Am Morgen glauben wir noch, dass wir mit einem sehr großen Boot weiterfahren werden. Die Fähren, die aus dem Fjord hinaus in tausend weitere Fjorde tragen sind alles andere als klein. Wir haben sie die letzten Tage bereits beobachtet, wie sie mit ihrem geöffneten Mäulchen geirangerische Autos am Steg verschluckten und hinfort in die weite Welt trugen. Als Neunautiker rechnen wir in „Das Bøøt- Einheiten“. Die Fähren hier sind entsprechend mindestens 1111mal das Bøøt-groß.

Wenn wir im gestrigen Hochsommer die Fähren noch für groß hielten, werden wir heute –beim zweiten Kaffee im Frühherbst– eines Besseren belehrt.
Ein Koloss schiebt sich plötzlich ums Bergeck bei Homlong.
Stillschweigend und ohne Wellen zu schlagen drückt sich ein Monstrum durch den Fjord; nur möglich, da es im Geiranger einen Tiefgang von 270 Metern hat. So kann selbst die Aida Perla mit ihren 3286 Passagieren kurz vor Hafen bei Ebbe anlegen.
Beim Campabbau haben nicht nur wir viel zu staunen. Ganz Geiranger schaut zu, während die Aida mit einer Seelenruhe landet.

Zur Fähre sind es für den Magicbus 500 Meter, warten auf Lane 1. Wir beobachten, wie der Landungssteg für den perligen Tagesgast ausgefahren wird. Wie sich das Monstrum human in den Ort erbricht, sehen wir leider nicht mehr. Unsere Fähre tutet und legt vorher ab.

Im Dunst segeln wir aus Geiranger hinaus. Der Kahn: altbacken wie in einem Piratenheftchen, mit uns sind vor allem lustige Koreaner an Bord, die YumYum-Nudeln löffeln und sich von der Szenerie lauthals begeistern lassen.
Im Kajütenshop gibt’s Elch-, Rentier- und Walsalami zu kaufen, wir flüchten uns schnell auf Deck.

Unser Tageshighlight empfängt uns bereits zwei Fjordkurven weiter:
die Sieben Schwestern, die sich im Nebel –melancholisch wie unaufhörliche Tränen—aus dem Berg ergießen: ein Fjordhang, der weint, aus zweihundertfünfzig Metern Höhe. Ihm gegenüber der Freier-Wasserfall.

Die Sage besagt, dass der Freier (Fall) jede der gegenüberliegenden Schwestern (Fälle) heiraten wollte. Alle sieben aber wiesen ihn ab. Aus Gram wurde Freier Alkoholiker, sein Wasser fiel hinab in Form einer Flasche. Armer, zurückgewiesener Kerl.
Hält sich die Regenmenge (oder Schneeschmelze) in Grenzen, zeigen sich nicht alle der sieben Mädels, wir aber haben mal wieder Wetterglück und können auf Auge nachzählen: einszwodreivierfünfsechssieben. Alle da!

Am Rande der Wasserfälle, in schwindelnder Höhe, steht der verlassene Berghof Knivsflå – einst der ertragreichste Hof des Geirangerfjords. Auf Grund von Steinschlaggefahr wurde er 1898 verlassen, bis heute ist jedoch kein einziger gekullert.

Die Fähre trägt uns bis ins sonnige Hellesylt: wir tanken unsere heutigen zehn Minuten Sonne ein und entschwinden über die Berge.

Durch diesige Bergwelten geht’s bis Volda, wo wir das Unmögliche versuchen: günstig einkaufen in Norwegen. Denn nicht nur landschaftlich schlägt dieses Land dem Fass den Boden aus, auch die Preise haben sich ziemlich frisch gewaschen. Das angeblich einzige günstigere Produkt im Vergleich zu Deutschland soll Fisch sein, wir sparen also nirgends. Preislich gesehen kann sich Norge fröhlich die Kronenhand mit dem Frankenhändli unserer südlichen Nachbarn schütteln.
Norwegen, die „dyr skjønnhet“: die teure Schönheit.

Mit vollen Taschen und deutlich leerem Portemonnaie geht’s weiter, nicht mehr weit. Nur einmal noch müssen wir durch einen der tiefsten Straßentunnel der Welt: den Eiksundtunnel.
Der Eiksundtunnel liegt 287 Meter unter der Erde. Bis 2019 war er der tiefste Straßentunnel der Welt, bis zu dem Zeitpunkt, da jemand woanders noch weitere fünf Meter tiefer buddelte und den Minusrekord aufhob. Uns reichen die 287 Meter unter Null vollkommen.

Knappe 4 Kilometer geht’s bergab –ausreichend Zeit sich vorzustellen, wieviel Wasser das über einem bedeutet—und knappe 4 Kilometer mit einer Steigung von fast 10% wieder bergauf. Der Magicbus ackert ordentlich beim wieder Hochschrauben in Richtung Erdoberfläche: 30km/h im zweiten Gang, wo 80 erlaubt sind. Ausreichend Zeit sich vorstellen, wie hier ein Auffahrunfall im Dunklen aussehen könnte.

Auf der Insel Runde ist heute für uns Schluss: im Auge des Sturms der Ornithologen.

Bekannt für seinen Vogelfelsen hat´s hier wenig außer Meer. Wir Vögelchen aber kommen gerade deshalb: um andere Vögel zu gucken.

Leider hat´s auf diesem winzigen Eiland mit seiner Einspurkstraße kaum Möglichkeiten zu übernachten. Es gibt lediglich einen Campingplatz, der pickepackevoll ist. Am Tresen arbeitete –Gott sei dank—ein gnädiger Spaßvogel, der sich mit Aquavit bestechen lässt. Er quetscht uns ins allerletzte freie Eckchen. Schräg, aber mit Meerblick.

Morgen gehen wir also schräge Vögelchen schauen. Und vielleicht den Rest des Schatzes heben, der angeblich noch vor der Küste liegt.
Die 1725 gesunkene Akerendam hatte 230000 Dukaten à 3,5g Gold geladen haben, von denen in den 70ern lediglich 57000 Münzen geborgen wurden. Vor unserer Küste liegen demnach noch satte 600 Kilogramm Gold. Bei einem Kilomarktwert von 70000 Euro sprechen wir von 42 Millionen Euro – abgerundet.
Es ist wohl an der Zeit, die Taucherbrille rauszuholen. Die runde.