Unterwegs im Magicbus

Alle da in San Franscisco

Die ruhigen Tage im Sugarloaf waren bitter nötig. Nachdem uns am zweiten Tag eine tiefe Reisemüdigkeit ereilte wurde uns klar, dass wir irgendwo neu sondieren müssen. Das tägliche Fahren, die täglichen Wechsel fühlten sich auf einmal extrem anstrengend an: im Nachhinein. Derweil ist es uns gar nicht explizit aufgefallen.
Die Dauerbelegung der Statecamps tat sein Übriges: länger als eine Nacht bleiben war in Oregon und in Nordkalifornien gar nie möglich. Strand und dicke Bäume sind auch im Oktober extrem beliebt, selbst wenn wir gewollt hätten, wäre es uns gar nicht möglich gewesen, je länger als eine Nacht zu pausieren. Auch das ein Nervfaktor im Nachgang. Und die Wörter im Hirn schwiegen. Die Inspiration zum Schreiben war ebenso weg. Wie die Lust aufs Weitereilen.

Entsprechend brauchten wir diese Pause dringend. Nicht bewegen, nicht schreiben. Einfach nur mal sein. Ohne Bilder, ohne schriftliche Doku. Um ein wenig zu innerer Ruhe zu kommen, um zu überlegen, wie unsere Reise ab hier weiter gehen soll. Gut weitergehen, genießend, nicht eilend.
Nach drei Tagen stehen einige Dinge neu fest: wir wollen länger an einem Ort bleiben, wenn möglich. Die Blogs werden nicht mehr allzu detailliert. Zumindest nicht täglich – weil sich das nach zwei Monaten irgendwann wie Arbeit anfühlte. Das soll es nicht. Es soll Freude machen.

Im Sugarloaf, im Sonoma Valley, der Weinregion Kaliforniens haben wir drei Tage einfach nur gelebt.
Das ging auch, da der Campground erst am Wochenende wieder bis auf den letzten Platz ausgebucht war. Wir kamen ja –Gott sei Dank– bereits am Mittwoch, der sich bis Freitag füllte mit einem Spaziergang über durstige Hügel, den Truthähnen und Rehen hinterher schauen, gute Bücher lesen, Reiseinspirationen holen, ein Feuer machen, gemütlich kochen, lecker essen, ausgiebig schlafen, viel reden, viel schweigen, den eigenen Gedanken nachhängen, uns zu entschieden, wohin wir als nächstes reisen.
„Don´t forget the magic“, stand auf einem Straßenschild in Richtung hierher. Ab jetzt halten wir uns strikt daran.

Wie an jedem Wochenende ist gestern, am Freitag, im Sugarloaf die Hölle ausgebrochen: jeder Platz besetzt mit feuerlustigen Menschen und alle in bombastischer Ferienstimmung.
Wir sind heute Morgen die ersten, die um sieben aus der Koje kriechen, gemeinsam mit unserem wortkargen Nachbarn aus Alaska. Der braucht aber –genau wie wir– erstmal drei Kaffee, um auf Betriebstemperatur zu gelangen. Es ist also ein ruhiger Morgen nach der wilden Partynacht.

Um neun rollen wir los. Das Batterielämpchen leuchtet noch immer. Chouchou hat in den Sugarloaftagen versucht es zu reparieren: leider erfolglos. Das soll uns heute trotzdem nicht aufhalten, denn die Hippiehauptstadt ruft. Das Lämpchen ist erst später dran. Denn: Magic first.

Mit Magie geht’s dann auch gleich los. Um 09:22h schiebt sich –einfach so– der Mond vor die Sonne: Sonnenfinsternis kurz nach Sonnenaufgang in magical California. Man soll ohne Brille nicht direkt hinschauen, das wissen wir, die Blicke aber lassen sich kaum abwenden von diesem unglaublichen Phänomen, das wir beide noch nie erlebt haben.

Beim Einkaufen in Sonoma, ein Ort wie im Film, treffen wir einen plaudrigen Kassierer. Kasse dauert länger als das Wandeln durch alle Gänge, nett ist das. Natürlich haben wir kalifornischen Wein im Körbchen … und Blumen.

Wir rollen an endlosen Weinfeldern und gelben Hügeln vorbei, auf denen schwarze Kühe mit ihren Kälbchen stehen. Sonnenschein in Kalifornien – hier regnet es vielleicht wirklich so gut wie nie, meinen auch die Palmen und die Kakteen.

Auf einem sündhaft teuren und endlos gruseligen RV-Platz parken wir gegen Mittag ein. Die Umgebung hier soll uns piepegal sein. Wichtig ist, dass die Fähre von hier aus zu Fuß erreichbar ist. Die Fähre nach San Franscisco Downtown.

