Natürlich konnten wir uns nicht gedulden. Natürlich mussten wir gestern Abend schon auf den Berg vor unserer Haustür. Das Versprechen war einfach zu verlockend: Wer abends geht, der sieht sie besser: die Papageientaucher von Runde.
Zweihundert Höhenmeter geht es steil bergauf, an den Schafen vorbei, durch den Nebel ins Marschland. Dank freundlich-neuer Trittsteine verliert man den Weg nur selten: eine Schutzmaßnahme, damit die Norweger nicht täglich im Dunst verschollene Vogelfreunde von den Klippen picken müssen. Oder von darunter.

Obwohl es bereits neun Uhr ist, ist der Felsen noch immer gut besucht. Mit ungeeignetem Schuhwerk kraxeln wir an den Klippen entlang, im Rücken ornithologischer Enthusiasten, die ihre Poolposition nur ungern aufgeben. In erster Reihe ein handfester Ehestreit: Er, der Döspaddel, hat die Kamera nicht scharf gestellt und wird von ihr mit zischenden ASMR-Lauten vor allen Leuten flüsternd gerügt. Die Vögel interessiert das nur wenig. Nur mich stört das wütende Klicken der unscharfen Highendkamera, die die entrüstete Ehefrau trotzdem wie eine Waffe auf die Puffins hält. Nicht einen Millimeter zur Seite rückend, den Vogel aus zwanzig Zentimetern mit einem Monsterobjektiv abschießend.

Die lustigen Papageientaucher gehören zu den Regenpfeifferartigen. Ausgestattet mit den schönsten Schnäbeln der Welt wirken sie wie eine Kreuzung aus Papagei und Pinguin, mit der Start- und Landeleganz eines Albatrosses.

Die gefährdeten Vögelchen leben an diesem Felsen zusammen in monogamen Saisonehen und wenn man sie länger beobachtet, ist es vollkommen logisch, dass sie die einzigen Vögel der Welt sind, die Werkzeuge aus reinen Wellnesszwecken benutzen. Mit Stöckchen den Rücken kratzen tun in der Vogelwelt nur die Puffins.

Nach einem beseelten Schlummer erwachen wir auf unserem letzten, rundischen Campingplatzeckchen, das über Nacht die Charme eines Schrottplatzes nicht verloren hat.
Eines aber bleibt der unübertroffene Luxus der Welt: Mit Möwen und Meeresrauschen im Ohr einzuschlafen, wieder aufzuwachen und so lange still liegenbleiben zu dürfen, wie man zuhören will.
Selbstbestimmte Zeit im Angesicht mit dem europäischen Nordmeer.

Nach einem opulenten Frühstück machen wir uns auf den Weg zu einem Klippenspaziergang. Mit besserem Schuhwerk, Gott sei Dank. Denn mal wieder schliddern wir mitten hinein in ein Abenteuer, das so nicht geplant war.

Dass es nebelig sein würde, wussten wir. Dass wir oben auf den Klippen, an den Steilhängen, die komplette Sicht verlieren sollen, war aus dem Tal so nicht zu ahnen.

Mit teilweise nur zehn Metern Sicht wehen uns die Böen nach wahlweise nach vorne, hinten oder zur Seite. Einsames Marschland im Wind. Traumschemenhaft – wie in einer Zwischenwelt, in welcher Felsen Gesichter haben.
Willkommen in Walhalla.

Einmal verlieren wir den Weg –die freundlich-neuen Trittsteine liegen lange hinter uns, die Wegweiser ein Rätsel.

Ein guter Moment über sein Vertrauen in die Götter zu meditieren: Möge dieser Weg bitte nicht direkt an den Hang der Steilklippe führen. Mögen die Böen uns in die richtige Richtung stoßen. Schritt für Schritt den Dunst anbetend, wallender Nebel aber antwortet leider nicht.

Schlussendlich laufen wir zwölftausendfünfhundertachtunddreißig Schritte mitten durch Walhalla. 7,8 Kilometer verloren im Dunst, zu zweit in einer Zwischenwelt des Übergangs, die nordischen Götter anrufend: sie aber bleiben für die Ohren still. Die Winde aber schieben sie – in unsere sichere Richtung, weg von den Klippen, heil zurück zum Magicbus.

Ob es das wirklich gibt? Windschiebende Nordgötter?
Wer weiß es schon.
Auf jeden Fall fühlt es sich im Auge des Sturms recht seelenfreundlich an, ein „Hvorfor ikke?“ nicht auszuschließen:
Ein großes, vertrauenvolles „Warum nicht“? im nebeligen Wikingerland…