Unterwegs im Magicbus

Autor: Chérie (Seite 28 von 28)

Tanzen im Wohnzimmer

Die erste Nacht im Bulli ist überlebt: unter einem satten Vollmond, der wilde Träume mit sich brachte, bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Die erste Nacht nach einem ersten Tag, an dem fast jeder Moment abenteuergeschwängert war. Und damit meine ich nicht die Tatsache, dass wir diese Reise überhaupt angetreten sind, sondern all diese kleinen Alltäglichkeiten, die für uns noch so ganz und gar keine sind.

Erste erfreuliche Erkenntnis des Tages: obwohl unser Schlafzimmer nur von Zeltwänden beschützt ist, haben wir heute Nacht nicht gefroren. Zugegebenermaßen haben wir beiden aber auch mit Mütze geschlafen – was bei Chouchou natürlich nicht verwunderlich ist, bei mir allerdings nun wirklich nicht Alltag.

Apropos Alltag. Den haben wir natürlich noch gar nicht (wie auch!?), den müssen wir uns ab nun peu-a-peu erarbeiten. Zwei Menschlein, die seit gestern versuchen, auf 6 Quadratmetern zu leben. Nicht zu hausen. Deswegen muss als allererstes Ordnung her.

Entsprechend muss heute Kramtag in der Globetrottelswelt sein. Um ein System zu finden, um unser eigenes System zu schaffen. Deswegen muss alles, was wir irgendwann -aus reiner Überforderung- einfach nur noch unkontrolliert in den Bulli und die Taschen geworfen haben, zu aller erst mal wieder raus, um danach neu rein zu können. Im besten Fall: quadratisch praktisch gut. Ein perfektes Globetrottelsding: Jeder der unsere Wohnung kennt weiß, wie einfach das für uns werden kann. Nicht ohne Grund haben wir also den gesamten Tag geplant…

Bei strahlendem Sonnenschein und 16 Grad machen wir uns ans Tagewerk. Ein saftiger Wind weht – ein Wind, den man auf der anderen Seite des Atlantiks “steife Brise” nennt. Uns kommt das sehr zu Pass, denn alles, was nicht schnell genug neu sortiert ist, trägt das Potential in sich, mit der nächsten Böe über die Klippe zu gehen. Teilweise wäre das nicht schlecht, weil irgendjemand mal behauptet hat: Weniger wäre mehr. Von “mehr” und “doppelt” haben wir auf jeden Fall genug mit. Ich weiß nicht, ob ich heute schon erwähnt habe? Mit einem “weniger” wäre auf jeden Fall mehr Platz im Bulli. Doch wer braucht schon mehr Platz, wenn er einen Magicbus hat!?

In einen normalen T4 hätten wir die Tonnen an teils überflüssigen, teils überlebenswichtigem (nur was ist was?) Kram niemals unterbekommen.
In einen normalen T4 passen die Dinge, die man in eineinhalb Jahren benötigt, sowieso nur knapp rein. (Zur Erinnerung: wir haben davon das Doppelte mit. Und das mal zwei hoch zwei im Globetrottelsquadrat. Keine Ahnung, ob ich das heute schon gesagt habe!?)
Nur ein magischer Bus schafft, was der Bulli heute an dieser sonnigen und windigen Ostküste nördlich von Halifax vollbracht hat.

Nach nur knappen drei Stunden ist alles neu sortiert. Die Taschen und Tüten und Kisten und zahlreichen Einzelteile passen wie ein organisches Ganzes vollkommen problemlos wieder in den Bulli – und im Wohnzimmer bleibt sogar noch Platz zum Tanzen. Turn the music louder.
Wahnsinn, Du magischer Bus.
Amazing, you badass of a magic bus.

Den Rest des Tages bleibt plötzlich noch eine Menge unerwarteter Zeit. Zeit, um einmal ins Dickicht zu laufen, sich ganz schnell vor Bären zu fürchten und flott wieder auf die Straße abzubiegen. Ein paar dicke Autos schweben an uns vorbei: drinnen Menschen mit ungläubigen Blicken. Hier läuft ansonsten wohl niemand.

