Der Wecker hat an diesem Sonntagmorgen keine Chance. Möge er bimmeln, wie er will: der überglückliche Körper will liegenbleiben – mit der Erinnerung des vollen Herzens von gestern. Darf er. Heute, am finnischen „Sunnuntai“ (=Sonntag), wird ausgeschlafen. So lange, bis alle Träume durchgeträumt sind.
Frühstücksei gibt’s um halb elf, zwei Stunden lang. Danach schnüren wir die Wanderschuhe, um den Weg auf den Gipfel des Kiliiopääs in Watschelangriff zu nehmen.
Das Infozettelchen neben der Holzsauna informiert uns, dass in dieser Gegend Braunbären, Luchse, Wolfe und Vielfraße leben. Wo auch immer diese sich in der weiten Tundra (die sich von hier bis in die Mongolei zieht) verstecken wollten. Einen Vielfraß aber wollten wir schon immer einmal treffen.
220 Höhenmeter geht es stramm bergan. Vorbei am letzten Baum und Gestrüpp, das dunkle Beeren trägt.
Der Kiliiopää ist lediglich 546m hoch, trotzdem liegt der Gipfel oberhalb der Baumgrenze.

Oben angekommen blicken wir auf endlose Weite des Nationalparks, den Blick gen Russland gerichtet, dessen Grenze in nur 40 Kilometern Entfernung liegt. Hinter den Wellen der Berge.

Wie auch in westlichen Zeitungen zu lesen, zieht von dort leider eine Regenfront steil auf uns zu. Entsprechend bleiben wir nicht allzu lang –den Gipfelsturm genießend.

Der große Regen aber bleibt aus. Lediglich ein freundlicher Erfrischungssprüh aus Osten – wie schön, wenn´s politisch doch ähnlich wäre.
Auf dem Abstieg explodiert eine dunkle Beere bei ihrer Examination in der Hand und verteilt ihren Saft in unserem Auge.

Vielleicht nehmen wir deshalb die Welt danach noch etwas bunter wahr!? Halluzinogener Beerensaft über die Glupscher aufgenommen?!
Oder aber: es ist einfach magisch schön hier!?
Rentiere grasen in der Weite und kreuzen unseren Weg. Mit Geweihen wie aus dem Märchenbuch. Es kann niemals genug davon sein — weil ihr Anblick einfach glücklich macht.

Der perfekte Pilz im Heidenkraut.

Ein Ast, der sich für einen Kranich hält: Kunstwerk der Natur.

Über Stock und Bach. Durch eine unglaubliche Landschaft.

Und am Schluss steht ein Albino-Rentier am Horizont: zweifelsohne ein Tier aus der Fabelwelt. Ein Cousin des Einhorns …
Nach sechs Kilometern Spaziergang darf der Sport für heute reichen. Außerdem wartet ab vier die Sauna auf mich. Chouchou kann sich für ein eng-an-eng schwitzen mit Fremden leider gar nicht begeistern und bleibt daher lesend im Magicbus zurück: Ruhe genießen.
Mein Ausflug trägt mich für einen kurzen Augenblick mitten in die finnische Seele.
Denn mit mir schwitzen noch Nele, zwei Frauen, deren Name ich nicht erfrage, sowie eine Mama mit Kleinkind – beide mit lustigen Saunahüten auf. Allesamt Finninnen.
Aufguss für Aufguss wird´s immer lustiger im Schwitzhüttchen. Und lauter. Und lebendiger.
Falls jemand behaupten sollte, Finninnen seien maulfaul, dem darf gesagt sein: in der Sauna sind sie es ganz gewiss nicht!
In den nächsten zwei Stunden werde ich nicht nur all meine finnischen Fragezeichen im Kopf los, sondern lerne obendrein zum Thema: Rauchsauna und dem meditativen Atmen beim Eisbad. Etwas, das sofort ausprobiert werden muss.
Der Eiskreisel hat heute 13 Grad Wassertemperatur. Das sind schlappe vier Grad weniger als gestern.

Nach dem zweiten Saunagang bin ich bereit –sehr tief atmend, wie Nele mich gelehrt hat– die Runde in Angriff zu nehmen. Es ist eines von diesen „bereit seins“, das genau zwei Schwimmzüge überdauert.
„Breathe!“ sagt Nele – nur in meinem Kopf. Denn Gott sei Dank atmete ich mich komplett alleine durch den Kreisel.
Die Finninnen hätten ansonsten sicherlich direkt den Sanitär gerufen: Kommen Sie schnell. Ein nicht-finnischer Eiszapfen treibt asthmatisch auf der Wasseroberfläche, die Zehen sind ihm leider schon abgefallen.
Ich habe keine Ahnung, wie ich es durch den Eiskreisel schaffe. Ich habe keine Ahnung, warum meine Füße mich zitternd die Leiter wieder hochtragen – ich hab sie gänzlich abgeschrieben und fühle den Kontakt zu den Stufen nicht mehr. Schleppe mich auf die Bank, noch immer alleine und atme. Und atme und atme.
Bis plötzlich –von einem Moment auf den anderen– jede meiner Zellen euphorisch zu kribbeln beginnt. Ein entrücktes Feuerwerk der Lebendigkeit, wie Selbstentzündung im Kalten. Als hätte jede einzelne Pore plötzlich eine Partytröte. Konfettikanonen auf der Hautoberfläche.
Unfassbar. Ein so wild-verrücktes und erhebendes Gefühl, das sich einfach nicht beschreiben lässt…
Zurück in der Sauna schaut Nele mich ungläubig an: „You did the whole circle?“
Ja, Du hast ja gesagt, das Atmen da durch hilft.
Anscheinend aber hat Nele das nur theoretisch gemeint: “That´s way to cold for me.“ Und die anderen nicken stumm.
Ach Nele, Du verrückter Hund. Ich danke Dir trotzdem so sehr, dass Du mich mit dem Tipp „Just breathe!“ einmal durch den Eiskreisel getragen hast. Alleine hätte ich das nicht geschafft.
Und das Feuerwerk danach war es mehr als wert…
Rot wie ein Feuermelder und entspannt wie ein dösendes Lama dackele ich nach Stunden beseelt-entrückt zurück zum Magicbus.
Innerlich bereit für eine zweite Runde Albino-Ren. Oder meinetwegen erste Runde Einhorn.
Auf einem „state of mind“ wie diesem wurden finnische Fabeln geboren.
Ich bin mir ziemlich sicher.














