Unterwegs im Magicbus

Autor: Chouchou (Seite 2 von 5)

Zwei Tage in Häschtägs

#Mittwoch

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#EndlichSonne

#Donnerstag

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#EndlichWiederCampfire

Ups and Downs von Sea to Sky

7 Uhr, im Regenwald regnet’s nicht mehr. Die ersten drei Tassen Kaffee beginnen zu wirken, Mail vom ADAC, Teil Nummer 074145251B ist unterwegs, Ankunft per LH 467 in Vancouver um 16:45 — beste Voraussetzungen, uns auf den Weg zur Werkstatt zu machen, da darf der Bulli auf den 80km Sea-to-Sky-Highway (oder in unserem Fall Sky-to-Sea) ruhig heulen und singen, so viel er mag.

Typisch deutsch — so langsam wird’s peinlich — rollen wir pünktlich um 10 bei Open-Road-Volkswagen ein. Al, ölverschmiert aus den Tiefen eines weiteren Problembullis auftauchend, begrüßt uns entsprechend, guten Morgen. Und nein, aus den für heute erhofften neuen Vorderreifen und Achsmanschetten wird nichts, erstere sind immer noch nicht da, letztere möchte er lieber gemeinsam mit dem Keilriemenspanner machen, und der befinden sich ja noch irgendwo über dem Atlantik…
Aus der Werkstatt ins Office zu Vögelchen Jon, neuen Termin ausmachen. No problem, Montag um 8 sind alle Teile da, nach dem long weekend wird alles gut, wir brauchen bis dahin bloß unsere Luftfracht am Airport abzuholen.

10:30 Lagebesprechung auf dem Volkswagenparkplatz — so langsam wird sie zur Gewohnheit — gut zwei Wochen nach unserem ersten Date hier in Barnaby geht es immer noch nicht vorwärts, ob wir je wieder aus Vancouver wegkommen? Frust und Ärger wäre jetzt eine sinnvolle Option, machen aber nach 3 Minuten auch keine richtige Freude mehr. Also umplanen: Die geplante Stanley-Park-Besichtigung hat sich für heute auf jeden Fall erledigt, wir brauchen eine Bleibe für‘s Wochenende. Nochmal den Sea-to-Sky-Highway rauf? Nee! Nochmal mit der Fähre auf eine des Inseln? Nee! Auf einen der zwei asphaltieren RV-Großcampings? Nee!
Bleibt in erreichbarer Ferne nur noch der Campground in Point Roberts, der US-amerikanischen Mini-Enklave am südlichen Zipfel von Vancouver, mit unseren Multiple-Entry-Visa sollte das eigentlich klappen, dort einzureisen und Montag wieder hier auf kanadischem Boden zu landen.

40km bis zu Grenze, Welcome to the United States. Sechs Tankstellen, einen Supermarkt, riesige Postbox-Anlagen (die Kanadier bestellen hier günstige US-Waren), ein Bible-Camp und ein Häfchen, mehr hats hier nicht außer unserem süßen Lighthouse Marine Park Campground am Fjord. Den Leuchtturm gibt es schon lange nicht mehr…

Die Webseite www.PointRobertsnow.com zitiert eine Studie, nach der 80% aller Besucher hier maximal 15 Minuten bleiben. Nicht gerade Las Vegas — sind wir am langweiligsten Ort der USA gelandet?

Egal, hier ist‘s schön, vom Ufer aus wurden offenbar schonmal Orcas gesichtet (oder in der Werbeplakatversion: „Best point, to sea whales from land“) und es riecht nach Meer.
Statt Orcas gibt‘s erstmal Seehunde und Wasservögelchen und abends grandiosen Sonnenuntergang — es hätte uns wirklich schlimmer treffen können.

Zum Beispiel mit einem Anruf vom Warehouse am Flughafen, bei schlechtestem Telephonnetz aller Zeiten natürlich: Mr. Zhang informiert uns, daß der Zoll unsere Lieferung abgelehnt hat, ohne feste Adresse in Kanada geht da nix. Nicht ganz unrichtig geben wir ihm unsere kanadische Wohnanschrift, die von Volkswagen Barnaby…
Damit will Mr. Zhang sein (unser) Glück beim Zoll nocheinmal versuchen, das mit der Abholung am Wochenende können wir aber vergessen, für Privatkunden gelten die üblichen Bürozeiten, außerdem haben die Behörden langes Wochenende (da war doch was?), vor Dienstag geht da gar nichts.