Auch die heftig bellenden Hunde der weniger Häuser, die wir passieren, zeugen davon: Erstmalig im Leben gilt es den Hof zu verteidigen, also sehr laut bellen und Leffzen hoch. Keiner dieser Mutigen schafft es allerdings lang, die beschwerlich aufgesetzte Maskarade zu halten, denn Chouchou, Hundeflüsterer von Hause aus, läuft vorn weg. Einen Schritt zurück und zwei auf die Verteidiger zu.
Fein bist Du. Ganz fein. Und so streicheln wir nach wenigen Momenten engagierte Hundeköpfe, die euphorisch und wild vom Schwanz her wackeln und wedeln.

Und dann war da noch Yoga – so lächerlich instagramable, dass es keine Aufnahmen davon gibt. Eine Yogini im strahlenden Sonnenschein mit Blick aufs Meer, der Wind streift passgenau an der Plattform vorbei, dass Shavasana im T-Shirt möglich ist. Bei so viel Hier und Jetzt wäre es unnatürlich gewesen ein Foto zu machen.

Am Abend gibt es Sturmfood, gekocht hinterm Magicbus. Die Nachbarn versuchen noch wacker ein Lagerfeuer zu entzünden, dessen Rauch die gesamte Ostküste einnebelt, ohne dass irgendwelche Flammen zustande kämen.
Ich ziehe meinen Hut vor so viel Optimismus und Engagement. Lagerfeuer bei 9 Beaufort – das wäre nur einem Firestarter wie Keith Flint von The Prodigy möglich gewesen. Gott hab ihn selig, auch wenn man als Firestarter ja eher nach unten unterwegs ist. Egal wie die Richtung auch sei – für Wind oder Flint, eines ist sicher:
Wir haben jetzt Platz. Turn the music louder.
Wir tanzen dazu im Wohnzimmer.

Pier 21, Mi´kma´ki und Mäuschen

Heute machen die Globetrottels einen auf Kultur. Bevor wir von ganz vorne anfangen (wie groß ist die Hoffnung darauf, irgendwo auf dieser Reise gelebtes, indigenes Leben miterleben zu dürfen), starten wir zeitgeschichtlich einfach mal in der Mitte: auch, weil hierfür ein hochgelobtes Museum vor Ort ist. Das “Museum of immigration”, Halifax´ Sehenswürdigkeit Nr. 1 am Pier 21.

Grundsätzlich sind wir keine intellektuellen Museumsgänger, dieser Ort aber muss für uns dann doch sein: um in diesen geschichtsträchtigen Hallen möglicherweise einen zentralen Hauch vom “neueren” Wesens Kanadas zu bekommen. Nur eine kleine Idee davon, was dieses -auf den ersten Blick so bunte- Land auch ausmacht: Seine Menschen, die aus aller Herren und Damen Länder kamen und noch immer kommen. In der großen Hoffnung auf ein besseres Leben.

Ich werde mich hier nun nicht Schul-TV-artig über korrekte Infos bezüglich der Immigration Kanadas auslassen. Grundsätzlich liegen Chouchous und mein Talent einerseits darin, im Museumsmoment 100% aufrichtig und begeistert staunen zu können, grundsätzlich ist unsere Schwäche andererseits, vom vermittelten Wissen im Nachhinein noch 40% zu erinnern. Also: direkt danach. Die Quote stürzt ein paar Stunden später natürlich gnadenlos weiter in Richtung 5%, weiter erneut ins Bodenlose. Für genaue Immi-Infos Kanadas also bitte googlen. Dies ist leider kein Info-, sondern ein Emoblog.

Emotional festhalten lässt sich, dass am Eingang des Piers 21 darauf verwiesen wird, dass wir uns hier eigentlich auf Mi´kma´ki – Boden befinden. Ein kurzer Blick auf die ursprünglich in Halifax und Umgebung lebende “First nation”, die die Immigration ziemlich platt gemacht hat. Mi´kma´ki gehörte einst den Mi´kmaq People. Sowas kann sich mein Kopf komischerweise dann doch merken…
Mehr erfahren wir über First nations heute allerdings nicht. Ist ja auch kein First nations-, sondern ein Immigrationsmuseum. Über die hingegen lernen wir in diesem (passend zu seinen Menschen) informativen, interaktiven und sehr bunten Museum kurzzeitig einiges. Die verbleibenden 5% werde ich allerdings nicht verraten, denn: siehe oben.

