Wie sehr man sich doch täuschen kann, wenn man dem ersten Eindruck immer Glauben schenkt. Unser Abend an der Marina soll sich vollkommen anders entwickeln als erwartet.
Die vermeidlich knurrigen Wohnmobilisten –allesamt Einheimische—packen um acht die Gitarre aus und die Stimmung verzaubert sich. Johnny Cash-Songs wabern mit norwegischem Akzent über das stille Fjordwasser, man beginnt zu tanzen: mit einem Fußwippen – einheitlich.
Irgendwann gesellen wir uns einfach dazu (in Schlafklamotten und mit Decken um die Schultern) und sind plötzlich herzlich willkommen, mittenmang in einer Nordfeier, die einem regenfreien Sommertag gilt.

Ob wir Waffeln wollen oder Kaffee? „Bitte nehmen Sie Platz.“ Auf Plastikstühlen wippen unsere Füße nun mit im norwegischen Rhythmus.
„Get rhythm, when you get the blues…“ Vielleicht ist es manchmal ganz einfach?! Einfach hingehen… zu den Anderen. Und das fremdeln hört auf…

Im prallen Sonnenschein beginnen wir den heutigen Tag. Kaffeetrinken auf dem Bänkchen am Hafen, eine reine Mädchengang Enten leistet uns schnatternd Gesellschaft. Als unsere Nachbarn (Regenschirm und Wein) erwachen, empfehlen sie uns dringend zu bleiben: dieser Tag ist doch so wunderschön und wir alle stehen hier so nett beieinander. Wie schade, wir wollen weiter. Aber alle unsere neuen Freunde winken uns Adieu. Der gesamte Platz.

Mit Sommergefühlen fliegen wir vorbei an Seen und letzten Fjorden, dann hat uns die Bergwelt wieder. Irgendwo habe ich gelesen, dass über 80% der Norwegin*innen am Wasser leben. Wenn man durch die Mitte dieses Landes gondelt, lässt sich das unüberprüft so glauben: jenseits der Fjorde ist´s –außer ein paar Höfen und einer Kapelle– menschenleer. Zwischen Orkland und Orkanger.

Erstmalig fährt heute unser neues Teammitglied vorne mit. Für Spillopp ist dies alles Neuland. Neugierig schaut er in alle Richtungen. Mal starrt er Chouchou an, mal mich – ohne, dass einer von uns beiden ihn bewegt hätte. Man kann es sich nicht ausdenken, so trollig ist das –in einer Welt des magischen Realismus´, in der alles beseelt ist. Wie in der Globetrottelswelt, zum Beispiel.

Auf der Mautstraße geht’s in Richtung Trondheim. Die App zum Zahlen haben wir bereits, denn seit gestern sind wir etwas schlauer. Und wir wissen mittlerweile sogar, was uns die Fähren gekostet haben. Ferry-NO hat zackig und problemlos abgebucht: sechs bis neun Euro pro Bootsfahrt. Will sagen: Faire Fähre.

Trondheim.
Chouchou behauptet schon einmal hier gewesen zu sein: angereist über eine Schotterpiste. Es gab damals nur sehr wenige bunte Häuschen. So ist das wohl, wenn Methusalem reist. Damals, vor 970 Jahren, in der Hochzeit der Wikinger: Chouchou im tiefen Schnee auf einem Rentier reitend, das Peter auf einem Schlitten hinter sich her in die Stadt zog.
Die Kirche, die gab´s damals auch noch nicht. Ist klar, Chouchou. Denn die erste Steinsetzung für den Nidarosdom erfolgte erst 1090.

Der Nidrarosdom ist unser Heiliger Ort Nr 186. Pfarrer Engels scheint nicht ganz genau zu wissen, warum er ihn in seine 1000-Heilige-Orte-Liste mit aufgenommen hat, behauptet Chouchou. Der Schrein des Heiligen Olavs könnte ein guter Grund sein. Olav, Norwegens heiligster Heiliger, der sich als ehemaliger Wikinger taufen ließ und die Christianisierung im Land vorangetrieben hat. Damals, als Chouchou das erste Mal hier gewesen ist.

Am eigenen Leibe können wir die Heiligkeit des Ortes heute nicht erfahren. Der Dom ist wegen eines Begräbnisses nicht zugänglich, aber immerhin bimmelt die Glocke einmal nett für uns, als wir die Kirche umrunden. Das ist ja auch etwas. Auf dem Dach sitzt derweil ein menschlicher Gargoyle und isst in luftiger Höhe sein Mittags-Bütterken.

Entlang der sehr wenigen, bunten Häuschen der Stadt und dem Kunstmuseum verlassen wir die Metropole auch schon wieder.

Zwei Abzweige und schon sind wir auf der lieblichen E14, die uns die letzten 140 Kilometer des Tages nur noch geradeaus führt. Meist am Fluss entlang durch leuchtend, grünes Land und wieder über eine „Riksgrense“ – die norwegisch-schwedische.

In Vålådalen werden wir heute Nacht bleiben. Ein Ort, der uns gut bekannt ist – 2021 war er der nördlichste Punkt unserer Schwedenreise. In diesen Wäldern haben wir damals Brutus getroffen. In diesen Wäldern haben wir uns in den Norden verliebt. Seither steht Vålådalen fest in der Liste meiner Wetterapp und ich checke regelmäßig die Temperaturen– so wie bei allen Orten der Welt, die mich besonders berührt haben.
Heute: Vålådalen, Sonne, 15 Grad.

Auf dem uns bekannten Platz Vålågarden parken wir mit Blick auf leuchtend pinke Weidenröschen ein. Zum Kaffee gibt es Toscabulle – ein schwedisches Hefe-Mandelgebäck, das einem die Schuhe auszieht, zum Abendessen Grünkohl. Dinge, nach denen der Körper im Sommer halt zu schreit…

Vielleicht werden wir später noch zum wilden Fluss runterlaufen und den Stromschnellen zuhören. Wie damals 2021. Vielleicht erzählen sie uns, wie es ihnen ergangen ist: in den Jahren, in denen wir nicht hier gewesen sind. Und ob sie Brutus vermissen.
In einer Welt des magischen Realismus´, in der alles beseelt ist, wäre das durchaus möglich. Warum auch nicht?
Man muss sich nur dafür entscheiden…