Definitiv erneut Zeit für Frust und Ärger, drei Minuten reichen diesmal nicht, wir gönnen uns geschlagene fünf.

Termin bei Volkswagen auf kommenden Mittwoch verschoben, wir haben nochmal zwei Tage gewonnen. Die Globetrottels sind nun reich an Tagen in Vancouver-Region.

Nummer 074145251B, Regenwald und Midlifecrisis

Gestern 23 Uhr – 8 Uhr in Deutschland. Frust hin, Müdigkeit her, es hilft nix, jetzt müssen wir tätig werden, das Volkswagen-Teil Nummer 074145251B auftreiben, den Power Steering Tension Roller, ohne den für den Bulli sonst bald gar nicht mehr geht.


Nummer 074145251B

23:01 Anruf bei der ADAC-Hotline in München:
Schönen guten Morgen, wir bräuchten Unterstützung bei der Ersatzteilbeschaffung für unseren Bulli.
»Tut uns leid, die gibt es nur bei der Premium-Mitgliedschaft.«
Die haben wir.
»Ehrlich? Geben Sie mir mal die Mitgliedsnummer«
26457xxxx
»Ok, die haben Sie ja tatsächlich. Aber ich kann Ihnen da nicht helfen« Wer könnte das denn?
»Vielleicht die Notrufzentrale 089-222222«
Wunderbar und vielen Dank!

23:05 »Der Pannennotruf des ADAC, wie kann ich Ihnen helfen?«
Wir stehen in Kanada und bräuchten Unterstützung bei der Besorgung von Ersatzteilen.
»Da kann ich Ihnen nicht helfen, die gibts nur für Europa«
Aber vielleicht können Ihre Fachleute uns beraten, wie wir am besten vorgehen?
»Keine Ahnung, ich verbinde Sie mal« …

23:08 »Grüß Gott, Sedelmayer, ADAC«

Und endlich beginnt der Abend erfreulicher zu werden. Super nett und super bayrisch erklärt Herr Sedelmayer uns, wie er uns helfen kann: Das Ersatzteil müssen wir selber auftreiben, sobald es ihm zugeschickt wird kann er aber Transport und Verzollung erledigen, kostenpflichtig zwar da außerhalb von Europa, aber machbar…

23:20 Anruf bei »unserer« Bulli-Werkstatt in Köln:
Viele Grüße aus Kanada, quer durchs Land und nach Alaska hat der Bulli es geschafft, jetzt hätten wir da ein Problemchen und eine Frage: Ist das wirklich so ernst mit unserem Keilriemenspanner?
Klare Antwort: »Ja, wenn der auseinanderfliegt ist der Motor vermutlich hinüber«. Vorsichtshalber könnten wir den Keilriemen ganz rausnehmen, dann würde es mit dem Lenken aber recht mühsam, geradeausfahren ginge aber wohl noch ganz gut…
Und könnt Ihr uns helfen, einen Ersatzspanner aufzutreiben?
Das folgende Telephonat macht wenig Hoffnung auf eine schnelle Lösung…

23:40 Websuche bei Volkswagen-Classic-Parts, dem sagenumwobenen Uraltersatzteillager in Wolfsburg, irgendwo sollte da Teil Nummer 074145251B noch zu finden sein, die Webseite macht aber wenig Hoffnung, Vancouver vor Weihnachten noch verlassen zu können…

23:50 Anruf bei www.bus-scheune.de. Der Bulli-Onlineshop aus Oberkrämer, irgendwo in Brandenburg, hat gleich zwei unterschiedliche Spannräder unter der gesuchten Teilenummer vorrätig. Bus-Scheunenchef Herr Krämer weiß gerade nicht, wieso bei einem der zwei Artikel »Spannrad für Schwingungsdämpfer« statt »für Servolenkung« steht, er muss da wohl noch etwas korrigieren, aber »ja«, wir können wahlweise ein VW-Originalteil oder einen Nachbau bei ihm bekommen. Und per Express könne das sogar heute noch per Post rausgehen, wenn wir online bestellen.
Jippi, machen wir!

24:00 Unser Internet streikt mal wieder, zermürbende 20 Minuten dauert es, bis das Originalteilchen bestellt ist. Per Express, direkt nach München zum ADAC.