Nachdem wir unseren Morgen mental mit den Einwandern Kanadas verbracht haben, soll der Nachmittag den baldigen Durchwandernden dieses Landes gelten: uns und unserem Bulli.
Wir bekommen ein wenig Zuwendung in Form eines Mittagsschläfchens, derMagicBus bekommt ein wenig Liebe, indem wir räumen, sortieren und ihn innen ein wenig schön machen. Caring nach wilder Atlantikquerung für alle. Und um danach bereit zu sein für eine erste Jungfernfahrt auf kanadischem Boden morgen, bereit für ein erstes Camping.

An diesem Abend genießen wir noch einmal ausgiebig T-Shirt-Raumtemperatur, geheizte sanitäre Anlagen nur einen Flur weiter und die Anwesenheit einer klitzekleinen Maus -irgendwo hier mit uns gemeinsam- in unserem Zimmer. Ein Zimmer mit vier, festen Wänden, die ab morgen nicht mehr um uns sein werden.

Die Temperatur wird weniger beständig werden, die geheizten Sanitäranlagen wegfallen. Und die Tiere, mit denen wir den Lebensraum teilen, werden ab morgen möglicherweise etwas größer sein.
Darauf freue ich mich wahnsinnig. Nix gegen das Mäuschen.

Von Meilenstein zu Meilenstein

Um 6h klopft halifaxischer (klingt super, oder? “Halifaxisch” sollten wir öfter sein…) Sprühregen ans Wohnheimfenster: Zeit zum Aufstehen, es wartet ein weiterer Meilenstein auf uns. Denn heute will der Bulli aus dem Hafen befreit werden. In drei Schritten.

Es erweist sich als ziemlich hilfreich, endlich mal wieder reichlich ausgeschlafen zu sein. Die Bananen von gestern sind ein wenig geschrumpft, das Denken fällt wieder leichter. Ein seriöseres Auftreten kann einen Bonuspunkt beim Zoll (Schritt 2) geben – das ist gut. Denn vor Zöllnern haben wir noch mehr Angst als vor Taxifahrern. Beginnen wir also mit einer ersten Expositionstherapie. Taxifahren.

Wetter (3 Grad, Sprühregen) und Entfernung (8km schnurrgerade, nasse und einsame Landstraße ins Nichts) zu unserem Treffpunkt mit unserer Agentin (Schritt 1)machen es uns leichter. Und Uber, das wir heute das erste Mal entdecken. Und unser wortkarger und regenscheuer Fahrer, der eigentlich eine Jennifer fahren wollte, aber auch eine Joana-Katrin samt langhaarigem Anhang mit Mütze akzeptiert. Vielleicht ist Taxifahren ja doch nicht ganz so schlimm!? So schlimm, wie Kontakt zu Zollbeamten zum Beispiel…

Schritt 1: Treffen mit unserer Agentin Bethanie.
Noch bevor wir überhaupt ausgiebig auf die Frage: “How are you doing?” antworten können, sind wir auch schon fertig. Bethanie ist freundlich und fix: Unterschrift hier, diesen Zettel dem Zoll geben, den hier unbedingt (!) behalten, take care und byebye. Und: Ja. Bis zum Zollgebäude (2km schurrgerade, nasse und einsame Landstraße ins Nichts) können wir auch laufen. Macht sonst keiner, geht aber. Also marschieren wir 2 Minuten später los. Auf dieser Strecke sollen wir wirklich fast alleine bleiben. Nur eine kleine, im Kreis gehende Demo für den Public service ist in Regenjacken kurzzeitig auf dem Gehweg.

