Geliebtes Vålådalen, mit ein wenig Wehmut verlassen wir Dich. Deine Wälder, die so mystisch sind ohne dabei gruselig zu sein. Dein mächtiger Fluss Vålån, der so viel Kraft ausstrahlt ohne zu beängstigen. Freundliche Wesen in den Blaubeerbüschen, die dieses Mal glitzerten vor Regentropfen. Ein guter Ort zu sein, wenn man traurig ist – und genauso, wenn glücklich.
Mit deutlich leichterem Herzen als gestern rollen wir um zehn über die einsame Zugangsstraße zurück in Richtung Trondheimsleden. Über die einzige Straße, eine Sackgasse.
Statt Richtung Trondheim links herum abzubiegen, blinken wir rechts: Direktion Östersund. Mit ihren 50000 Einwohnern wird sie die letzte größere Stadt für uns sein. Für sehr, sehr lange. Also decken wir uns ein letztes Mal richtig groß ein.
Bei Lundhags organisieren wir drei Gaskartuschen, bei OK Q 8 sechzig Liter Diesel, bei Mekonomen zehn Liter Magicbusöl.

Im ICA Maxi kommen Walmartgefühle hoch: auf dem Monsterparkplatz stehen die WoMo-Sparfüchse, die 150.000 Euro fürs Auto hinblättern, nachts aber kostenlos schlafen wollen. Seltsame Endzeitmobile in den kleineren Parklücken und ein Hundezwinger für die Kunden. Wir schnappen uns den (kleinen) Einkaufswagen und packen ihn in endlos langen Gängen randvoll mit Leckrigkeiten. Leider passt das Regenbogenmarzipan nicht mehr rein, ansonsten aber finden wir alles, was das Globetrottelsherz begehrt.
Beim Ausparken dann Brotstress. Brotstress –eine Nebenwirkung vom hungrig Einkaufen—entsteht dann, wenn auf dem Parkplatz sofort mit dem Anfuttern der Beute begonnen werden muss, man gleichzeitig aber vom Partner ermuntert wird, doch bitte das Navi zu bedienen. Krümel in den Mundwinkeln, unkontrollierter Speichelfluss, bärengroßer Hunger.
Suche: Strand. Strand?! Natürlich funktioniert das so nicht.
Erst Kauen und Schlucken und einen eiligen Skifahrer auf dem Trockenen vorbeirauschen lassen. Jetzt sollte es gehen.
Suche: Vildmarksvägen.
Auf dem Breitengrad 63,2 biegen wir nach Norden ab, nördlicher denn je.
Der nördlichste Punkt all unserer Reisen war im August letzten Jahres erreicht. In Tok, Alaska, als der Magicbus versucht hat, mit Gewalt den Dieselrüssel der dortigen Tankstelle zu fressen. Tatort: Breitengrad 63,19.
Ein bisschen unglaublich ist das schon. Vor allem, da wir jetzt noch sehr viel weiter hoch wollen.
Bis Strömsund sind es einhundert Kilometer geradeaus in vielen Blümchenkurven. Strahlendes Pink, endlos am Straßenrand, die Bilder davon enttäuschend blass. Als wollte der Film eigenmächtig unrealistische Farbgebungen herausfiltern. Ein Realist, der lügt.
Wenig los auf den Straßen, nur der Magicbus hat natürlich jemanden im Schlepptau. Den gesamten Weg ziehen wir ein ADAC-LKW hinter uns her. So einer, der die liegengebliebenen Wohnmobilleichen aus dem hohen Norden im Kollektiv einsammelt und in Stücken wieder nach Hause zurück in den Heimathafen bringt.

Chouchou meint, es sei ein bisschen so, als hätte man den Sensenmann im Nacken, ich hingegen empfinde es als äußerst beruhigenden Service – nur für den Notfall.
Strömsund kommt um eins in Sicht und ist schnell durchfahren. Ein Haus mit ICA-Werbung auf dem Dach, eine Elchstatue, ein Einfahrtsschild auf den sagenumwobenen Wildnisweg, der unser heutiges Ziel sein soll: der Einstieg des Vildmarkvägens.
Einen schönen Platz für die Nacht zu finden braucht heute vier Anläufe. Wobei es auch zwei getan hätten, das doppelte sich schlussendlich aber als dreifach so schön herausstellt.
Der erste Platz ist für den Magicbus auf Grund der schlammigen, holperigen Zufahrt bei aller Liebe und allem Treten nicht machbar (es sei denn der ADAC wartet mit uns am Stellplatz). Also weiter auf guter Straße.

Der zweite wäre schön gewesen, wird aber vom einem deutschen „out of age-bushcrafter“ bewacht und liegt nahe der Straße. Der dritte hat keine Pitstoilette, aber der vierte…der hat alles.
Auf dem Naturcamping Gubbhögen parken direkt am See Flåsjön ein, Reihe 1 (weil es Reihe 0,5 ja nicht gibt – sonst wäre es die). Bei strahlendem Sonnenschein, 19 Grad, drei Meter vom Bootssteg entfernt und mit eigener Feuerstelle.
Das Wasser des Sees ist trinkbar, weiß die Infotafel und die Haut merkt sofort: Mücken gibt es keine einzige. Ein absoluter Traumplatz, deren Bezahlung auf vertrauensvoller Spendenbasis läuft.
Was heute noch folgt ist ganz viel Glückseligkeit:
Essen im Sonnenschein, sitzen auf dem Steg, gänzlich autanfrei. Und hinten im Kofferraum hören wir es rappeln: Das Bøøt. Es will raus! Es könnte keinen besseren Ort dafür geben…