0:25 Der ADAC-Pannennotruf ist mittlerweile zutiefst bayrisch besetzt, wir beginnen, den Tonfall zu lieben.
Herr Obermayer geht unser Problemchen entspannt an. Kein Problem, einen Fall anzulegen, er bräuchte da noch ein paar Angaben von uns. Unsere Adresse in Kanada zum Beispiel, behelfsmäßig per EInfingertippsystem die von Openroad-VW-Barnaby in seinem System einzupflegen bereitet ihm jedenfalls eine Mords-Gaudi. »Und Tipp« – »doan klick ich hier« – »uund Schwuapp« … minutenlang dürfen wir ihm bei seiner harten Arbeit zuhören… »Wie koammt euer Bulli denn eigentlich nach Kanada?« – der Gedanke reißt ihn aus der Konzentration, vor lauter Begeisterung, etwas über Verschiffung gelernt zu haben macht es ihm auch gar nichts aus, mit der Adresseingabe nochmal von vorne beginnen zu müssen…

Und wie geht es nun weiter? Sollen wir jetzt nochmal Herrn Sedelmayer anrufen? »Nein, das mach ich und ich rufe dann später am Tag zurück«
Aehm, super! Hier ist es gleich 1 Uhr morgens…
»Ach Ihr habts Zeitverschiebung!? Ich ruf in 15 Minuten zurück«

1:30 Noch kein Rückruf. Die Globetrottels werden ernsthaft müde…

1:45 Anruf bei Herr Sedelmayer, der ist mittlerweile außer Haus, Herr Saße spricht aber auch fließend Bayrisch, hat von unserem Fall schon gehört und ohrenscheinlich auch Spaß, uns zu helfen. Busscheune kennt er, die ist auch im Voralpenland erste Adresse für alte Bulli-Teile, wenn unser Teil morgen ankommt macht er es direkt klar für den Flieger, der geht ja 5 mal täglich von München nach Vancouver. Unsere Reisepasskopie und die Teilerechnung braucht er noch, dann geht die Sache klar…

2 Uhr, den Globetrottels ihr Vertrauen in den ADAC und die Menschheit ist wieder da, und natürlich wird mit dem Bulli doch alles wieder gut. Und vielleicht dauert es ja doch nicht mehr wochenlang, bis wir Richtung Kalifornien weiterkommen…

2:15 So todmüde sind wir noch nie in die Koje gekommen.

Und dann ist da noch heute. Chérie würde nun schreiben, dass wir unseren wunderbaren Campground am Alice-Lake ohne das Bulli-Problemchen niemals gefunden und damit definitiv etwas verpasst hätten – womit sie zweifelsohne mal wieder recht hätte.

Und die Wanderung durch den verregneten Regenwald ist wirklich eine der schönsten, die wir je unternommen haben. Besser als »Fifty shades of green« und »Midlifecrisis« ließen sich die wilden Pfade auch kaum betiteln.

Und das Beste: Morgen haben wir hier noch einen Tag, bevor es dann Freitag wieder zu VW geht…

Sortieren

5 Sekunden. Solange dauert es nach dem Starten, bis der Bulli einsieht: Rote Warnlämpchen (sowie jede andere Art von Probleme) sind für die Globetrottels gerade inakzeptabel. Absolut inakzeptabel!

Gestern konnten wir es dem Bulli nach so langer Einsamkeit ja fast noch nachsehen, nach dem spontanen Anspringen zumindest mit einem müde rot flackernden Irgendwas-zwischen-Lichtmaschine-und-Batterie-ist-kaputt-Lämpchen zu protestieren, aber ganz ehrlich: Kaputter Bulli geht gerade gar nicht!

So aber ist heute morgen beim Bulli wieder alles ok, er »singt« wie eh und je und auch unsere Nervenköstüme halten locker bis zum Walmart durch. Wiederankommen im Yukon ist der Plan für heute: Einkaufen, Taschen, Klamotten und Bulli sortieren.

Hörnchen gucken, die klackern wie eh und je. Sehr tröstlich.

Akkus laden, auch unsere, das braucht Zeit und Ruhe, die nehmen wir uns jetzt erstmal hier in Whitehorse, auf dem Robert-Service-Campground, vielleicht bleiben wir doch lieber drei statt nur zwei Tage, die werden wir brauchen, um wieder einigermaßen reiseklar zu werden.

Nachmittags nach Ewigkeiten wieder Chéries Dreisterne-Einplatten-Menue genießen, abends Grizzly-Bierchen am Yukon, fit werden für On-the-Road.