Schritt 2: Zollgebäude im Nichts. Angstkontakt.
Für uns ist heute Mrs Cook zuständig. Sie ist also diejenige, die das Zepter der Einreise des Bullis in der Hand hält. Sie ist diejenige, die zwei kleine Globetrottels empfängt, die just bei Betreten des Zollgebäudes Erinnerungen aus Indien oder dem Iran im Kopf abspulen. Zwei kleine Globetrottels, die schon sehr, sehr viele Stunden ihres Lebens in sehr, sehr wilden Zollkontakten verbracht haben -unter anderem mit Bodycheck und Hand aufs Herz und “What do you give me now?” und “Alles aufmachen, Blick in Richtung Wagen”. Das alles sind olle Kamellen, aber Kamellen, die sitzen.

Heute aber ist Mrs Cook für uns zuständig. Eine adrette Mittvierzigerin mit leicht grau meliertem Haar und lachenden Augen. Mrs Cook will lediglich von uns wissen, ob wir Feuerwaffen mit uns führen. Nein, keine Massenschießerei geplant. Oder Bärenspray? Nein, das kaufen wir aber. Oder aber, ob wir Fleisch geladen haben!? Nein, wir sind Vegetarier. „Good.“, sagt Mrs Cook. Und ob wir Freunde in Kanada hätten? Noch nicht, aber: We plan to make them. “This will be easy,” sagt Mrs Cook. Zwei Stempel, einen Zettel für sie, einen Zettel für uns. Take care und byebye. Wir durften sogar die ganze Zeit die Hände in den Hosentaschen lassen…

Schritt 2,5: Fahrt zum Hafen.
Als neue Uberfans klicken wir Ronald an, der 4 Minuten später über die schnurrgerade, verregnete und einsame Landstraße ins Nichts entlanggepest kommt. Mit seiner Pornokarre de luxe und schnellen Geschichten auf den Lippen. Die App hatte recht als sie schrieb: “Bekannt für angenehme Gesprächskontakte”. Bis zum Hafen besprechen wir die kanadische Inflation, die Philippinen, Covid 19, den Dienstleistungssektor: Restaurantbetrieb und alle anderen “good spirits”, die so im Auto herumschweben.

Schritt 3: Hafen.
Beschwingt hinein ins Büro des Seebären, der das Hafenbüro in fester, wettergegerbter Hand hält. Noch 15 Minuten und der Bulli ist raus. Unversehrt, alles dran, alles drin. Der Seebär winkt: “Everybody´s happy?” “Absolutely.” “Welcome to Canada…don´t drink too much beer.” “We try.” Take care und byebye. Wir können es alles kaum glauben.

Vorbei an den bunten, 90er Jahre-US-Film-Häuschen, die alle dem Bulli “Welcome to Canada” zurufen, rollen wir erst mal wieder zurück auf den Hof unseres Studentenwohnheims. Hier dürfen wir die nächsten zwei Tage stehen: den Bulli sortieren und uns. Ich glaube, dass wir in diesem Parkmoment erstmalig ein bisschen verstehen können, dass wir wirklich in Halifax, Kanada sind. Am äußersten Ostzipfel eines gigantischen, großen Landes, am anderen Ende des Atlantiks, mit Weltblick gen Sonnenaufgang.

Dass wir später noch quer durch Halifax marschieren, wäre ein anderer Teil der Geschichte. Machen wir es hier also kurz: Halifax ist klein, betulich, bunt und unaufgeregt. Ein Ort, zu dem 3 Grad und Sprühregen so gut passen, dass jede Ecke Laune macht. Man darf alles sehen, man muss aber nicht. Und gerade das wirkt in diesem Moment richtig und sehr fürsorglich. Morgen gehen wir nochmal gucken. Bis dahin verpassen wir nichts.

Am Nachmittag noch schnell den dicken Käfer (aka Dachkiste) angeschraubt und dann dürfen wir diesen Mittwoch einen Tag nennen.

Let´s call it a day. A good one. A milestone. Am Anfang einer schnurrgeraden, verregneten und einsamen Landstraße ins Nichts, die voller Verheißungen zu sein scheint.

