Unterwegs im Magicbus

Monat: Juli 2024 (Seite 3 von 3)

Von Rentieren und einem Troll, der die Gravitation austrickst

Den Abend mussten wir damit zubringen, den niedergeschmetterten Rudi –größter Fussballfan im Magicbus—zu trösten. Dank Blitz und Donner, die immer wieder ins Internet einschlugen, konnten wir das Spiel nur verzögert sehen. Das führt zu einem „hohem Stresslevel“ – weiß auch meine Kontrolletti-Uhr. Nicht nur bei Rudi. Schlussendlich ist´s nur der milchige Fluss im Nebel vor der Magicbustür der wahren Trost spenden kann und dessen Wasser wieder beruhigen.

Der Morgen beginnt für Chouchou mit einer unfreiwilligen Dusche: einmal mit dem Schädel an die Bergerplane gebounced, entleeren sich die dort versammelten Pfützen in einem Sturzbach über seinem Scheitel. Ein Eimer hätte es auch getan für diese Aktion: Icebucketchallenge an einem initial so harmlos daherkommenden Samstag — leider ohne Kamerakind. Das lag noch im Salz.

Unser Weg soll heute zum „Trollvägen“ führen: dem magischen Trollweg, nur 80 Kilometer weiter nördlich und etliche Höhenmeter hoch. Wir sind also auf Magie gebürstet – ab Mittag! Zum Zeitpunkt der Abfahrt ahnt niemand im Globetrottelsteam, dass diese sich heute schon sehr viel früher entfalten soll: am Wegesrand einer namenslosen Landstraße.

Im Vorbeifliegen sehen wir erst zottelig, braunes Fell, dann plüschiges Geweih. Schneller vorbei als geplant, muss Chouchou den Magicbus also wenden und zurückfahren. Damit wir uns überzeugen können, dass wir nicht mit offenen Augen träumen.

Am Straßenrand steht eine Herde Rentiere: Mütter mit Kälbern, die normalerweise im Mai oder Juni zur Welt kommen. Vollkommen unbeeindruckt von unserer Anwesenheit äsen sie friedlich vor sich hin, in tiefenentspannter Sommerpause vor Weihnachtszeit. Nur ein hupender Schwede bringt kurzzeitig flottere Bewegung in die langen Beinchen, die ansonsten nichts treibt. Kein Schlitten, der zu dieser Jahreszeit gezogen werden muss, kein Stress am absolut südlichsten Punkt des rentierischen Lebensraums. Denn eigentlich sind diese Freundchen deutlich nördlicher zu Hause.

Die Globetrottels im südlichsten aller südlichen Rentierparadiese der Welt – wenn man der Verbreitungskarte trauen kann. Ein Paradies, das wir heute nicht mehr verlassen werden.

Am Trollvägen angekommen warten sie schon wieder: diesmal ein Dreiergespann mit deutlich wuchtigeren Geweihen. Wir lesen und lernen: Rentiere sind die einzigen Stirnwaffenträger der Welt, bei der auch die Weibchen Geweih tragen und die einzige domestizierte Hirschart der Erde. Mit ihrem sympathischen, sanften und zutraulichen Wesen war es vollkommen logisch, dass der Weihnachtsmann gerade sie als Zugtiere ausgewählt hat. Mit Huskies hätte es viel zu viel Trubel gegeben.
Wir sind so hin und weg, dass wir kurzzeitig den Troll vergessen, wegen dem wir eigentlich hier sind.

Der Trollvägen ist ein magischer Weg. Bewacht wird er von dem Nipsmann, der im Schutze der Steinmännchen um ihn herum, Tag ein Tag aus damit beschäftigt ist, die Gravitation durcheinander zu würfeln und damit die Menschen verrückt zu machen.

Wer auf diesem Weg im Leerlauf rollt, rollt tatsächlich bergauf. Klingt komisch, ist aber so.

Chouchou –als Investigativjournalist des Teams– versucht Details aus dem stillen Männchen herauszupressen, wie er das genau macht: vergeblich. Ob so wenig Kooperation im Gespräch wird ihm das dargebotene Knäcke –das Plauderbrot– wieder entzogen. So, Sie Nipsmann, können wir nicht arbeiten… und rollen planlos weiter bergauf.