Positionsbestimmung im Yukon

»74 Prozent US-Amerikaner, 10 Prozent deutschsprachige, 10 Prozent andere und nur ganz wenig Kanadier« sind hier unterwegs auf dem Alaska-Highway, so Steve, unser fröhlicher Caribou-Campgroundbesitzer – in seinem bisherigen Leben war er Banker in Luxemburg und hieß vermutlich Stephan, mit Zahlen müßte er sich also auskennen.
Und ungefähr so fühlen sich die letzten 1403 Kilometer trotz endloser Einsamkeit und grandioser Naturspektakel irgendwie auch an: Wir stecken in einem riesigen Treck von Lower-USA nach Alaska-USA, und alle Infrastruktur ist darauf ausgelegt, die riesigen Wohnmobile, oft größer als jeder Bus oder LKW bei uns zu Hause und meist noch mit einem größeren SUV um Schlepptau, hier unterzubringen. »Pull-Through«: Vorne reinfahren, hinten raus, größere Wendemanöver sind bei den Gefährten nicht drin. Unsere Nachbarn auf den Campgrounds daher meist Rentner, aus vermutlich sämtlichen US-Staaten kommend, wahlweise auf eigene Faust oder in geführten Gruppen reisend.

Die 10 Prozent deutschsprachigen Individualreisenden: Mit ihren hypermodernen Expeditionsmobilen (meist mit schweizer Kennzeichen) und offroad-getunten Land-Rovern auf der Suche nach dem großen Backcountry-Abenteuer, augenscheinlich jederzeit bereit, die Kettensäge rauszuholen und sich den Weg quer durch Sumpf und Wald zu schlagen – auf Expeditionsreise eben.

Und dann noch die Kanadier, von denen ist gar nichts zu sehen, die fangen vermutlich wirklich mit bloßen Händen den Grizzlys die Lachse weg und nehmen Wege, die uns nicht mal im Alptraum einfielen…

Und wo passen da die Globetrottels mit dem Magicbus rein, dem am wenigsten luxuriösen, abenteuerlichen oder gar geländegängigsten Gefährt weit und breit? Als die gefühlt Einzigen hier, die nicht jederzeit jedem mit den wichtigsten Reisetipps und -ratschlägen weiterhelfen und noch nicht einmal mit einer Axt umgehen können? (Letzteres kann zumindest unser süddeutscher Nachbar, selbsterklärter irischer Fallensteller und Outlaw, der sich von niemandem etwas sagen läßt – außer vielleicht dem Guide seiner geführten WoMo-Gruppe).

Egal, wir sind halt die Globetrottels und nehmen das mit den »Trottels« auch sehr ernst. Vielleicht staunen und freuen wir uns einfach weiter durch den Yukon, genießen die wunderschöne Weite, die Tierwelt und das Schauspiel der Mitreisenden. Und vielleicht machen wir uns auch auf die Suche nach dem Yukon abseits der Touristenprogramme – aber … das liegt vermutlich da, wo selbst der Schotter, und damit den Globetrottels ihr Mut und dem Bulli seine Offroadfähigkeit endet…

Soweit Chouchous kleine Gedanken zum Montag. Ansonsten geschah heute das:

  • 0:30 Uhr: Mit dem Bonner Amtsgericht telephoniert. Chouchou, kann seiner Ladung als Zeuge nächste Woche wohl eher schlecht nachkommen…
  • 1 Uhr: Schlafengehen obwohl taghell
  • 7:30 bzw. 9 Uhr: Aufstehen, Kaffetrinken, ins Internet gucken (Luxus!)
  • 10 Uhr: Umzug von Platz 22 auf 28 wegen alles ausgebucht hier
  • 11 Uhr: Im Bulli kramen, auf- und umräumen, nächste Reiseziele recherchieren, was Globetrottels halt so tun.
  • 13 Uhr: Chérie gibt Vollgas: Nochmehr Wäschewaschen und Bulli-Großputz – alles muss raus, alles wird sauber
  • 15 Uhr: Bulli wieder einräumen
  • 15:30 Uhr: Chouchou muß schwören, nicht mehr in den Bulli zu krümeln
  • 16 Uhr Mittagessen: Cheddar-Nüdelchen
  • 17 Uhr: Das übliche Nachmittagsgewitter zieht auf, ab jetzt Chillen im Magic-Bus

Mittsommer-Chillen

Mittsommer, internationaler Yogatag und Indigenous Peoples Day – gleich 3 Festivitäten, die für die Globetrottels heute ausfallen. Heute ist Chilltag. Das mit dem First-Nation-Fest haben wir zumindest probiert, 2 Kilometer nach Town gelaufen, und: Nix! Entgegen der Ankündigung wird nicht im der Friendship-Centre sondern draußen um Reservat getrommelt, für uns heute in unerreichbarer Ferne – große Enttäuschung.