Mit der cleveren Clippercard checken wir pünktlich um eins am Terminal ein. Natürlich mit flowers in the hair. In der Menge sehr bunter Menschen –die Vorhut– fallen wir nicht damit auf.

Bis in die Stadt sind es dreißig Minuten: vorbei am Gefängnis von San Quentin (noch aktiv), in dem Johnny Cash seine begeistertsten Zuhörer hatte. Vorbei an Alcatraz – nicht mehr aktiv, der Versuch rüber schwimmen zu wollen vollkommen nachvollziehbar. Vorbei an der Golden Gate Bridge – heute nicht im Nebel. Chouchou meint, sie kann durchaus mit der Hohenzollernbrücke in Köln mithalten.

San Franscisco in angemessenen Worten zu beschreiben ist unmöglich. Viele –umso Talentiertere– haben es versucht und, trotz allem, kaum den Puls der Stadt textlich zu greifen bekommen.
Und da der Vorsatz ja ist, die Blogs kompakter zu halten, nur dies:

San Franscisco ist ein Potpourri der Gegensätze:
Am Hafen ist die Hölle los. Es duftet nach Fisch, undefiniertem Geräuchertem und dicken Schwaden von Cannabis.

Durch die Wolkenkratzerfluchten schieben sich bergauf und bergab Menschen aller Couleur: die Kreativen, die Erfolgreichen, die Bunten, die Modernen, die Großen und die Kleinen, die Wilden, die Touristen und die Verlorenen – der American dream ist schließlich nicht für jeden.

In Haights stehen bunte, alte Häuser von Bougainvilleas umarmt: wo ist der Mietvertrag? Ich unterschreibe sofort. Grüne Parks, Vintageläden, anarchistische Buchhandlungen, hippe Cafés.

In fünf Stunden gelangen wir in eine propälestinensische Demo, die unappetitlich aus dem Ruder gerät und in ein Technofestival, für das ein gesamter Straßenblock gesperrt wurde, zwei Straßen weiter.

Wir essen unbedarft in Mexico, schlendern über die Hippiemeile, unbemerkt vorbei an Jimi Hendrix´ Wohnhaus, an Sternerestaurants, Straßenmusikern, Weltuntergangspropheten, Malern, Cracksüchtigen, der weltberühmten Straßenbahn, die per Hand gedreht wird.

Wir fahren Bus durch verschiedene Welten, nachdem die Füße genug bergauf getrippelt sind. Die Globetrottels in der Welle einer Stadt, die einen enorm hohen Freakfaktor aufweist. Wunderschön ist das.

Zurück am Hafen erwischen wir auf den letzten Drücker die Sonnenuntergangsfähre.
Pelikanartige krächzen in der Bucht, ein Seehündchen schaut freundlich auf die bunte Besatzung.

Die Golden Gate Bridge liegt mittlerweile im Nebel und an der Wolkenformation erkenne ich, dass wir nicht alleine hier sind.

San Franscisco: Hier sind wir nicht alleine. Alle sind da.
Und wenn ich schreibe: alle, dann meine ich auch: ALLE.

4 Kommentare

  1. Grundmann, B.

    Oh ich kann es so gut nachvollziehen, diese vielen wunderbaren Erlebnisse muss man verarbeiten und das braucht Zeit, damit sie sich setzen können!
    San Francisco ist genau die Stadt für euch! Genießt dieses
    Flair für einige Tage und lasst alle Eindrücke in Ruhe sacken.
    Ganz liebe Grüße aus der Heimat😍😍😍😍

    • Nani

      Liebe Bubu!
      Das Setzen lassen in San Francisco hat gut getan. Manchmal braucht es einfach Zeit….
      Ich drück Dich so fest ich kann!
      Deine Nani

  2. das Phantom (seit 3 Tagen wieder im Wohni- Office bei den Pferden - diesmal ohne Brille auf der Nase :-p)

    Guten Morgen,
    das mit der Reisemüdigkeit kenne ich nur zu gut – deswegen kann ich es ganz und gar nachvollziehen, wenn man plötzlich keine Lust mehr hat, von Ort zu Ort zu eilen.
    Mit der Reduktion des Reisebloginhaltes kann ich auch gut leben – denn die Reise macht ihr ja für Euch – und nicht für uns Daheimgebliebenen.

    Also: KEIN STRESS!

    • Die Globetrottels

      Moin liebstes Phantom!
      Ein lustiges Phänomen, das in einem zweiwöchigen Urlaub einfach nicht auftaucht.
      Wir haben wieder neue Kraft getankt und gleiten wieder voraus. Und siehe da: die Worte fließen auch wieder….
      Dicken Drücker an den gesamten Zoo!
      Deine Globetrottels

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