Die Morgene am Cultus Lake: immer für eine Überraschung gut.
Gestern war es der platte Reifen, heute –beim zweiten Kaffee—bekommen wir höchsten Besuch.
Es raschelt, ein Schemen blitzt vorüber, weg und dann wieder da. Frech und selbstbewusst in voller Größe hopst er auf den Tisch: ein Waschbär mit dem Plan, einen Überblick über das Essensangebot zu bekommen.
Waschbär – tatsächlich in dieser Präsenz unser Erster der gesamten Reise. Vom einem nächtlichen Überraschungsbesuch am Feuer –irgendwo am Anfang von Ontario—mal abgesehen.
Waschbär, einer der ganz großen „very important animals“ , die der liebe Gott sich so ausgedacht hat. Der Morgen also fängt mal wieder an mit „bis über beide Ohren verliebt“. Und das trotz des kleinen Disputs, den wir haben. Denn der kleine Zorro will unseren Müll und wir wollen es nicht. Er zieht also etwas beleidigt mit seiner Augenbinde von dannen.

Noch knappe Hundert Kilometer bis Vancouver.
Kilometer, die sich mal wieder durch Farmland ziehen, teils mit schrulligen Dingen am Wegesrand. Ein Schild mahnt: „Vision limited“ und dann kommt auch schon die große Stadt in Sicht: Vancouver. Angeblich eine der lebenswertesten Städte der Welt.

Für uns ist Vancouver vor allem eins: Rettender Hafen für den Magicbus.
In Burnaby haben wir einen Bulliexperten ausgegraben: jemand, der sich mit Liebe und großer Expertise alten Eurovans widmet.
Jaulend biegen wir auf den Parkplatz ein, im Schatten von Wolkenkratzern und zweifarbigen Bäumchen, Ben eilt sofort herbei.

Mit Stethoskop bewaffnet kullert er sich unter den Magicbus. Hört, kullert zurück und spricht die erlösenden Worte: alles eigentlich gar nicht mal so schlimm.
Bens erster Impuls: es ist am ehesten der Spanner des kleinen Keilriemens. Nichts Kapitales, aber so geht´s auf Dauer tatsächlich nicht mehr. Der Bulli muss unters Messer.
Nicht sofort, bis Vancouver Island können wir –sehr wahrscheinlich– erstmal weiter. Natürlich auf die Gefahr hin, dass uns der Keilriemen immer um die Ohren fliegen kann. Das würde aber maximal bedeuten, dass wir zur Werkstatt zurück geschleppt werden müssen und dann flickt man das. Den Motor zerfetzt das nicht. Genau das wollen wir hören.
Nach kurzen Beratungen einigen wir uns, dass Ben einen neuen Spanner bestellt. Und –wenn er gerade schon dabei ist– dann nehmen wir auch noch zwei neue Vorderreifen und einen frischen Luftfilter.
In zehn Tagen werden wir zurück sein: für Magicbuswellness.
Davor dürfen wir noch Vancouver Island erobern.
Unsere gebuchte Fähre erreichen wir pünktlich – trotz des ausführlichen Chats mit Ben. Ein wenig so, als wäre alles minutiös geplant gewesen. Ein wenig verrückt ist es schon: wenn alles reibungslos läuft.

Für die Fährüberfahrt habe ich mich extra schick gemacht. Manchmal schwimmen Orcas in diesen Gewässern. Sollte das heute so sein, sollen die mich nur von meiner Schokoseite sehen. Es wäre für uns alle das erste Mal und der erste Eindruck zählt bekanntermaßen. Ich trete also mit pinkem Glitzertop an. Der Kahn tutet lautstark.

Ein Seehund, eine mystische Aussicht auf Vancouver Downtown, die Auferstehung von Keith Flint und ganz viel wildes Blau später weiß ich: es war sinnlos.

Pinkes Glitzer scheint nicht Orcalockstoff Nummer eins zu sein, denn die Riesen lassen sich nicht blicken. Wal-los rollen wir lautstark auf die Insel.
Welcome to Vancouver Island.

Vancouver Island.
Sehnsuchtsort für viele. Der Lonely Planet hat diesem überschaubaren Landstrich eine eigene Ausgabe gewidmet. Wir sind zu allererst mal geschockt.
Blechlawinen rollen sich eng an eng den Berg hoch, der aus Nanaimo herausführt. Fastfoodketten an den Straßenrändern, drängelnde Autos – der Fahrer vor uns hat drei Aufkleber auf der Heckklappe: I love sluts, Tice Nits und Food Guck und gigantische Werbetafeln in Reih. Eine Adlerskultur mit Perlenkette am Straßenrand wundert sich genauso wie wir.

Der erste State Campground ist voll, man schickt uns weiter ins Landesinnere. Hier finden wir allerdings eine herrliche Zuflucht: in einem ruppigen Urwald nahe der Qualicum Wasserfälle.

Und so endet dieser Tag mit Liebe im Herzen: wegen des Waschbärs; mit Zuversicht in der Brust: wegens des Magicbusexpertens und mit Hoffnung zwischen den Fingerspitzen: wegen der Orcas.
Auch wenn die kein Glitzer mögen…
Das nächste Mal werde ich es in einem schwarzweißen Schlauchkleid probieren.