Beim zu Bett gehen wünschen sie uns eine süße Nacht, indem sie noch einmal eine Runde übers Camp galoppieren, nachdem sie Chouchous Nähkünste bestaunt haben: eine weitere Bande Rentiere.

In der Nacht hören wir ein leises Klingeln: das Rentierglöckchen.
Die meisten Rentiere in dieser Gegend –so lernen wir—sind nicht gänzlich wild. Zwar streifen sie unbeaufsichtigt durch die Wälder, gehören aber zu einer Zucht der Samen, der südlichsten der Erde. Damit man die unbeholfenen Sprinter wiederfindet, trägt der Leithirsch Glöckchen. Es ist das gleiche, das Weihnachten einläutet.
Außer klingeln nix gewesen, schliefen wir wie Adventsengelchen in dieser Nacht.

Am Morgen –der erste Kaffee ist bereits getankt—wackelt es sich mit halboffenen Äuglein selig ins Bad. Puttenartig verschlafene Augen, denen man für einen Moment nicht ganz trauen mag: die Rentiere sind noch immer da!
Schnarchend liegen sie in der Wiese neben dem Camp. Ein Bild, das sich tief ins Herz einbrennt. Eines der friedlichsten, das ich jemals in meinem Leben gesehen habe: zwanzig schlafende Rentiere im Gras.

Fast zeitgleich brechen wir alle auf. Allerdings sind die Rens einen klitzekleinen Moment früher abreisebereit als wir (wohl weil sie nicht mehr die Zähne putzen mussten!?) und blockieren erstmal unsere Fahrbahn.
Ein lohnenswerter Grund, um einen Hauch länger in Schweden zu bleiben. Wir rollen gemächlich erst nach elf aus diesem Zauberland hinaus, hinein ins nächste: Hei Norge! Hallo Norwegen.

Norwegen. Gilt –neben der Schweiz—als das höchst entwickelteste Land der Erde und laut der Zeitschrift „The Economist“ als demokratischster Staat der Welt mit einem der großzügigsten Sozialsysteme weltweit.
Europaweit ist es das dünn besiedelteste Land, 50% der Gesamtfläche fallen auf Gebirge, Hochebene oder Moor, 37,4% auf Wald, 7% auf Süßgewässer oder Gletscher. Da bleibt nicht mehr allzu viel Platz für Urbanisierung. Sehr schön.
Die Gesamtküstenlinie hat eine Länge von insgesamt 100.000km. Wollte man die abfahren, wäre man zweieinhalb mal um den Äquator gedüst.
Wir beide sind noch nie hier gewesen; wir beide sind sehr, sehr gespannt, was uns hier; in Norge oder Noreg oder (samisch) Norga, Nöörje oder Vuodna erwartet.

Das Erste, das wir sehen ist Sonne. Sonne, die uns den Großteil des Tages nicht mehr verlässt. Wir sehen Wald und Berge – auch die werden uns heute treu bleiben.

Der Magicbus kämpft sich tapfer auf 1100 Meter hoch, tiefer geht’s für ihn und uns heute nicht mehr. Ein Kirchlein am Wegesrand, ein Zwerg, die größte Spitzhacke der Menschheit, Skiabsprungschanze, mehrere kleine Siedlungen.

Auf den ersten Blick wirkt dieses östliche Mittelnorwegen tatsächlich „voller“ als der schwedischen Mittelwesten – wobei das eigentlich nicht sein kann.

Wir gleiten am ersten Ort vorbei: Røros.

Laut UNESCO stehen in dieser ehemaligen Kupfererzstadt massenweise denkmalgeschützte Häuser. Einen denkmalgeschützten Parkplatz finden wir auf Anhieb nicht, der Touristenrummel ist dafür unübersehbar. Nach einem flotten Drivebyshot der durchaus hübsch anzusehenden Kirche drehen wir also ab. Weiter geht’s in den Dovrefjellnationalpark.

Angeblich sollen hier –auf dem Dovrefjell– ein paar von Brutus´ freien Brüdern und Schwestern leben. Sagt man.
Angeblich sähe man diese am besten, von einem gut zu Fuß erreichbaren Aussichtspunkt. Wird behauptet.
Ein Ort, der anscheinend alle Moschusochsenfans der Welt anzieht. Das zumindest ist keine Legende: der Parkplatz ist voll bis oben hin, ein Reisebus sucht soeben noch ein freies Plätzchen.

Über einen ausgetretenen, 2 Kilometer langen Pfad geht es mit allen anderen Moschusfreund*innen steil bergauf bis zu einer verglasten Hütte. Die braucht es auch dringend, da es auf der Hochfläche an allen Ecken zieht.

Wir kuscheln uns zwischen die anderen Touristen und starren angestrengt in die Weite: ein durchaus wunderschöner Ausblick über das Hochland. Allerdings ganz ohne Moschusochsen in jedweder Sichtweite.

Unser erstes norwegisches Camp liegt am Pilgerweg. Wie passend.

Ein knurriger Nordmensch checkt uns ein, ohne die Nase zu rümpfen, als wir die vier Minuten – Dusche für zehn Kronen ablehnen. Hinstellen könnten wir uns, wo immer wir Platz fänden, brummt er. Warum auch immer alle anderen Vans an der Straße stehen?! Wir finden ein Plätzchen für uns direkt am lieblichen Bergfluss.

Thermacell an, die Haut satt eingesprüht mit Spukis Zauberspray aus Costa Rica kann der Abend kommen.
Zwischen Bachplätschern und Sonnenschein drehen die Mücken nun gnadenlos ab gen die Berggipfel.
Auf der verzweifelten Suche nach den ominösen Moschusochsen des Dovrefjells. Da diese zweifelsohne milder riechen als ein schwer eingedieselter Globetrottel.