Bleibt also nur noch, den US-amerikanischen Monster-Wohnmobilen beim Einparken zuzugucken, die hier in geführten Gruppen auf ihrem Weg nach Alaska Halt machen, den Campground-Saloon zu bewundern, ein kurzes Gewitter auszusitzen, die nächste Etappe planen und feststellen, in Dawson Creek völlig veraltete Informationen bekommen zu haben … und irgendwie den probiotischen Joghurt zu verdauen…

Den schönsten Mittsommer-Himmel aller Zeiten hatten wir im übrigen ja gestern schon, in der Dämmerung nach Mitternacht, so richtig dunkel wird es hier nachts gerade nicht.

Und mit mobiler Internet-Abdeckung ist’s jetzt wohl wirklich aus:

Zurück auf Null

Sasketoon Island Provincial Park – Wie schön ist unser Birkenwäldchen erst, wenn der Dauerregen nachläßt! Und genau das tut er heute morgen, was für eine Wohltat.

Nur gut 100 Kilometer stehen auf dem Plan, die Rockymountains haben wir erstmal hinter uns gelassen, Prärie voraus, besonders der Bulli freut sich über die wieder sanfteren Hügel – dauernd im 2. oder 3. Gang den Berg hochzukriechen war ihm vermutlich nicht nur zu anstrengend, sondern auch ein bisschen peinlich…

Vorbei am größten Biber aller Zeiten:

Dawson Creek voraus: Das legendäre Örtchen am Anfang, Mile 0, des Alaska-Highways. Auf den ersten Blick erstmal nur ein riesiges Versorgungszentrum mit allen bekannten Läden und Fastfood-Restaurants rechts und links der Hauptstraße. Auch auf den zweiten Blick wird sich der Eindruck nicht sonderlich ändern, aber hier ist nunmal Mile 0, hier bleiben wir, wie jeder anständige Yukon- und Alaskareisende.

Checkin auf der »Mile 0 Campsite«, die liegt zwar in Wahrheit bei »Kilometer 3«, bietet aber vermutlich die beste Vorbereitung für die kommenden 2232 Kilometer: Unebener Grund, den unsere Auffahrkeile auch nicht ansatzweise ausgleichen können, Windböen die unerbittlich von der ungünstigsten Seite (das tuen sie prinzipiell) auf das Dachzelt treffen und maximal 12 Meter Abstand zwischen Kopfkissen und Highway – Chérie wird fortan wohl 2 Ohropax in jedes Öhrchen quetschen müssen…

Das angepriesene WiFi läuft zwar nicht, dafür aber die Waschmaschine, und von der machen wir (nagut: Chérie) ausgiebigst Gebrauch. Die Frage, warum Chouchou nur 2 Paar Socken in der Wäsche hat, wird an dieser Stelle nicht weiter diskutiert…!

Unsere Nachbarn, Cora und Tom mit Hundchen Meggy-May aus dem Osten der USA sind nett und plaudrig, in den Prärien hatten sie uns schon überholt und sich gefragt, ob der exotische Bulli das Steuer wohl recht oder links habe. Selber haben sie ihren großen Wohnwagen daheimgelassen – die Spritpreise – und schlagen ihr Zelt auf der Pritsche ihres RAM-Trucks auf. Respekt: Mit geschätzt knapp über 60 auch nicht die bequemste Art des Reisens, aber, gestehen sie, ab und zu darf’s auch mal ein Hotel sein. Ihr nächster Stopp, die heißen Quellen bei Kilometer 764, liegt für uns noch in endloser Ferne, sie wollen es morgen in 8 Stunden bis dahin schaffen. Falls kein Bulli vor ihnen herbummelt…

Ihren Reiseführer »The Milepost«, die Bibel aller Alaska-Reisenden, kennen sie fast auswändig, sämtliche 800 Seiten der 2023er-Ausgabe. Uns ist es bisher, trotz intensiver Suche in Banff und Jasper, bislang nicht gelungen, dieses heilige Buch aufzutreiben, darum müssen wir jetzt rein in die City von Dawson Creek, und ernten mehr als besorgte Blicke ob unseres Plans, die Strecke zu Fuß zu bewältigen. »Good luck, stay safe!«
Auch die Rezeptionistin vom Campingplatz hatte schon befremdet auf unsere Idee, die 3 Kilometer zu laufen, reagiert – das tut hier wirklich überhaupt niemand!!!