Globetrottels vollkommen Banane in Halifax

Halifax, Kanada, 17:18h Ortszeit. Für uns eigentlich fast halb elf. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum wir so Banane sind. Gründe hierfür gibt es viele. Aber wo anfangen? Wo bloß soll man diese Blogs eigentlich immer beginnen? Von vorne? Wo bitte soll das sein? Und: wenn man das nicht weiß, ist es dann womöglich an der Zeit, das Pferd einfach von hinten aufzuzäumen? Von rückwärts an anzufangen, von jetzt also, retour. Bis man im Prozess des Schreibens endlich ein Vorne entdeckt im Chaos!? Bis man weiß, wanns gut ist…

Wir sitzen in unserem Studentenzimmer im Kings College – das günstigste, das downtownnah in Halifax zu bekommen war. Mit Gemeinschaftsbad und Badewannen, in denen in den 68ern zweifelsohne kanadische Jim Morrison-Möchtegerne liebend gern ertrunken wären. Angekommen sind wir hier zu Fuß. Zumindest den letzten Kilometer. Jeder mit einem 23 Kilo schweren, vollkommen unhandlich in Plastik verpackten Gepäckstück unterm Arm (plus Handgepäck). Und alles nur, weil wir Angst vor Taxis haben. Wie gesagt: Banane. Nach diesem Marsch nicht mal mehr frisch, sondern mit vielen braunen Dellen – vor allem an Rücken und Unterarmen.

Die Mädels am Checkin sind unglaublich nett – so nett, wie alle Menschen hier, denen wir bisher begegnet sind. Und damit meine ich nicht das “nett” im Sinne von “kleine Schwester von…” (ein schauderlicher Ausdruck, wie ich finde) oder das oberflächliche „Hey, how are you doing?“, auf das wir gewissenhaft noch antworten, indem wir dem Kassierer, der Lobbydame, dem Bus- und dem Shuttlebusfahrer (zweimal- einmal abends, einmal nachts), der Grenzbeamtin und allen anderen ausführlich Auskunft über den Verlauf unserer letzten zwei Tage geben. (Und natürlich danach auch detailliert zurück zu fragen, wie es selbst denn so läuft. Das alles dauert ein bisschen, aber wir haben ja Zeit…)
Nein. Ich meine dieses “nett”, so wie es von Natur aus gemeint ist: im Sinne von plaudrig, von offen, von “ach, Dich würde ich eigentlich ganz gerne mal kennenlernen, wenn ich ein bisschen mehr Zeit hätte”. Ein “nett”, dass ein natürliches Interesse am Gegenüber bezeichnet, ein “ich gestalte unseren -wenn auch kurzen- Kontakt so, dass wir beide uns danach ein bisschen besser fühlen”.

Apropos: ein bisschen besser fühlen…oder fühlen im Allgemeinen…
Es ist verrückt. In den letzten zwei Wochen haben wir wohl alle Emotionen mitgenommen, die die menschliche Gefühlspalette anzubieten hat. Mitsamt der Hälfte aller zu denkenden Gedanken, die man sich vor und um eine solche Reise machen kann, noch bevor sie überhaupt angefangen hat. Packt man darauf noch sechs Stunden plötzliche Zeitverschiebung, eine Prise Schlagmangel, muss man den Körper nur noch 10 Stunden auf eine Legebatterie-artige Enge einzwängen, um ein schluderiges Chaos im Kopf zu erzeugen. Und plötzlich gar nichts mehr zu denken, nicht mehr denken zu können.
Es ist verrückt, wie leicht es ist, aus einigermaßen normal funktionierenden Menschen innerhalb von 33 Stunden Reisezeit sich mechanisch bewegende, banane Hüllen zu machen. Ganz selbstgemacht.
In den letzten 33 Stunden habe ich ab irgendeinem undefinierbaren Zeitpunkt plötzlich nicht mehr im eigenen Kopf, sondern auf meinen eigenen Schultern gesessen und mir -mal mehr, mal weniger- belustigt dabei zugeschaut, wie sich der mir zugeordnete Körper durch diese so genannte “Realität” bewegt, die eigentlich fremder Film ist. Oder Videospiel.
Klingt verrückt? Ist es ganz und gar nicht. Zumindest nicht, wenn man auf den eigenen Schultern sitzt. Oder eben Banane ist.

