Unterwegs im Magicbus

Die schönste Ohrfeige der Welt

Ein weiterer Tag in Point Roberts. Ein Sonntag. Neben uns werden ab acht Uhr fleißig ham and bacon in die Pfannen geworfen, die Sonne lacht. Zur Feier des Tages gibt es ein Stückchen Extrazucker in unseren Kaffee – wir sind bereit für diesen Tag. Good morning october!

Da wir ja weiterhin wenig zu tun haben außer Warten, kommt es uns gelegen, dass Andy wieder auftaucht – good morning Vietnam– wir können unseren Spaziergang problemlos nach hinten verschieben. Auch das soll ein Vorteil sein, wenn Pläne bis Dienstag nicht allzu zahlreich sind. Zeit haben – für alles. Trotz allem aber bleibt es ungewohnt für quengelige und ungeduldige Menschlein wie wir sie sind. Ein andauernder Lernprozess.

Andy hat mal wieder viele Geschichten im Gepäck. Ich glaube, er hat sie in der Zwischennacht extra für uns vorbereitet. In Point Roberts passiert nicht viel und wir scheinen eine gute Abwechslung für den Vietnamveteranen, Exdiplomaten und eingekauften Halbjahresecuadorianer zu sein. Eine gute Gelegenheit, seine Lebensgeschichte aufs Neue zu erzählen. Und so lernen wir.
Unter anderem, dass im Crackghetto Vancouvers monatlich 120 Menschen tot unter Planen entdeckt werden und dass die Stadt fest in chinesischer Hand sei. Wir lernen, dass Andy ein harter Trumpgegner und glühender Demokratieverfechter ist. Am liebsten würde er in die Ukraine fahren und an vorderster Front für deren Freiheit kämpfen. Wir lernen über das amerikanische Gesundheitssystem, the american dream, Hausfinanzierung und der Angstfreiheit die entsteht, wenn man mehrmals eine geladene Knarre an der Schläfe hatte.
Andys Monologe sind geschenkte Vorträge, man muss allerdings flott im Denken sein, um dran zu bleiben.
Nach einer akademischen Stunde ist sein Saft für heute verschossen, aber morgen will Andy wieder kommen. Ach Andy, sehr gerne. Wir werden hier sein und dir zuhören.

Den angebotenen lift zu unserem Spaziergangsausgangspunkt schlagen wir großmütig aus. Fünf Kilometer auf sechszehn fühlen sich wie ein Klacks an, wenn man noch keinen Meter gegangen ist. Wir sollen es am Nachmittag bitter bereuen.

Der heutige, „kleine“ Spaziergang soll uns zum Lily Point am anderen Ende der Exklave führen.
Bonuspunkt: bis dorthin können wir alle Häuser von Point Roberts quasi gratis mitbesichtigen. Ein Gang über die Halbinsel: am Abend haben wir wirklich alles gesehen, was dieses Örtchen zu bieten hat. Sechshundertacht Häuschen und Vorgärten.

Der Lily Point Rundgang ist schnell beschrieben. Der Rundweg durch den Wald inklusive Abgang zum Strand macht nur ein knappes Drittel unserer Tagesetappe aus. Aber die meisten Höhenmeter – immerhin. Dafür werden wir an der seichten Brandung und von oben mit einem Direktausblick auf den Kulshan belohnt. Laut Andy liegen auf dessen Gipfeln 50 Meter Neuschnee. Das aber ist wohl eher verdecktes CIA-Seemannsgarn.

Kein CIA-Seemanngarn ist, dass vor Ort Böses durch das heimische Wildleben droht: Eine Eule greift regelmäßig Lily Point-Wanderer an. Letztmalig gestern Nachmittag, warnt uns ein Schild, das wir nach unserem Rundgang passieren. Mal wieder lag die danger auf der hinter uns liegenden Seite.
Heute also: Danger = Owl attacks…

Vorbei am isländischen Friedhof –um die Jahrhundertwende machten Isländer ein Fünftel der Bevölkerung Point Roberts aus—geht es drei Kilometer APA-Road wieder zurück, vorbei an 608 Häusern, unsortierten Briefkästen, freundlichen „No trespassing“-Schildern, zurück in Richtung Marina und „International Marketplace“. Dort zeigt der Schrittzähler mittlerweile 13 Kilometer, es ist dringend Zeit, dass wir uns mit Leckrigkeiten belohnen. Blumenkohl zum Beispiel.