Hilft aber nix, das Dachzelt ist ausgeklappt, der Beifahrersitz gedreht, der Strom eingestöpselt: Der Bulli fährt heute keinen Meter mehr.

Und die ersten 3 Kilometer vom Alaska-Highway einmal runter und wieder rauf zu laufen entpuppt dich definitiv als Erfahrung: Bürgersteige hat’s eher wenig, Highway-Seitenstreifen oder lieber über die Wiese? Glücklicherweise hassen Nordamerikaner leise Autos, man hört sie kommen. Laut und deutlich, um nicht zu sagen aggressiv die Motoren, im optimalen Fall noch einen »Fuck Trudeaux«-Aufkleber am Heck des Monstertrucks, liberale Politik oder die Rechte von Fußgängern möchten wir hier am Straßenrand lieber nicht diskutieren!

Aber es hat Fußgängerampeln, für wen auch immer, wenn der 50-Zentimeter-Erdwall am Straßenrand ersteinmal überwunden ist kommt man dann doch recht sicher über den Highway. Und wir zum Mile-0-Milepost, Sehenswürdigkeit Nummer 1 in Dawson Creek, in die Schlange von Wohnmobilen zwecks Mile-0-Photo hatten wir uns mittags mit dem Bulli nicht einreihen wollen, jetzt ist weniger los und wir kommen zu unserem Selfie, leider ohne Magicbus.

Besuch in der Tourist-Office: »Sorry«, The Milepost ist nicht vorrätig, in Ford Nelson solls das möglicherweise geben, schlappe 600 Kilometer weiter gen Norden, das Geld könnten wir uns aber besser sparen, in seiner inkribischen Kleindruck-Meile-für-Meile-Beschreibung soll das Werk wohl extrem schwer lesbar sein – wir fragen uns so langsam, welch mystischem Gral wir hier hinterherlaufen. Und ob die uns hier offenbarte 2-seitige Broschüre und Bell’s Alaska Highway Mapbook nicht vielleicht doch reichen?

Stärkung im Schnellimbiss um die Ecke, die Washrooms verbarrikadiert, die übrige Kundschaft hat wohl weniger Probleme mit der Suche nach obskuren Reiseführern als nach verbotenen Substanzen aller Art.

Irgendwie schlagen wir uns durch zurück zum Bulli, das Navi zählt 12383 Schritte, die hier noch nie ein Mensch zu Fuß gegangen ist.

Schnell noch den Bulli-Kilometerzähler von 9048 zurück auf Null gesetzt: Morgen beginnt der nächste Abschnitt unserer Reise: Der ALCAN, der Alaska-Highway.

Athabasca – eine aussterbende Art

Weiter geht’s auf Highway 93, Icefields Parkways, für uns mehr »Traumstraße« als für den Magicbus, dem geht am Sunwapta Pass (2035m) im 2. Gang bergauf so langsam die Puste aus, der Gesang aus den Tiefen des Kühlwasserkreislaufs nimmt gar kein Ende mehr und der Motor protestiert mit zunehmendem Gedröhne. Aber er schafft es, und hat damit die Grenze zwischen Banff- und Jasper-Nationalpark offiziell überschritten. Bravo braver Bulli, Du bist der Größte!

Frisch ist’s auf dem Columbia Icefield – wen wundert’s bei einem riesigen Gletschergebiet auf 2000 Meter Höhe? Aber es hat Internetz-Empfang, als einziger Ort auf unserer 230 Kilometer langen Panoramaroute, keine Ahnung, wann wir danach wieder Netz haben werden…

Und einen wunderschönen Gletscher hat’s hier für uns, den Athabasca-Gletscher, betreten dürfen wir den auf eigene Faust zwar nicht, die Kanadier haben die Nase voll davon, Touristen aus den Gletscherspalten zu ziehen, aber immerhin dürfen wir ihn von ganz nah sehen.

