mit einem Huskymischling.
Im Antikgeschäft gegenüber wird ein blauer Kinderwagen aus den 70ern angeboten. Wir spinnen Bilder, in denen wir genau diesen einen über das weitere Zentralmassiv schieben, beladen mit unseren Rucksäcken. Und eine Nacktkatze im Schlepptau. Wir spinnen also …vom guten Leben eben.

Heute bleiben wir in der kommunalen Wanderherberge: als erste in diesem Jahr.
Ab heute gilt es, den äußersten kleinen Gap zu streifen zwischen: Herberge zu und Herberge ausgebucht. Alle, die wir bisher trafen, bestätigen uns genau das leider so.
Der „Run“ auf den Jakobsweg wird immer grösser. Viele Herbergen sind bereits hier (lange vor dem Camino frances!) über Monate im Voraus ausgebucht.
Wir haben jetzt das Glück —im zerbrechlichen April— die Vorsaison zu streifen und damit die Chance auf ein spontanes Plätzchen in den Gîtes zu haben.
Wie gut, dass wir (genauer: der arme Chouchou) unser Zelt mitschleppen. Für den weiteren Verlauf. Ansonsten wären wir wohl ganz bald drin im Dauerschnelllauf auf die nächste Unterkunft.
Allein der Gedanke macht äußerst bocklos:
Morgens um fünf loseilen, um noch eines der wenigen nicht gebuchten Plätzchen in einer der nächsten Herbergen zu bekommen?
Je ne sais pas. Gefühlt hat das wenig mit dem erhofften Spirit zu tun, den wir uns vom Jakobsweg wünschen.
Umso mehr genießen wir die „Vorsaison-Freiheiten“.

Die Gîte hat ein Zweibettzimmer für uns. Und natürlich die ganze Küche. Wir fühlen uns wie kleine Königinnen, denen ein ganzes Reich gehört.

Königinnen, denen nicht nur „immer noch“ die zarten Füßchen weh tun, sondern „dauerhaft“.
Trotzdem gibt es an diesem Dienstag weder einen richtigeren Ort, noch eine richtigere Sache, die wir tun könnten als:
Weiterlaufen.

(P.S.: Danke Tops für diese super Animation!)

Katzenostermontag

Dies hier ist ein guter Ort.
Nach einem wunderbaren Abend mit wirklich netten Menschen, mit einem Hund an der Pfote und einem Pfau auf dem Dach, mit Gemüse aus dem eigenen Garten und Safranlöwenzahneis zum Abschluss, habe ich dann „noch schnell“ versucht, die Fotos in den gestrigen Blog zu schieben.
Drei Anläufe, alle scheitern.
Eine frustrane Lehre, nach dem dritten Scheitern lasse ich es kurz vor elf und entschließe, alle fünfe gerade sein zu lassen. Nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft. Der Blog wird also noch kürzer werden. Und die Fotos unsortiert. Alles andere nimmt zu viel Raum. Eine wichtige Erkenntnis.

Das hier ist ein guter Ort.
Am Fenster von Didiers Küche stehen viele Sprüche. Einer unter ihnen auf deutsch:
„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben“.

Gregorianischer Gesang beim Frühstück.
Sagte ich schon: Das hier ist ein guter Ort!? Ein Geschenk, ein „feels like home“-ohne zu Hause zu sein-Platz. Mit Didier, Elli, Wolfgang, Hunden, Pfauen und Erkenntnissen. Ein schönes Abschiedsbild.

Wieder pilgernde Idylle pur nach dem nächtlichen Gewitter. Die Gedanken werden flott freier.
Auf das Zitat von Victor Hugo:
„Nichts ist kraftvoller als eine Idee deren Zeit gekommen“,
folgt: „N’ Scheiß muss ich.“
Befreiend. Sehr. Herzöffnende Freude.

2 Kilometer nach Ussac beginnt tatsächlich das angekündigte Kalksteinplateau. Cajarc kommt in Sicht.

Netter Mann an Hang.
Kleine Grottensegung am Wegesrand neben kalkigem Zauberpond.

Cajarc.
Wir haben mehr als Osterglück.
Mit dem letzten Glockenschlag laufen wir in den Ort ein, 10 Minuten bevor alle Geschäfte schließen.
Fest nach dem Motto: Nie mehr pilgerfasten auf dem Jakobsweg, räumen wir erst die Bäckerei und dann den Supermarkt leer.

Erleichterung und Seelenglück, und jetzt noch einen Kaffee.

Schlussendlich hängen wir noch 3 weitere Stunden im Dorf ab.
Erst im Café, dann auf der Bank hinterm „Kino“ — Vorräte knabbern, kurz neben dem cajarc‘schen Eiffelturm.

Wir besuchen die Kirche mit prima Osterblumen und nettem Mann auf Treppe.

Und nochmal die Bar für den ersten Pastis in Frankreich.

Wir lernen den Löwen von Cajarc kennen.

Und,dass in jedem Dorf nichts sein kann, aber einen Osteopathen, den gibt es auf dem Jakobsweg immer.

Die letzten 4 Kilometer werden schwerer. An der Lot entlang, an Tulpengärten vorbei.

Das liegt nicht nur am Glas Pastis, sondern auch an 6 Kilo Einkäufen und der Tatsache, dass erneut das Nachmittagsgewitter des Zentralmassivs sich nähert.
Heute erwischt es uns. Mit sehr schweren Tropfen auf den Köpfen spült es uns bis zur Katzenlady Valerie. Für heute sind wir angekommen.

Zwischen Nacktkatzen mit dämonischen Gesichtern und plüschigen Streunern, die schneller in unserem Bett sind, als wir gucken können, dürfen wir heute also zur Ruhe kommen. Erneut in einer Herberge, die eine eigene, kleine Welt bedeutet.

Alleine das tägliche Wechseln der Unterkünfte kommt Tag für Tag einem kleinen Abenteuer gleich. (Nicht zu sprechen vom Finden der Unterkünfte…)
Die Betten sind so unterschiedlich wie die Menschen wie die Lebensarten wie die Weltsichten wie das Essen wie das Wetter wie das Leben.

Heute also Nacktkatzen nach Gewitter. Warum nicht? Das haben wir noch nie gemacht, es kann also nur gut werden.

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