Anyway: Jetzt sind wir also hier. In Kanada. Seit 7 Jahren gespart, seit 7 Jahren geplant. Am Anfang einer großen Reise. Am Anfang der Realisierung eines so lange gehegten Traums.
Bei Ankunft in diesem Land begrüßte uns gestern der Busfahrer mit: “Welcome to Canada, welcome home”, und der Barkeeper verabschiedete uns mit: “If you come back to Toronto, you already got a friend.” Und an den Hotelzimmer hängen lediglich grüne Schilder an den Türen, die besagen: “Privacy wanted”. Kein Rot, auf dem “Bitte nicht stören” steht. Ich finde, das macht einen sehr großen Unterschied.

Vieles hier wirkt auf den ersten Blick vertraut – und auf den zweiten vollkommen fremd. Spätestens im Supermarkt haben wir heute gemerkt, dass wir sehr, sehr weit weg von Europa sind. Bezüglich des Angebots und auch bezüglich der Preise. Und die Häuser sind alle aus 90er-Jahre US-Filmen. Aber in bunt. Jetzt sitze ich also nicht mehr auf meinen Schultern, sondern plötzlich am Fernbedienungs-TV-Knopf. Ohne den Wunsch umschalten.

Es ist in Ordnung, sich nach einer solchen Anreise Banane zu fühlen. (Oder gar nichts zu fühlen, oder so viel, dass man viel weinen oder wahlweise hysterisch lachen muss.) Weil Kanada einem das Gefühl gibt, dass Obst jeglicher Art willkommen ist. Auch deutsche Bananen.

Eine Umarmung passt immer noch rein

Irgendwo – es wird wohl in einer Frauenzeitschrift gewesen sein – habe ich mal gelesen, dass Erinnerungen sich am besten auf der Großhirnrinde einbrennen, wenn sie mit intensiven Gefühlen verknüpft werden.
Wenn das so stimmt, werde ich diesen Samstagabend und die anhängende Nacht wohl niemals, nie vergessen. Selbst wenn mein Tagewerk in weiter Zukunft darin bestehen sollte,alt und hutzelig ein Altenheim aufmischen. Mit meiner grünweißen Decke über den Knien, einem piepsenden Hörgerät im Ohr, der nur jibbrisch sprechenden Hilfspflegerin zuzuraunen: »Mensch Kind, feiern solltest Du mal gehen, nicht nur arbeiten. So wie wir damals…ach, wat war dat schön. Und jetzt schick mir mal den Zivi.«

Irgendwann war es morgens um 6h. Irgendwo über Bonn ging langsam die Sonne wieder auf. Die Bilder im Wohnzimmer hängen schief, ich war das nicht, Tanzschneise auf dem Parkett, leere Gläser auf vollgekrümelten Tischen, einen – komm einen letzten – trinken wir noch, die Luft so dick und schwanger vor Liebe, dass man sie mit nichts mehr schneiden wollte. Eine Umarmung von jedem einzelnen dieser Herzensmenschlein aber passt immer noch rein. Fest konserviert in einem Herzen, das überlaufen möchte.

Gehalten sein von Freunden, es gibt nichts wichtigeres im Leben. Nicht mal eine Reise.

Job weg, Bulli los.

Und auf einmal geht alles ganz schnell. Die letzten Dienste sind getan: auf Wiedersehen Akutpsychiatrie, au revoir Diamorphinambulanz. Es ist kein Leichtes für uns, die Schlüssel, die so lange die unseren gewesen sind, abzugeben. Nach so vielen Jahren, die intensiv und prägend waren.

Das erste Abschiedsfest ist gefeiert. Warmherziger hätte es nicht sein können: schön und traurig, wehmütig und dankbar. Und es ist schön- dieses Abschiedsweh- da es Zeichen dafür ist, dass alles ganz genauso so richtig war. Gehen mit vollem Herzen, mit Erinnerungen fürs Leben, sind es vor allem die Menschen, die bleiben. Es ist schön zu spüren, dass man seine KollegInnen so gerne haben kann… und dass – ganz nebenbei – Freundschaften entstanden sind. Im Alltag fast unbemerkt, zwischen menschlichen Extremzuständen und Heilen und Chaos.

