Aus unserem großspurig angekündigten Feuerchen wurde nichts. Die Globetrottels als schlechteste Firestarter der Welt mit jeder Menge feuchtem Montagsholz: es war ein Fiasko. Nach fünf kläglich angekokelten Scheiten haben wir aufgegeben. Vollkommen angesickt. Dann gucken wir eben Tatort. Was Paare im achten Ehejahr eben so tun an einem Samstag: den Sonntag vorziehen.
Der Sonntag Morgen begrüßt uns mit Sonnenschein. Noch vor dem Frühstück geht es zum Strand – eineinhalb Kilometer durch weichen Sand und Pinienartige. Frühsport ungeplant und unerwartet anstrengend. Auf dem einzigen soliden Wegstück – dem Sanderlösungssteg—sitzen Meditierende, sehr wahrscheinlich aus reiner Bosheit: Stegklau in meilenweiter Sandodyssee.
Immerhin empfängt uns der Pazifik in glasklarem Blau. Das letzte Mal am heutigen Tag: tiefes Blau. Denn Nebel beginnt bereits jetzt aufzuziehen.
Um elf verlassen wir den Bullard Beach: die vermeidlichen Kanadier reisen weiter. Zumindest verabschiedet uns die Dame am Müll als solche, weil sie das Nummernschuld nicht zuordnen kann. Es kann nur Kanada sein. Oder Mexiko.
An den Straßenrändern hinter Bandon – achtzehn Mal echtes Stopp!– wird im Restsonnenschein Glasgeblasenes angeboten. Und plötzlich werden Kindheitserinnerungen wach:
Vor mehr als 35 Jahren bot mir ein Einäugiger auf unserem Grundschulhof –sehr wahrscheinlich hinter einer dicken Eiche versteckt—ein blau-gelbes Minivögelchen in einem Samtbeutel an. So zart und wunderbar (Vögelchen und Beutel), dass ich sofort schockverliebt gewesen bin. „Nur drei Mark für dich,“ sagte der Zwielichtige – bei einem Taschengeld von 50 Pfennig pro Woche recht viel, aber was sollte ich machen? Es war eben Liebe auf den ersten Blick– und so musste ich es einfach kaufen.
Mehrere Jahre hat es dann sein restliches Leben in meinem Setzkasten gefristet – als größter Schatz von allen bis ich in die Pubertät kam. Da hat sich der Vogel dann mit einem beherzten Sprung einfach suizidiert. Vor den Augen der Schlümpfe und Happy Hippos, die zwei Kästchen niedriger standen.
Vollkommen nötig, so eine gekränkte Aktion…
Am Capo Blanco ist die Sonne aufgebraucht. Nur 6 Meilen vom Highway entfernt liegt der westliche Punkt der Lower 48: auf einem vom Winde verwehten Kap im fließenden Dauernebel, der uns heute nicht mehr verlassen wird.
Der kurze Ausflug hierher ist wie die Reise in eine andere Welt, wie ein Tripp in eine andere Klimazone. Beim Aussteigen fliegen uns die Türen aus der Hand. Es ist bitterkalt, der Nebel so dicht, dass die Sicht gleich Null ist. Walhalla im Sturm – sehr lange halten wir es nicht aus in unseren dünnen Büxkes. Aber toll, hier gewesen zu sein.

Freundliche Schilder geleiten uns zurück auf den Highway 101. Sonne im Herzen der Einheimischen ist nötig im „Capital of fog“.
Im netten Port Orford mit seinen bunten Häusern und einladenden Cafés gehen wir einkaufen.
Große Plakate danken den Feuerwehrmännern, die sich bis vor kurzem voll ins Zeug gelegt haben, um die umliegenden Orte zu schützen. Die Kassiererin im Supermarkt spricht mich mit „honey“ an – in einer Welt, die erst gerade wieder einigermaßen in Ordnung scheint. Feuerfrei für Freundlichkeiten dank Feuer frei – vielleicht aber war es auch schon immer hier so. Freundlich von Hause aus.

In diesem Ambiente passt es auf jeden Fall, dass ich mir mein allererstes Souvenir auf dieser Reise zulege. Eines der besten Produkte, das ich in meinem ganzen Leben je gesehen habe. Nach dem blau-gelben Vögelchen natürlich, aber genauso schockverliebt wie damals.
Und das Allerbeste ist: dieser Mini wird sich in Zukunft nicht suizidieren können! Da soll nochmal jemand sagen, ich würde ja rein gar nix in meinem Leben dazulernen. Doch, tu ich!
Ich taufe ihn auf den Namen „Sir Tail-hillock“ (deutsch: Herr Schwanz-Buckel), kurz: „Sir Hilly“.
Am Harris Beach bleiben wir heute Nacht. Herr Seibold checkt uns als Oregonesen ein – an unserem letzten Tag in Oregon. Wir sind zufrieden mit der Einbürgerung. Und das Camp ist auch toll. Und der unerwartet wiederbelebte Hauch von Sonne ebenso, unter dem sich ganz hervorragend Blumenkohl überbacken lässt.
Kleiner Verdauungsspaziergang zum Strand. Bei Nebel mit einem Hauch Sonne. Wir erwarten eigentlich nichts anderes als das, was uns seit ein paar Tagen schon beglückt: Pazifik im Schwanzpuckelwetter eben. Doch Oregon soll uns auf ein Neues überwältigen.
Mit Nebel und Salz im Haar staunen wir uns das Licht entlang. Ein Licht, wie wir beide es noch nie gesehen haben. Es wundert nicht, wenn Menschen in dieser Region der Erde zur Mystik neigen. Wie sollte es auch anders gehen, wenn der größte Ozean der Welt hier so aussieht?
Am Abend heizen wir uns im Nebel ein: Chouchou und ich, das trockene Holz, das wir gekauft haben uns aber nicht trauen anzuzünden, damit wir uns nicht zweimal in 24 Stunden die Blamage geben, als Köhler entlarvt zu werden. Sir Hilly schüttelt etwas ungläubig den knochigen Schädel. Das darf er.
Denn am letzten Abend in Oregon ist alles erlaubt.
Alles, außer aus dem Setzkasten zu springen!













Liebe Joana
Bereitest du dich schon auf Halloween und Allerheiligen vor?
Mit diesem Einkauf wird dir kein Geist auf den Geist gehen.🤣🤣🤣🙋♀️
Liebe Dagmar!
Wie kommst Du darauf, dass Sir Hilly aus der Halloween-Abteilung ist? 🎃
Er ist natürlich aus dem Kleintierbereich.😂
Unheimlich geistreiche Grüße von
Joana und dem etwas unterernährten Sir Tail-Hillock