Den einfachsten Hügel in dieser unwirklichen Bergwelt besteigen wir. Böse Zungen nennen ihn „die Touristenknolle“ – weil der Gipfel selbst von Globetrottels bezwungen werden kann in einem 45minütigen Aufstieg.

Wir sind auf 1000 Metern über Null, die Umgebung aber wirkt, als seien wir viel, viel höher. Keine Bäume mehr, zahlloses, buntes Gestein und eine Aussicht, die nicht enden will.

Eine feine Touristenknolle, finden wir. Und dann schaut plötzlich –in unerreichbarer Ferne– der echte Troll über den Berghang.
Wir trauen unseren Augen nicht. Deshalb fotografieren wir und erwischen zumindest seine Mütze mit dem Objektiv.

Der echte Troll des Trollvägens!! Es gibt ihn. Wir wussten es.

Fest an drei Rentierpopos geheftet rollen wir den Berg wieder runter. Dafür muss man Gas geben: Verrückt.

Unser heutiger Lagerplatz liegt erneut an einem wilden Fluss, acht Kilometer hinter Idre.

Wir parken an diesem Traumplätzchen –dem ungelogen schönsten der bisherigen Reise—ein und atmen. Und atmen. Oh Welt, wie wunderschön Du bist.

Kochen im kargen Sonnenschein, der Fluss trägt unsere Gurkenreste flussabwärts und fließt plätschend bergauf, ansonsten herrscht Stille.

Oh Welt, wie wunderschön Du bist. Und magisch.
Zeit für ein Freudenfeuer!

Njupeskär — Thors Elfenwasserfall

Thor, der Wettergott, ist gut zu uns: nach einer „Tropfen, die an mein Fenster klopfen“-Nacht erwachen wir mit einem Hauch Sonnenschein über dem See. Trocken das Camp zusammenpacken ist immer ein gutes Omen für den Tag und obendrein sehr komfortabel.

Nach einer letzten Dusche geht’s weiter gen Nordwest: Nadeln werden zu Birkenwäldern und wieder zu Nadeln. Eine Explosion Lupinen am Straßenrand und sehr viel nichts bis zum ersten und letzten Einkaufsstopp auf 190km Strecke: in Älvdalen – im „Flusstal“, 1669 schauriger Schauplatz bekannter Hexenprozesse, heute allerdings ganz harmlos.

Im ICA decken wir uns mit allerlei Leckrigkeiten ein und heben unsere ersten Kronen ab, die uns der Kassierer freundlicherweise gleich auch in kleine Scheine zerlegt.

Die Mädels werden wir in den nächsten Tagen brauchen, weil das Campsystem auf unseren nächsten zwei Etappen sich dem kanadischen angleicht: zahlen auf Vertrauen, in dem man Bargeld in einen Briefkasten wirft.

Unser heutiges Tagesziel ist der Fulufjäll Nationalpark an der norwegischen Grenze, bekannt für seine urwaldartigen Täler und kahlen Höhen, vor allem aber für den höchsten Wasserfall Schwedens: den Njupeskär –93 Meter hoch– und die Uraltfichte Old Tjikko –9550 Jahre alt.

Der Nationalpark scheint kein Geheimtipp zu sein. Wir rollen kurz vor Mittag an, der Parkplatz ist bereits brechend voll. Macht nix, auf einer Fläche von 385 Quadratkilometern wird sich das wohl zerlaufen. Genauso ist es – nach der Hundebadestelle.

Für die Tausendsasser der Naturliebhabenden wurden gemütliche Stege angelegt, um erst durchs Marschland mit seinen Puschelblumen zu wandeln, das sogleich in nordischen Urwald mit verschlängelten Flüsschen übergeht. Rentierflechte zwischen alten Steinen und Moose auf den Rinden, Farne greifen nach den Wandernden, die alle früher oder später gen Njupeskär streben.
Ein Wunder, dass am Wasserfall selbst so wenig los ist.

Ein rationaler Geist würde behaupten, der Fall sei durch rückschreitende Erosion entstanden – das Wasser trüge den Sandstein des Gebirges mehr und mehr ab. Ein mythologischer Geist aber weiß: es war Thors Hammer, der den Fall in den Fels schlug. Im Pool darunter lebt heute noch eine Elfe, die betörend ein Streichinstrument spielt. Man muss seine Ohren ganz weit spitzen, dann aber hört man es deutlich.