Währenddessen in Antwerpen: Sollte man dem Schifftracking glauben können, hat der Bulli heute abgelegt. Nicht, dass wir hierzu irgendwelche Formulare oder Gewissheiten hätten. Außer des vollgeregneten Zettels, den man uns kurz vor Ostern in die Hand gedrückt hat. Und der Trackingapp. Ganz optimistisch aber sagen wir: Bon voyage, bester Magic bus. Mögest Du einen wackeren Magen haben – gegen alle Stürme des Atlantiks. So das Abenteuer will, werden derer noch einige folgen. In Vorfreude…

Deine Globetrottels (hoping to meet you in Halifax on time)

Bulliarbeitstag

Samstag, 11.2.,Bulliarbeitstag.

Nachdem wir nun also mit so vollen Herzen in Südfrankreich eingerollt sind, widmen wir uns heute dem Projekt, das eigentlich hinter dieser Reise steckt: Den Bulli zu unserem machen. Im Herzen, nicht nur auf dem Papier.
Zugegeben hatten wir drei nicht den allerbesten Start: ein undefinierbares Klackern hat unserer Jungfernreise im November bereits in Trier den Garaus gemacht. Es folgten eisige Tage in der Eifel – zwischen Hoffen und Bangen. Und schlussendlich eine Rechnung der Kölner Bulliwerkstatt, mit der wir zwar gerechnet hatten- nur eben nicht ganz so früh.

Alles hätt natürlich immer noch jott jejangen: die Jungs in Köln haben unser altes Büschen wieder startklar gemacht. Nun braucht es noch einiges andere, damit wir dieses Auto endlich “zu Hause” nennen können. Angefangen beim Vertrauen: deshalb die ausgiebige Reparatur in der Werkstatt, deshalb auch die lange Strecke nach Südfrankreich. Wir brauchen diese 2000km, um unbekannte Geräusche aus der Motorhaube akzeptieren zu lernen. Oder wahlweise zu ignorieren.
Wir brauchen die erlebte Erkenntnis, dass nicht jedes Pfeifen gleich den Bullitod bedeutet. Und es auch quietschend manchmal weitergehen kann.

Neben dem, was die Profis nun schon gerockt haben, dürfen wir uns nun um die romantischeren Dinge des Lebens kümmern: Interiordesign würden es Schöngeister nennen, auf Globetrottelssprech also: Haken anpappen, Schrauben drehen, Vorzelt testen.
Ein Teppich wäre schön: der kommt auf unsere Wunschliste. Und eine 80er Jahre Strandmatte, um die Schuhe draußen abzustellen – von den Nachbarn abgeschaut, die einen nagelneuen Mercedesvan fahren, freundlich grüßen und anscheinend praktisch denken. Très bien.

Es braucht ein paar Stunden und dann geht es ganz schnell: wie sehr Zuwendung und Phantasie (was braucht man eigentlich in Kanada?) doch helfen beim “sich vertraut machen”. Danach kommt dann wohl Vertrauen. Und dahinter: sich zu Hause fühlen. Wenns gut läuft. Momentan läuft es.
Wir haben heute ein paar sehr wichtige Handgriffe und Schritte in genau die richtige Richtung gemacht.

Der Rest des Tages ist dann wieder südfranzösisches Flair de luxe. Wir klettern mit falschem Schuhwerk an kantigen Küstenfelsen entlang. Oben im Dorfplatz gibt es zur Belohnung, dass sich keiner die Haxen gebrochen hat, ein Bier.
Die Szenerie ist beschämend kitschig:
Ein kleines Küstenörtchen an der Cote d´Azur, im Winterschlaf. Die Hotels sind geschlossen, am Kirchplatz gibt es ein winziges Café mit einem letzten Wintersonnenplatz. Genau hier dürfen wir sein.
Möwen kreischen und weinen kläglich um die Verschollenen der See, die heute azurblauweich und seelenruhig in einen endlosen Horizont übergeht. Ein weißes Segelschiff zieht lautlos vorüber und das Pärchen am Nebentisch flüstert sich leise französische Silben zu.
Wollte ich diesen Kitsch wirklich glauben, würde ich mir vorstellen, dass sie von endloser Liebe flüstern, die gerade erst anfängt und unzerstörbar ist.
Die Globetrottels aber sind gnadenlose Realisten und wissen daher:
Natürlich flüstern die zwei nicht von endloser Liebe. Sie reden -ganz leise und sacht auf französisch- über die sagenumwobene Ewigkeit.
Ewigkeit, die hier beginnt und niemals endet.
Alles andere wäre ja kitschig, unrealistisch und vollkommen untippbar.

