Die erste Nacht im Bulli ist überlebt: unter einem satten Vollmond, der wilde Träume mit sich brachte, bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Die erste Nacht nach einem ersten Tag, an dem fast jeder Moment abenteuergeschwängert war. Und damit meine ich nicht die Tatsache, dass wir diese Reise überhaupt angetreten sind, sondern all diese kleinen Alltäglichkeiten, die für uns noch so ganz und gar keine sind.
Erste erfreuliche Erkenntnis des Tages: obwohl unser Schlafzimmer nur von Zeltwänden beschützt ist, haben wir heute Nacht nicht gefroren. Zugegebenermaßen haben wir beiden aber auch mit Mütze geschlafen – was bei Chouchou natürlich nicht verwunderlich ist, bei mir allerdings nun wirklich nicht Alltag.
Apropos Alltag. Den haben wir natürlich noch gar nicht (wie auch!?), den müssen wir uns ab nun peu-a-peu erarbeiten. Zwei Menschlein, die seit gestern versuchen, auf 6 Quadratmetern zu leben. Nicht zu hausen. Deswegen muss als allererstes Ordnung her.
Entsprechend muss heute Kramtag in der Globetrottelswelt sein. Um ein System zu finden, um unser eigenes System zu schaffen. Deswegen muss alles, was wir irgendwann -aus reiner Überforderung- einfach nur noch unkontrolliert in den Bulli und die Taschen geworfen haben, zu aller erst mal wieder raus, um danach neu rein zu können. Im besten Fall: quadratisch praktisch gut. Ein perfektes Globetrottelsding: Jeder der unsere Wohnung kennt weiß, wie einfach das für uns werden kann. Nicht ohne Grund haben wir also den gesamten Tag geplant…
Bei strahlendem Sonnenschein und 16 Grad machen wir uns ans Tagewerk. Ein saftiger Wind weht – ein Wind, den man auf der anderen Seite des Atlantiks “steife Brise” nennt. Uns kommt das sehr zu Pass, denn alles, was nicht schnell genug neu sortiert ist, trägt das Potential in sich, mit der nächsten Böe über die Klippe zu gehen. Teilweise wäre das nicht schlecht, weil irgendjemand mal behauptet hat: Weniger wäre mehr. Von “mehr” und “doppelt” haben wir auf jeden Fall genug mit. Ich weiß nicht, ob ich heute schon erwähnt habe? Mit einem “weniger” wäre auf jeden Fall mehr Platz im Bulli. Doch wer braucht schon mehr Platz, wenn er einen Magicbus hat!?
In einen normalen T4 hätten wir die Tonnen an teils überflüssigen, teils überlebenswichtigem (nur was ist was?) Kram niemals unterbekommen.
In einen normalen T4 passen die Dinge, die man in eineinhalb Jahren benötigt, sowieso nur knapp rein. (Zur Erinnerung: wir haben davon das Doppelte mit. Und das mal zwei hoch zwei im Globetrottelsquadrat. Keine Ahnung, ob ich das heute schon gesagt habe!?)
Nur ein magischer Bus schafft, was der Bulli heute an dieser sonnigen und windigen Ostküste nördlich von Halifax vollbracht hat.
Nach nur knappen drei Stunden ist alles neu sortiert. Die Taschen und Tüten und Kisten und zahlreichen Einzelteile passen wie ein organisches Ganzes vollkommen problemlos wieder in den Bulli – und im Wohnzimmer bleibt sogar noch Platz zum Tanzen. Turn the music louder.
Wahnsinn, Du magischer Bus.
Amazing, you badass of a magic bus.
Den Rest des Tages bleibt plötzlich noch eine Menge unerwarteter Zeit. Zeit, um einmal ins Dickicht zu laufen, sich ganz schnell vor Bären zu fürchten und flott wieder auf die Straße abzubiegen. Ein paar dicke Autos schweben an uns vorbei: drinnen Menschen mit ungläubigen Blicken. Hier läuft ansonsten wohl niemand.

Auch die heftig bellenden Hunde der weniger Häuser, die wir passieren, zeugen davon: Erstmalig im Leben gilt es den Hof zu verteidigen, also sehr laut bellen und Leffzen hoch. Keiner dieser Mutigen schafft es allerdings lang, die beschwerlich aufgesetzte Maskarade zu halten, denn Chouchou, Hundeflüsterer von Hause aus, läuft vorn weg. Einen Schritt zurück und zwei auf die Verteidiger zu.
Fein bist Du. Ganz fein. Und so streicheln wir nach wenigen Momenten engagierte Hundeköpfe, die euphorisch und wild vom Schwanz her wackeln und wedeln.
Und dann war da noch Yoga – so lächerlich instagramable, dass es keine Aufnahmen davon gibt. Eine Yogini im strahlenden Sonnenschein mit Blick aufs Meer, der Wind streift passgenau an der Plattform vorbei, dass Shavasana im T-Shirt möglich ist. Bei so viel Hier und Jetzt wäre es unnatürlich gewesen ein Foto zu machen.
Am Abend gibt es Sturmfood, gekocht hinterm Magicbus. Die Nachbarn versuchen noch wacker ein Lagerfeuer zu entzünden, dessen Rauch die gesamte Ostküste einnebelt, ohne dass irgendwelche Flammen zustande kämen.
Ich ziehe meinen Hut vor so viel Optimismus und Engagement. Lagerfeuer bei 9 Beaufort – das wäre nur einem Firestarter wie Keith Flint von The Prodigy möglich gewesen. Gott hab ihn selig, auch wenn man als Firestarter ja eher nach unten unterwegs ist. Egal wie die Richtung auch sei – für Wind oder Flint, eines ist sicher:
Wir haben jetzt Platz. Turn the music louder.
Wir tanzen dazu im Wohnzimmer.








