Zum Old Tjikko wollen wir natürlich auch hoch. Keuchend erklimmen wir die Stufen, die aufs Bergplateau führen: 200 Höhenmeter Anstieg auf einen Streich, meine Kontrolletti-Uhr behauptet: hart anaerober Bereich, bitte 35 Stunden Erholung einplanen. Und einen pinken Schweppes trinken.

Auf dem Gipfel angekommen unterstreicht auch Thor die Notwendigkeit, langsam zu machen: er schwingt seinen Hammer und donnert. Einmal, zweimal, dreimal. Bis zum alten Tjikko ist es noch einen Kilometer über die baumlose Bergflanke, während wir dabei zuschauen können, wie das Unwetter von Weitem über die Ebene ankriecht.

„Unwetterwarnung“, meint jetzt auch meine Kontrolletti-Uhr hysterisch. Nun gut: also keine baumlose Bergflanke für uns, Old Tjikko muss wohl warten. Er macht seit 9550 Jahren ja nichts anderes. Schade für uns, der Fichte ist es leidlich egal.

Der Regen setzt im Urwald ein. Spitze Tropfen auf bunten Schirmen.
Bis zum heutigen Nachtplatz ist es für uns nicht mehr weit: wir rollen lediglich acht Kilometer wieder hinaus aus dem Park und schnurrstracks an den Fluss des Mörkret Camps.

Der einzige Platz mit Privatsphäre ist unserer – alle anderen müssen sich später in Reihe und Glied nebeneinander reihen. 200 Kronen in den Briefkasten, nun können die dicken Tropfen problemlos kommen. Natürlich tun sie das auch.

Für uns heißts heute nur noch: ein flotter Text, ein paar schnelle Videos, definitiv die Heizung an, die Nudeln müssen sich heute von selbst kochen. Programm bis um sechs, Joggingbuxe an und dann auf einen fairen Internetgott hoffen.

Einer, der das Fussballspiel ganz ohne Blitz und Donner überträgt.

Haushaltstag im Sturm

Über dem Kratersee stürmt es bereits am Morgen heftig. Das Wetter ist für den gesamten Norden in den nächsten Tagen grottig angesagt, ein guter Grund, es entspannt und winddicht angehen zu lassen.

Als erstes nach dem allerersten – den Kaffees!—wird der Bulli sturmfest umgeparkt: Popo in den Wind, damit die Böen im sauberen Winkel übers Dachzelt abwehen. Die Bergerplane prügelt uns hart für diesen Plan, sie scheint ganz und gar nicht einverstanden und verteilt wilde, wütende Ohrfeigen beim Abnehmen. Damit –Freundchen– ist deine Chance für heute verspielt: ab in den Bulli mit dir! Zur Strafe darfst du nun nicht mehr wüst vor dich hinflattern und eine knallende Geräuschkulisse veranstalten.

Rote Ohren vor Mittag, Zauseln im Haar und ziemlich außer Atem: immerhin hat Chouchou nach dieser Aktion nun auch mal berauschenden Seeblick. Eine gute Aussicht, bei der die nächste Zecke gezogen werden will. Diesmal aus Chouchous Schädel…

Als nächstes sind die Müffelklamotten dran. Mit zwei Tüten voller Kleidung marschieren wir zur Campingwaschmaschine und kommen zum richtigen Zeitpunkt.

Eine Stunde später sind die Handtücher und Socken trocknerflauschig, die empfindlichen Teilchen dürfen wüst am Baum flattern. Nach 20 Minuten ist –dank der reißenden Böen—alles wie glattgebügelt, keine Falte mehr im Stöffchen. Vielleicht sollte ich mein Gesicht ganz genauso in den Sturm halten? Eine gute Anti-Aging-Maßnahme, aber leider ist es dafür eindeutig zu zugig, meint Uschi inne Leoleggins und dem Flamingopulli.