l

Unsichtbare Flamingos

Reventin Vaugris, 8h, an einem knurrigen Friedhof – immerhin mit einer sehr lebendigen Kirchenglocke.
Die zahlreichen Wohnmobile, die am Abend noch neben uns parkten, haben deren Gebimmel nicht gebraucht. Über Nacht sind alle abgereist. Ausnahmslos. Nur der wahrlich nicht mehr EU-taugliche Bulli rostet weiterhin still vor sich hin. Drinnen zwei wohlleibige Engländer, die anscheinend noch im Salz liegen. Neben uns. Mit uns. Wie verbindend Bullileben doch sein kann. Vereint im Rost der 90er.

Baguette adrett vom Büdchen an der Ecke. 1 Euro, aber erst ab 8:30h. Die spurlos verschwundenen WoMos haben etwas verpasst. Ein sehr knuspriges Stück Reventin, gebacken durch fleißige Hände, die genauso gut per Eilpost gesendete, eisgekühlte Jakobsmuscheln im Kühlschrank verpacken können. Flink. Aber erst das eine, und dann das andere. Zeit haben. Südfranzösische Zeit. Das wohl ist der erste Schritt zum savoir-vivre.

Ich weiß nicht, wie oft wir schon in die Provence eingerollt sind. Alleine, gemeinsam. Als Kind, als Teenie, als junge Erwachsene, irgendwann zusammen. Als Freunde, als Paar. Als ewige Kinder und alte Seelen. Verliebt, verlobt, verheiratet. Einmal sogar, war ich mit kreischendem Liebeskummer hier. Auf diesem ockerfarbenen Boden, umhüllt von melancholischem lila. Das ist lange her. Der Rest aber ist es nicht.
Denn dieses Stück Erde trägt Ewigkeit in sich. Vielleicht ist es die? Ein Hauch dieser sagenumwobenen Ewigkeit, die nicht nur Konfettikanonen im Herzen zünden kann.

Passgenau -kurz hinterm Luberon- passiert genau das. Ohne Ankündigung. Ganz unerwartet.
Aus dem Nichts heraus explodiert in meinem Brustkorb plötzlich ein violettfarbenes Glücksfeuer.
Ich atme ein und bekomme kaum noch Luft, weil ich auf einmal Luft bekomme. Sauerstoff in Ritzen, die ewig nicht geatmet haben. Auf einmal ist Weite da. Weite, wo vorher lange nur Enge gewesen ist. Das merke ich jetzt. Jetzt.
Ein Pfropf, der sich unerwartet löst. Dahinter ergießen sich ganz viele Tränen. Tränen der Erleichterung.
Endlich.

Nach Südfrankreich zu fahren ist immer ein bisschen wie NachHausekommen.
Wohlige Gefühlsschauer wie Pitzel von Wunderkerzen, die an einem großen Abend auf nackte Haut niederregnen. Im Festkostüm. Aber ganz ohne Aufregung und abschminken danach.

Dass der Campingplatz ganz wunderbar ist passt. So wie die Pinien und die Palmen. Und die unsichtbaren Flamingos. Die muss kein anderer sehen. Mir reicht es zu wissen, dass sie da sind.

Genauso wie man weiß, dass die Welt noch da ist – auch wenn die Sonne schon lange über dem Meer untergegangen ist.
Die Erinnerung in tiefer Nacht bleibt aber um so viel hoffnungsvoller, wenn das letzte Bild des Tages pastellig war. Blau, lila, rot, gelb, orange. Und ein sich seicht wiegenes Boot vor Anker.
Als wäre Glück in ein Gemälde gegossen.

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