Der Abend endete anders als gedacht. Auf dem Weg zur Dusche die erste Frage –sie kam von Franz: „Do you want to share a beer with us?“ in breitem läppischen Dialekt. Zwei Mal: „Do you and your husband want to share a beer with us?”.
Unter der heißen Dusche fällt mir auf: wie schmal die Welt doch werden kann, durch zu viele höfliche „Nein danke!“ Ich entschließe mich –sollte Franz ein drittes Mal fragen– werde ich einfach Ja sagen. Und Franz fragt mich ein drittes Mal: frischgeduscht mit einem Handtuch auf dem Kopf. Also: Ja, gerne. Das machen wir.

Unser aller Nacht soll sich erst gegen eins neigen: gemeinsam unter einem Vollmond bei Tageshelligkeit, in einer wild gemischten Truppe aus einem Lappländer, einem Allgäuer, zwei Garmisch Partenkirchenern, einem Südafrikaner und zwei Globetrottels.
Nach einem unfreiwilligen Wheelie auf dem Quad (Chouchou schlägt sich tapfer), nach Gesprächen über Gott „and the energy we all share“, nach deutlich mehr als einem Bier, nach einer potentiellen Lösung des magicbus´schem Ölhungers, nach schwedischem Gesang, nach einem 20 Liter Motorölgeschenk, das wir unmöglich annehmen können.

Die Nordsonne brennt uns um acht gnadenlos aus dem Bett, bis zehn schlafe ich unten auf der Couch weiter: weiße Nordnächte-unerfahren.
Trotz allem soll es heute für uns weiter gehen – wenn auch mit leicht angezogener Handbremse: lappländische Trinkgewohnheiten-unerfahren.

Bei surrealem Sonnenschein und vierundzwanzig Grad rollt es sich gnädig auf der einsamen Straße gen Nordost. Nach insgesamt sechs Rentierbanden in echt und drei Elchen in Guss müssen wir das erste Mal rechts.

Die Welt wird flacher und weiter, unterwegs in Richtung Ostküste bis nach Gammelstad.

Gammelstad – die fünfhundert Jahre alte Stadt—ist eines der letzten Kirchendörfer Schwedens und eines der größten, das bis heute noch aktiv ist. Da im Mittelalter ein Kirchbesuch verpflichtend war, die Menschen im dünn besiedelten Norden aber weit auseinander lebten, entstanden um die imposante Steinkirche Nederluleå Kyrka im Ortskern mit der Zeit vierhundert Holzhütten, die als Auffanghäuschen für Menschen aus der Ferne dienten. Quasi heilige Hostels für Gläubige – und/oder Religionspflichtbewusste.
Heute ist Gammelstad ein falunrotes Örtchen, in dem die Zeit still zu stehen scheint. Die 400 „kyrkstugor“ sind heute teilweise bewohnt, teilweise noch immer zu mieten, will man aus der Ferne den Gottesdiensten lauschen und danach nicht mehr –messweinbedüdelt– mit dem Rentier nach Hause reiten.

Eine Kutsche klappert durch die Gassen – unklar, ob für Touristen oder ob aus reiner Freude der Kutscherin. Per Fernsprecher könnte man das gegebenfalls einen Telefonjoker anrufen, um es zu erfahren.

In die Nederluleå Kyrka geht’s nur parfümfrei – darum bittet ein Schild am Eingang– kurz bevor der Weihrauchgeruch mit dem Hammer zuschlägt und man zwangsläufig vor dem beeindruckenden Altar auf die Knie gehen muss.

Gammelstad – UNESCO-Weltkulturerbe und unser 187. heiliger Ort.

Eigentlich wollten wir heute nicht mehr weit und fahren daher den Stellplatz an der Marina von Luleå an, zehn Kilometer von Gammelstad entfernt, direkt an der Ostsee.
Vorbei am Springbrunnen, einem Rostball und einem Regenbogenschaufenster staunen wir nicht schlecht: über dieses Luleå, das mit seinen 45000 Einwohnern einen auf letzte „Metropole“ kurz vor Finnland macht.

Das erste Mal seit sehr, sehr langem sollen die Globetrottels heute allerdings kein Marinaglück haben: der Stellplatz ist bis auf den letzten Platz belegt. Und natürlich ist das gut so, denn die Umgebung stellt sich als nicht sonderlich pittoresk heraus.
Zeit für eine spontane Recherche, die uns sechzig Kilometer weiter gen Norden führt.

In Rörbäck liegt angeblich Schwedens nördlichster Campingplatz mit Ostseezugang. Neun Kilometer abseits der Hauptstraße, auf der ein Wackerer bei 24 Grad Langlaufskifahren übt, rappeln wir müde an und landen mittendrin: im pulsierenden Sommerferienparadies Nordschwedens.

Vorbei an Ladies im Bikini, Männern in Shorts und Flipflops, vorbei an eisschleckenden Kleinkindern mit Schwimmreifen um den Bauch kämpfen wir uns zum Rezeptionskiosk vor. Sehr nette Menschen am Tresen, die sehr traurig schauen: „We are so sorry, fully booked!“ Aber: Ihr kommt mir so bekannt vor. Das ist immer ein gutes Zeichen.

Möglicherweise ist es die Begegnung in einem früheren Leben, die uns –trotz des Andrangs– Herz und Tür öffnet?! Möglicherweise ist es auch das Erwägen, dass wir ja eigentlich nur ein Auto mit einem Dachzelt sind. Schlussendlich dürfen wir bleiben: auf dem Zeltplatz, unter Bäumen, mit Blick aufs Meer. Weit, weit weg von den großen Wohnmobilen, die in Reihe und Glied gepfercht am anderen Ende stehen.

Ich werfe mir ein Sommerkleid über und setze mich in den weichen Sand. Keine Wolke am Himmel, die Sonne strahlt noch immer, die Ostsee spült warm und seicht.
Ich klappe den Computer auf und schreibe: „Der Abend endet anders als gedacht….“
Genauso wie dieser Tag. Genauso wie dieser Text, dessen letzter Satz sein soll:
… und jetzt geh ich schwimmen.