Der erste Regen kommt pünktlich um eins. Ein guter Zeitpunkt, um den Rest des Camps nun regenfest zu machen. Ein guter Zeitpunkt für Recherche bei laufender Heizung – auch, um die restlichen Klamotten zu trocknen, die –nach Trocknungsschnellabbruch durch erste Tropfen—nun wild durcheinander im Magicbus herumhängen. Zum Trost gibt es Zimtschnecken.

Bis drei wälzen wir Wanderbücher, Reiseführer und Internet, um eine Idee der nächsten globetrottelsgeeigneten Anlaufpunkte zu bekommen und werden äußerst vorfreudig fündig. Verraten werden darf so viel: es wird toll werden. Egal, ob´s stürmt oder schneit. Weil es unter anderem um eine sehr romantische Tiergeschichte geht. Aber dazu in den folgenden Tagen mehr…

Um vier kommt der kleine Hunger. Da draußen noch immer Ronjas Räuberregen runter geht, weichen wir auf die Campküche aus – welch glücklicher Umstand, dass es diese gibt!

Gemüsebällchen, die touristenfallig als „vegane Köttbullar“ verkauft wurden, in einer richtigen Pfanne zu brutzeln, ohne Sorge zu haben, dass im nächsten, stürmischen Moment der Kocher vom Tisch gefegt wird, macht durchaus Freude. Und schmeckt.

Um fünf ist satte Zeit für Meditation, ab halb sechs dann Glamour anhand von goldenem Glitzernagellack. Schade, jetzt kann ich den Trangiakocher nicht mehr ausscheuen wie geplant. Äußerst traurig teile ich diese Erkenntnis Chouchou mit und darf freudig verkünden: „message delivered“. Tja, hätte sich ja auch die Nägel lackieren können…

Um halb sieben lernen wir, dass die Vorhersage mit „Sturm im Vamhus“ nicht den Wetterzustand bis sechs meinte. Über den See sehen wir die Sturmfront herankriechen, bevor sie mit Wucht aufs Camp trifft. Unser Tisch lernt fliegen, die Jungs von nebenan haben sich ins zitternde Zelt verzogen und tun uns von Herzen leid. Aus einem warmen Magicbus heraus lässt sich gönnerisch kommentieren: Das sind die Abenteuer, von denen ihr später euren Enkeln erzählen werdet!, während man selbst die Heizung höher dreht. Aber ein klitzekleines bisschen wahr ist es trotzdem.

Nach einer halben Stunde ist der Spuk vorbei, die Schweden schicken ihre Kinder wieder auf den Spielplatz.
Ein Sortiermittwoch in Vamhus – eine stürmisch-schöne Angelegenheit.

Asteroidenglück zwei Werktage vor Kollektivsommer

Das gestrige Essen muss noch erwähnt werden. Nicht, weil es so grandios gut war, sondern vor allem heiß. Nepalesischer Fenchelreis ist überall auf der Welt ein Hit, aber besonders wohltuend schmeckt er, wenn der Mensch gut durchgekühlt ist. Innere Hitzemaschine aus dem Himalaya.

Niesel klopft uns aus dem Bett: es ist an der Zeit, weiter zu ziehen und den Zaubersee hinter uns zu lassen. Danke, schönes Glaskogen Naturreservat. Eine bessere Pforte in Richtung Mittelschweden hätte sich nirgendwo sonst auftun können.

Hinter Värmland wird es hügeliger, hinter Torsby wird es einsam. Wir rollen über Straßen wie im kanadischen Westen, lediglich der Wald ist enger und die Straßenführung kurviger.

In einer Nische am Straßenrand frühstücken wir mit Blick auf den endlosen Wald. „Magisch,“ meint Chouchou, der sich plötzlich dreißig Jahre zurückversetzt fühlt: „wie das erste Schwedengefühl damals mit Peter.“
Erste Schneemobilschilder tauchen am Straßenrand auf, die haben im Juli Pause. Im Sommer fährt der Mittelschwede lieber Endzeitkarre. Oder Ghostbustersmobil.

An der Kirche links, achtzigkilometer geradeaus bis zum nächsten Kreisverkehr, dahinter kommt ein schrottiges Sammelsurium namens „Grymb place“. Nun ist es nicht mehr weit.