Ein chinesisches Schiff mit eigenem Leuchtturm an Bord tutet uns mit qualmenden Füßen –nochmal vorbei am Hafen mit Blick auf den Kulshan–zurück nach Hause. Der Campground ist mittlerweile leergefegt. Unsere Nachbarn haben ihr Feuerholz dagelassen: tippitoppi. Der Fireban ist seit zwei Tagen aufgehoben ist, Feuerholz vom Supermarkt aus drei Kilometer zu Fuß zu schleppen war uns dann allerdings zu weit. Wie schön, dass wir es nicht mussten. Und die Geschenke gehen noch weiter….

18:30h: Es war lediglich eine Intuition, trotz der aufziehenden Wolken doch noch einmal ans Meer zu gehen. Die Füße quietschend und platt, die Knie wollen eigentlich auch nicht mehr, aber irgendetwas zieht uns. Lass uns noch einmal los – es ist ja auch nicht weit.
Verhangenes Pastell am Horizont, ein paar Boote flitzen in der untergehenden Sonne vorüber, Möwen kreischen, ein Seehund steckt sein Köpfchen aus dem Meer. Eigentlich alles wie immer.

Doch plötzlich beugt sich Treibholz senkrecht aus dem Wasser.
Chouchou, hast Du das gesehen?
Wie geht denn das? Empor wachsendes Treibholz in den Fluten? Treibholz mit einer Fontäne?

Es braucht einige Momente, bis die auf Standby-geschalteten Hirnwindungen verarbeiten: Das ist kein Holz. Das ist ein sehr, sehr großes Tier!
Nahe der Küste schwimmt einer der Größten –und ein Geschützter. Ein Buckelwal!
Um die 13 Meter lang, bis zu 30 Tonnen schwer, mit 622 verschiedenen Gesangstönen gesegnet, die sie in Einzelstrophen und mit bis zu 190 Dezibel singen.
Zur Orientierung: ein am Ohr explodierender Silvesterböller erreicht 180 Dezibel. Oder eine Ohrfeige. So ähnlich fühlt sich dieser Moment auch an: Wie eine Ohrfeige des Glücks. Dazu passen lautlose Tränen ganz wunderbar, oder nicht? Und der Wal pustet zustimmend.

Beim Blumenkohl kochen im Dunkeln lese ich nach. Nur daher stammen die oben benannten Fakten, ich hatte sie natürlich nicht im Kopf:
Buckelwale sind quasi die Erzfeinde der Orcas, da die sanften Riesen die schwarzweißen Jagdgründe stören. Buckelwale wurden dabei beobachtet, wie sie Robben, Seelöwen oder fremde Walkälber vor Angriffen der Orcas abschirmen und teilweise sogar retten. Darauf haben die Orcas natürlich einen tierischen Brass und erklären die Buckelkollegen daher selbst zum Angriffsziel.
Die Buckelwale also sind Beschützer. Laut und verspielt, langsam und neugierig, musikalisch und sehr zoophil. Was für sympathische Wesen.
17500 schwimmen im Nordpazifik und das Schöne ist: ihre Tendenz ist –dank des Schutzes—wieder steigend. Wenn das mal keine guten Nachrichten sind!

Würde der Magicbus nicht weinen: wir hätten niemals Orcas im Howe Fjord gesehen.
Wäre morgen kein Feiertag in Kanada, hätten wir nie den Buckelwal getroffen.
Die allermeisten Dinge sind vielleicht doch für irgendetwas gut.
Nun haben wir einen Beschützer mehr:
Einen sanften Riesen, der unter Wasser singen kann wie ein Silvesterböller.
Die schönste Ohrfeige der Welt!

4 Kommentare

  1. das Phantom (Musik hörend - (deutlich!) leister als 180dB)

    wo steckt ihr?

    https://www.whatcomcounty.us/DocumentCenter/View/6958/Lighthouse-Marine-Park-Map

  2. Die Globetrottels

    Liebes Phantom (Musik unter Ohrfeigenniveau hörend),
    wie konnten wir das vergessen? Verzeih!
    Wir dümpeln —mittlerweile als letzte Bastion— auf Platz Nr 12 herum.
    Meinst Du, wir kriegen den Buckelwal in unserem Zoo unter?
    fragen sich,
    Deine hörgeschädigten Globetrottels

  3. Grundmann, B.

    Mein Gott, unglaublich! Was für imposante Tiere. Schön mit ansehen zu dürfen! Wie gut, dass sie unter Schutz stehen! Unsere unglaublich schöne Welt 🥰

    • Nani

      Liebste deMamels!
      Er ist wirklich unglaublich: dieser sanfte Riese. Dieses Wunder der Natur.
      Es gibt keine Worte, wie berührt und dankbar ich war, dass er sich uns gezeigt hat.
      Mit buckeligen Walgrüßen, in Liebe!
      Deine Nani

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