Seit Wochen warte ich auf diesen Moment: ein Samstag der Highlights. Denn heute ist es so weit: wir kreuzen den Polarkreis. Und: wir treffen den Weihnachtsmann in seiner Residenz. Tatsächlich. Aber ganz in Ruhe und von vorne…

Über unserem Flüsschen steht um halb sieben dichter Nebel. Ein guter Grund, sich nochmal umzudrehen, denn für uns ist ja eigentlich erst halb sechs. Der Sonne ist das natürlich vollkommen wumpe: hier oben geht sie –obwohl Mittsommer bereits fünf Wochen her ist—eh kaum unter: strahlt bis kurz vor Mitternacht, macht ein flottes Nickerchen und dämmert dann bereits wieder um drei.

Zwei Stunden später ist die Luft klar – als sei außer Spesen nichts gewesen. Ein weiterer Hochsommertag in Skandinavien bricht jetzt auch für uns an.

Beim Frühstück beschäftigen wir uns mit der finnischen Sprache, einer der angeblich schwersten Sprachen der Welt; einer mit den längsten Wörtern – nicht nur wegen der ganzen Doppelbuchstaben.
Beginnen wir mit den Basics: Danke heißt „Kiitos“.
„Sonnenscheinschwein“ ist schon schwieriger: „Auringopaistepossu“. Als solche sitzen wir beim ersten Kaffee: Auringopaistepossus mit Flussblick.
Mehr Vokabeln können wir uns für heute nicht merken.
Doch! Eine noch: „Joulupukki“, finnisch für: Weihnachtsmann.

Sechs Kilometer nördlich von uns liegt der Polarkreis. Mit erwartungsvollem Tuckern eiern wir um zehn Uhr los.
10:10h: riesiger Tusch und Freudentränchen in den Augenwinkeln:
Der Magicbus hat uns tatsächlich bis an den Polarkreis gefahren. Unglaublich!
Der Polarkreis, finnisch: Napapiiri!

Und das nächste Highlight lässt nicht lange auf sich warten.
Breitengradgleich liegt es auch hier: der originale Heimatort des Weihnachtsmanns.
Im Santa Claus Village kann man ihn das ganze Jahr besuchen: den echten Joulupukki.

Natürlich ist dies ein wahres Globetrottelshighlight: aufzudecken, dass es ihn doch gibt! (Auch wenn wir nie daran gezweifelt haben.)

Neben zahlreichen Souvenirshops –fest in der Hand der Weihnachtselfen– und einem Postamt, dass alle Kinderbriefe an den Weihnachtsmann sicher aufbewahrt…

…geht es in einen dunklen Schneckengang mit ungefähr siebzehn Wirbeln.
Siebzehn düstere Wirbel aufgeregt schleichen, siebzehn Mal gespannt um die Ecke gucken, ob er endlich schon da ist.
Mit jeder Umdrehung verliere ich im Schnitt drei Lebensjahre. 44 – 41 – 38 – 35 – 32 ….
Als wir endlich, endlich da sind –im Inneren der Schnecke, ganz alleine—bin ich vier und falle dem dicken Mann, der auf dem Sessel sitzt, fröhlich-erleichtert in die Arme.
In diesem Moment weiß ich: die Weihnachtsmagie ist echt. Und meine Freude aufrichtig. Ich wusste, dass es Dich gibt.
Denn ein Kinderherz kann nicht trügen…

Beseelt wanken wir aus dem Weihnachtshaus. Die Elfen haben ein Foto von dem Weihnachtsmann und uns geschossen und wollen es uns nun verkaufen. Es ist herzzerreißend schön und leider auch budgetzerreißend teuer. Daher muss es –schweren Herzens– am Polarkreis bleiben.
Wie gut aber, dass Chouchou immer so lieb war und der Joulupukki ihm ganz, ganz ausnahmsweise erlaubt hat, ganz, ganz kurz zu filmen…

Hinterm Polarkreis sind wir –genau genommen—in der Arktis. Bei 26 Grad.
Wir rollen über grünbewaldete Straße, die irgendwann zu Militärlandeplatz wird (NATO lässt grüßen) und dann wieder zu Waldstraße. Entzückende Bushaltestellen in kleinen Orten, die aus zwei Häusern bestehen, ein Albinorentier am Straßenrand, finnspezielle Werbungen, die Seen polarblau wie mein Kleid.

Als die Gegend hügeliger wird biegen wir rechts ab in Richtung des Bergs Kiliiopää im Urho Kekkosen kansallispuisto Nationalpark. (Ortsnamen wie immer bitte merken – werden später abgefragt).
Am paradiesisch mäandernden Flüsschen hat die freundliche Dame an der Rezeption noch ein Plätzchen für uns.

Die Sauna sei inklusive, sagt sie. Welche Sauna? Die finnische natürlich.
Auf meine verschämte Frage, wie man die denn hier so nutzt (mit oder ohne Badekleidung?), lacht sie laut: Wie auch immer Du möchtest! Wichtig sei nur, eine finnische Geisteshaltung vorab tief zu verinnerlichen: An der Bushaltestelle immer fünf Meter Abstand – in der Sauna nackt Haut an Haut. „This is finnish mind,“ sagt sie. Ich glaub, ich mag sie. Die Finnen.

Keine zwanzig Minuten später sitze ich mit laut schwatzenden Finninnen in klatschnasser Hitze. Die Älteste der Truppe ist nicht zimperlich: alle drei Minuten knallt ein doppelter Aufguss auf die heißen Steine, meine Poren sind nach 30 Sekunden so weit geöffnet wie mein Weihnachtsmannherz.
Abgekühlt wird im paradiesisch mäandernden Flüsschen, das die Schwimmrunde anhand eines Eiskreisels knallhart vorgibt. Vorzeitiges Aussteigen unmöglich.

„Very fresh,“ ruft die unzimperliche Aufgussfrau, der nicht entgangen ist, dass mein Finnisch sich auf „Auringopaistepossu“, „Joulupukki“ und „Kiitos“ beschränkt, mir fröhlich zu. Ziemlich frisch, das könnte man so sagen. Falls man noch Luft danach hätte. Die Zehen blau, der Körper taub – der Seele aber geht es danach wie selten: neugeboren unter der Polarsonne.

Beim Abendessen besucht uns ein Rentier im magicbus´schen Vorgarten, es dreht gerade seine Abendknabberrunde durch den Park. Einmal das Flüsschen rauf, durchwaten, auf der anderen Seite zurück. Bei der Sauna galoppiert es über die Brücke, um die gleiche Runde ein zweites Mal zu drehen. Diesmal essen wir nicht mehr, sondern tippen.

Was für ein Tag. Gesegnet unter der Sonne der Arktis…und das nächste Rentier schon im Anmarsch.