270km nordöstlich von Glaskogen liegt das Städtchen Mora am Siljansee, siebtgrößter See ganz Schwedens, entstanden durch den Einschlag eines Asteroidens und angeblich die größte sichtbare Einschlagstruktur ganz Europas. Die bekanntesten Persönlichkeiten des Ortes: entweder Eishockeyspieler, Freestyle-Skirennläufer, Metalbandfrontleute und ein Maler namens Zorn. Ab heute bewegen wir uns also auf rauem, aber geschlossenrotem Terrain.

Das spüren wir auch sogleich beim ersten, zarten Versuch, bei VW Mora einen flotten Ölwechsel zu bekommen.

Der Herr am VW-Tresen ist freundlich und deutlich. Ölwechsel? „Not today.“ Nächste Termine im August.
Wir könnten es aber mal bei Mekonomen versuchen, vielleicht haben die noch spontane Termine? Also hin.

Im ersten Mekonomen gibt es leider keine Werkstatt, dafür aber viel günstiges Bulliöl. Das packen wir ein. Die Dame am Tresen ist nicht sicher, ob wir bei den Kollegen, vier Kilometer weiter nördlich in der Werkstatt spontan einen Termin bekämen, aber versuchen lohne sich alle mal.

Im zweiten Mekonomen treffen wir auf einen liebenswerten Herren, der uns leider auch nicht helfen kann, wie er uns traurigen Auges mitteilt. Er sei eh schon im Verzug mit seinen Auftragsarbeiten, obendrein fehle ihm ein Mann und Freitag sei ja letzter Arbeitstag wegen der „holidays“. Welche Holidays?, fragen wir. Er meint Schwedens kollektiven Sommerurlaub, ab nächste Woche haben die allermeisten Werkstätten für mindestens drei Wochen dicht. Wir können es aber mal bei Meca versuchen, sagt er, den Tränen nahe.

Im Meca belächelt man unseren naiven Wunsch nur, in den folgenden Tagen noch zum Zuge kommen zu wollen. „Fully booked.“ Aber wir könnten es ja mal bei Bosch auf der anderen Straßenseite versuchen. Wir können nicht, wir müssen.

Langsam aber sicher rückt ein Hauch Verzweiflung immer näher. Nach Mora wollten wir eigentlich ins nordische Nichts, in Gegenden, wo ein Ölwechsel nicht nur nicht leichter, sondern hunderte von Kilometern-streckenweise quasi unmöglich ist. Der Magicbus aber braucht einen Ölwechsel – noch vor dem schwedischen Kollektivsommer, also: jetzt. Erste Gedanken spinnen sich um eine möglicherweise notwendige Streckenabweichung in die nächstgrößere Stadt Östersund: von hier aus schlappe 400 Kilometer gen Osten statt Norden. Wieviel Lust wir dazu hätten, muss hier nicht explizit erwähnt sein. Die Frage nach einer Werkstatt dort, die noch vor dem Wochenende einen Termin für uns hätte, ist hiermit noch nicht einmal gestellt….

Mit schlaffer Trauermiene schlurfen wir zu Bosch, feilend an einem psychologischen Manöver, wie wir das nächste Mechanikerherz eventuell weich kochen können. Trauermiene ist dafür schon mal gut und muss nicht mal geschauspielert werden, den Satz: „Sie sind schon unsere fünfte Anlaufstelle“ lassen wir weg. Wenn fünf schon abgelehnt haben, fällt es dem sechsten auch nicht schwer. Träne an den Wimpern und rein geht’s: „God dag! We are deeply desparated…“ Das stimmt!

Und wie immer haben die Globetrottels natürlich Glück! Ein Sonnenschein an schwedischem Herren steht hinter der Theke. Kurz überlegt er: tatsächlich sei sein Tag bisher gut gelaufen, alle Auftragsarbeiten seien schon durch. Aber – kritischer Blick auf die Uhr—es bräuchte durchaus Risikowillen, eine Stunde vor Feierabend an einem so alten Auto –kritischer Blick aus dem Fenster auf den Magicbus—noch irgendetwas zu beginnen. Bekanntermaßen seien Karren dieser Art ja Wundertüten.
Mit einem schlagenden Argument aber, bekommen wir ihn dazu, dieses Wagnis heute noch einzugehen: „Wir sind wagemutig und versuchen zwei Tage vor dem Urlaub noch einen Ölwechsel zu bekommen – Sie sind wagemutig und versuchen eine Stunde vor Feierabend so einen noch durchzuführen. Das passt doch gut.“ „Det stämmer,“ sagt er, das stimmt! Und macht sich an die Arbeit.

