Laut Wetterbericht sollen die Dünen Oregons heute in strahlendem Sonnenschein liegen. Der klaren Nacht nach zu urteilen, würde das durchaus Sinn machen. Doch das Wetter richtet sich nicht immer nach der Sinnhaftigkeit. Oder der Ansage der Iphone-Wetter-App.

Statt strahlendem Sonnenschein herrscht Nebel. Den gesamten Tag. Mystischer Nebel … über Dünen, Meer, Steinen und Wald. Ein Nebel, den es eigentlich nicht geben dürfte. Was für ein wunderbares Sinnbild…

Gegen Mittag verlassen wir den Honigmann:* For goodbye so long,* Du Bienenvogel, the road calls again. Highway 101.
Mal wieder geht es vorbei an herrlicher Natur, an DriveInn-Kaffeebüdchen, an Marschland, Dünen und einer Galerie in einem Totort kurz vor Reedsport, die einer allseits präsenten Bedrohung ein Namensdenkmal gesetzt hat: Welcome to the TsunamiGallery.

Auch über dem Umpqua River Lighthouse liegt fließender Nebel wie weiche, fluoreszierende Butter. Ein Witzbold hat diesen Ort zum Walaussichtspunkt erkoren. Und Ferngläser, die auf dunstige Dünen blicken. Immerhin lernen wir, dass uns gestern ein sachlicher Fehler unterlaufen ist: Die vermeidlichen Buckelwale waren gar keine. Vor der oregonischen Küste schwimmen Grauwale – kleiner als Buckelwale und sehr viel träger. Quod erat demonstrandum.
Gut zu erkennen sind sie an ihrer Auf- und Abtauchtechnik. Jetzt sehen wir es auch. Gut, dass der Witzbold ein Infoblatt aufgehängt hat.

North Bend und Coos Bay – beides Gebrauchsstädte. Fliegende Händler verkaufen Kratom, ein Blatt das psychoaktive Substanzen enthält. Wie sonderbar, dass das hier erlaubt ist. Noch nicht zu Ende gewundert sind wir auch schon in Bandon.

Bandon, ein niedliches Örtchen mit einem guten Geist und sehr vielen touristischen, bunten Lädchen. Wir aber kommen wegen der Felsformationen von denen Tom, unserer Müslicampnachbar aus dem Pumacamp uns erzählt hat. Wir sehen sie bereits vom Parkplatz auf der Klippe.

Vorbei an einem Müllpuffin, steigen wir im Dunst die Treppen zum Strand hinab. Ebbe.
Mit uns sind Menschen mit Eimerchen da. Menschen, die auf den Boden starren. Menschen, die anscheinend wenig Interesse für die mystischen Felsen vor die Küste haben, die meisten am ehesten nur zu ahnen.
Irgendwann kann ich meine Neugier nicht mehr zügeln und muss fragen: „Entschuldigung. Was bitte sammeln Sie da?“ Muscheln werden es hoffentlich nicht sein, denn vor denen wird auf großen Schildern gewarnt: Careful toxic!
„Agats“, sagt der bemützte, ältere Herr aus Utah. „Ein Rentnerhobby, damit man etwas zu tun hat“, sagt die kniende Lady aus Colorado. Agats? Google findet leider keine aufhellende Übersetzung , es sei denn, man würde etwas mit „Agate“ anfangen können. Die Agate, die ich kenne, passt auf jeden Fall in kein Eimerchen.

Es braucht Hände, Füße und Eimerchendemonstration bis wir zwei Begriffsstutzigen endlich verstehen: die Menschen suchen nach Achat. Netterweise erklärt die kniende Lady uns auch, woran wir die erkennen können. Am „shining through“. Ab jetzt suchen wir fiebrig mit.

Ein Seehund in der Brandung, zwei auf Felsen, ein Alienartiges und ein Steingrauwal im Sand später sind meine Taschen zum Bersten voll.

Stolz wie Oskar erkenne ich erst sehr viel später, dass 98% der vermuteten Schätze ganz und gar nicht „shining through“ sind. Aber für den Moment hat es sich gelohnt: der Glaube, eines der erfolgreichsten Achat-Trüffelschweine der Welt zu sein. Und wer weiß: vielleicht sind fünf ja wirklich echt!? Durchscheinend sind sie – zumindest.

Noch immer herrscht Schwanzpuckelwetter: Wetterlage „Nebel, wenn Sonne angesagt ist. Aber lau und ohne Sprüh“. Heißt für uns seit heute so – einfach so.

„Und wie ist das Wetter heute bei Euch?“
„Ach, Schwanzpuckelwetter halt. Eigentlich ganz schön.“ Und dann passiert uns das, was nur in unseren kühnsten Alpträumen passieren sollte: hinter uns geht eine Sirene an.
Anhalten, Polizei. In Amiland.

Chouchou hat ein Stoppschild überfahren und der einzige Cop in ganz Bandon hat es gesehen. Wir halten unter einer discoesken Mischung aus Blau- und Rotlicht. „Chouchou, lass bloß die Hände am Lenkrad, sonst schießen die!“ Zwei angstverschwitzte Globetrottels hinterm Steuer, reuig und so lieb wie geht. „This conversation will be recorded!“

Natürlich wird mal wieder alles gut. Mit eingezogenen Köpfen und unter endlosen Beileidsbekundungen: „Sorry Sheriff, we messed that up.“ lässt uns der schwer bewaffnete Staatsdiener eher gelangweilt ohne Strafe ziehen. Kein Loch im Kopf, aber Buxe voll, fahren die Globetrottels noch langsamer als je zuvor weiter. Und halten an jedem Stoppschild in Bandon fast fünf Minuten lang. Weil sicher sicher ist.

Trotz der Verzögerung durch achtzehn Stoppschilder erreichen wir die heutige (und wegen Wochenende gestern extra vorgebuchte) Nachtheimat für unsere Verhältnisse recht früh: Bullard Beach. Eine bestens gelaunte Rangerin sitzt am Empfang und knallt uns–einfach weil sie es kann—erstmal ein Upgrade um die Ohren: Ihr werdet schon sehen, der Platz ist viel besser. (Fürs Phantom: B28) Und möglicherweise weil wir noch immer so mitgenommen aussehen von unserer Beinah-suicide by cop-Nummer, fügt sie lächelnd hinzu: Wilde Tiere seien nicht „around“, da bräuchten wir uns keine Sorgen zu machen. Nur ein paar Waschbären trieben auf dem Platz ihr Wesen. Die dicken Truthähne im Hintergrund lachen gurgeln (so lange noch nicht Thanksgiving ist) und monströse Nacktschnecken verziehen sich –mit etwas Hilfe– kommentarlos in Unterholz. Beides Geschöpfe, die der liebe Gott geschaffen hat, weil irgendwer ja mit Charakter, denn mit seinem Äußeren glänzen muss. Globetrottelsstyle und willkommen in Bullard Beach.

Heute werden wir endlich mal wieder ein Feuerchen machen.
Ein Feuerchen für Seehunde, ein Feuerchen für Achats.
Ein Feuerchen für Truthähne (nein, ihr werdet nicht gegrillt), ein Feuerchen für monströse Nacktschnecken (vous non plus) und eines für die Globetrottels.
Und das alles bei allerschönstem Schwanzpuckelwetter.