»Majestätisch« würde ein poetischerer Mensch als Chouchou vielleicht tippen, auf jeden Fall aber sehr traurig, immerhin stehen wir hier vor einer aussterbenden Art, wie seine Artgenossen taut auch unser Athabasca-Gletscher so langsam weg, 5 Meter pro Jahr, vom »2006«-Schild aus sinds deprimierende 85 Meter bis zum Eis…

Die Übernachtung auf dem Campground hier oben am Icefield wird uns im Nieselregen dann doch etwas eisig, weiter geht’s Richtung Jasper. Der Bulli singt und dröhnt aus Protest auch bergab munter weiter, vermutlich wird er noch eine Weile über diese Strapaze beleidigt sein.

Beleidigt ist vermutlich auch der Elch, der es vor den 2 Wagen vor uns und uns so gerade noch heil über die Straße schafft – dabei sollte er sich lieber merken, daß kleine VW-Bullis ungefähr so träge bremsen, wie sie beschleunigen…

15 Uhr, Zeit eine Unterkunft zu finden, das Wochenende steht voraus und nahezu alle reservierbaren Campingplätze der Umgebung sind längst, teils seit Wochen, ausgebucht. Aber es hat ja noch die »First-come-first-serve«-Plätze, nicht reservierbar und um diese Zeit noch nicht voll besetzt: Auf dem *Mount Kerkeslin Campground“ können wir uns tatsächlich das schönste Plätzchen aussuchen, bei der »Selfregistration« werfen wir den Zettel mit unseren Kreditkartendaten ein, 26 Dollar (18€) kostet die Nacht inklusive Fire-Permit und unbegrenzt Brennholz.

Irritierendes Phänomen: Gestern floß der Fluß an unserem Camp noch in entgegengesetzter Richtung, ganz normal Richtung Süden, heute strömts nach Norden in Richtung Arktischem Ozean. Ob das wohl an dieser Wasserscheiden-Sache oben am Pass liegen könnte?

1:0 für die Elchmama

»Ergiebiger Dauerregen« kündigt die Wetter-App an und tatsächlich nieselt es sich wunderbarst ein – perfekt, um heute bis auf einen Banff-Örtchenbummel gar nichts zu tun, und schon gar keine neuen Abenteuer zu erleben! Und wenn wir die drei Kilometer von unserem Asphalt-Megagroßraumcampingplatz nach Downtown dann noch quer durch den Wald abkürzen, ists auch gar nicht mehr so weit.

Mit Regenschirmen statt Bärenspray bewaffnet läßt es sich gerade noch gut witzeln, daß es den Bärchen ja wohl zu naß sein wird, da steht sie nach 500 Metern auf einmal vor uns: Eine riesige Elchkuh am Rande der Lichtung, an der gerade kein Weg vorbeiführt. Vielleicht 10 Meter vor uns, also definitiv weniger, als der überall so dingend empfohlene 30-Meter-Mindestabstand. Und Ohrenanlegen gilt im Mai/Juni, da beschützen sie ihre Jungen, definitiv als unfreundliches Zeichen: »Protective moms will attack« – »Beschützende Elchmamas greifen an«, heißt es in den Broschüren.

Für die Globetrottels ist es also wieder mal an der Zeit, Angst zu bekommen. Und den Rückzug anzutreten, zwar nur unter Protest, den Weg bis zur Straße wieder hochzulaufen wird ganz schön anstrengend, aber das Tierchen will nicht mit sich verhandeln lassen und blockiert standhaft die Lichtung. 1:0 für die Elchmama.

Banff-City bietet dann alles, was den gemeinen Touristen, also uns, bei Regenwetter im Allgemeinen so aufzuheitern vermag, chique Boutiquen und Shops, sämtliche Outdoormarken sind vertreten, angesagte Kaffeehäuser und Bars – ist aber nunmal auch der überlaufendste Hotspot in vermutlich 1000 Kilometern Umkreis – und damit nicht unbedingt das, was wir gerade suchen. Gaskartuschen, Bargeld, Pommes, WiFi und Cappuccino nehmen wir aber gerne mit. Die Juicy Elk Burger klingen zwar verlockend und wären zweifelsohne recht befriedigend, leider aber auch übermäßig alttestamentarisch und schlecht fürs Karma – heute kein Elchfleisch für uns.

Der Heimweg gestaltet sich dann erfreulich abenteuerfrei, pitschepatschenass zurück am Bulli, Standheizung aufdrehen und dem Plätschern von Regen auf Asphalt lauschen.

Ausgebanfft für heute.

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