Schlussendlich werkelt Timo aus Leer am Magicbus. Timo, der sich vor drei Jahren nach Schweden abgesetzt hat, um hier ein wunderbares Leben zu führen, wie er meint: „Viel besser als Zuhause.“ Der Ölwechsel verläuft reibungslos und weil Timo auch einen Bulli hat und sich scheinbar freut, deutsche Bullifreunde zu treffen, guckt er ganz ungefragt noch einmal schnell über den Rest drüber: „Top Zustand, der Bus!“ sagt er und macht uns damit heute zu den glücklichsten Menschen in ganz Dalarna. Tak tak Timo, tak tak Bosch.

Weit schaffen wir es nach dieser Aktion heute nicht mehr. Aber unsere Glücksträhne reißt nicht ab:
In Vamhus –15km hinter Mora—gibt es ein allerletztes Plätzchen direkt am Siljansee. Auf einem Campingplatz mit Dusche und Pizza.

Ein Glücksmittwoch am Asteroidenkrater. Und noch zwei Werktage bis zum schwedischen Kollektivsommer…

Zwei Bilderbuchtage am See

Unsere zwei Tage am See –irgendwo in Mittelschweden—im Glaskogen Naturreservat sehen ganz genauso aus, wie eine Outdoor-Astrid Lindgren sie malen würde:

Zu allererst steht die Jungfernfahrt mit unserem neuen Aufblaskanu, das wir auf den höchstkreativen Namen „Das Bøøt“ taufen, auf dem Programm.

Das Bøøt –ab heute neues Teammitglied der Globetrottels—ist die günstigste Variante eines Pustebötchens, quietschbonbontürkis und nur willig zu schwimmen, wenn es exakt drei PSI in die Backen geblasen bekommt. Die müssen mit purer Menschenkraft erstmal in die Kammern rein: eigentlich sind wir danach schon vollkommen im Eimer und mit unserer Sporteinheit durch. Aber es hilft ja nix: das Bøøt ruft nach seinen Gefilden, also wassern wir es. Und finden so riesige Freude daran und darin, dass es an diesen zwei Bilderbuchtagen gleich zweimal zum Manöver starten muss: einmal im Sturm und einmal auf spiegelglattem Wasser.

Egal bei welchem Wetter: Bötchen fahren bleibt auf ewig eine der besten Meditationen von Welt! Neben in der Erde wühlen.
Wir tanken auf tiefschwarzem Wasser so viel Stille ein, dass diese für die nächsten Wochen halten sollte. Ich glaube, danach kann man durchaus süchtig werden.

Mehrere verlassene Inseln werden für einen Moment erobert, bevor wir sie ohne Spur wieder verlassen, ein Mittagssnack mit Annika, der Ente, geteilt. Gänse echoen über den verlassenen See, das einzige, das zu hören ist und Wasserläufer tanzen zwischen den Seerosen. Nur das einsteigen üben wir noch…

Als zweites steht das Jungfernschwimmen im Neoprenanzug an. Sieht aus wie ein hochsportliches Olympiadress, verliert aber ganz schnell an Eleganz, wenn man die ersten Schwimmzüge beobachtet. Das liegt ganz und gar nicht am Anzug, sondern lediglich an dem mopsartigen Wesen, das sich mühsam in die zweite Haut hineingepresst hat. Den höchsten Kalorienverbrauch eindeutig beim An- und auskleiden!

Dazwischen: ein Sams plantscht fünf Minuten im dunklen Wasser. Wie gut, dass ansonsten keiner hinschaut. Aber großen Spaß hat´s schon gemacht.

Viel Feuer gibt’s zu machen. Knurrtrockenes, schwedisches Holz brennt lichterloh und riecht phantastisch. Wir verfeuern insgesamt 40 Kilo.

Lecker kochen und essen…

…ein paar Runden Hoolahoop, einige Momente auf der Yogamatte und dann sind sie auch schon vorbei: zwei Märchentage an einem See in Mittelschweden.
Tage, die nie mehr vergessen werden…

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