Die Abgabe des Magicbus im Hafen von Baltimore läuft problemlos. Just mit Schlüsselübergabe streiken die Nasen das erste Mal. Es soll ein Auftakt eines langen Nebenhöhlenterrors werden, der uns die nächsten Monate begleiten wird. Das aber wissen wir noch nicht. Die letzten Tage auf amerikanischem Boden verbringen wir im Bett, glaubend, dass es sich lediglich um Reisemüdigkeit handelt.
Am 16. Dezember geht’s über Island nach Paris. Der Vulkan vor Ort bricht nicht aus, so dass wir trotz Verspätung eine Maschine der Play-Airline nach Charles de Gaulle erwischen. In Paris hat sich nichts verändert. Auch nicht unsere Angst vor Taxis. Trotzdem oder weil wir bereits 36 Stunden wach sind. Wir besteigen die Metro und schleppen je 23 Kilo Kilometer quer durch die Stadt. Im Jardin du Luxembourg scheint eine adventliche Sonne. Wir spüren, aber sehen sie nicht, da wir die Augen nicht mehr öffnen können.
17.12.: Hochzeitstag in Paris nach 16 Stunden Schlaf. Am Sacre Coeur singen wir –mittlerweile wieder mit geöffneten Augen—„Imagine“ mit Blick auf die Stadt. Chouchous Frage: Willst Du noch ein Jahr meine Frau sein, wird mit Ja beantwortet. Das Baguette kracht beim reinbeißen, die Patisserie ums Eck führt Schokotörtchen mit Blattgold. Die Welt könnte kaum besser sein. Wenn der glitschige Schnupfen nicht wäre.
Mit dem Zug geht’s nach Bonn, dann nach Bocholt, von dort mit dem Auto nach Potsdam kurz vor den Feiertagen. Das erste Weihnachten ohne Papa. Alle Beteiligten fangen sich Corona ein. Nur wir nicht: unsere Nebenhöhlen sind bereits mit einem anderen Virus infiziert. 2. Weihnachtstag in Eitorf: alle fit, außer uns.
Zwei Tage vor Silvester mit Freunden an der holländischen See. Die Party scheitert einen Tag später an Fieber, Luftnot und notwendiger Präsenz im Heimathafen. Das Meer sehe ich kein einziges Mal, aber die Matratze im Ferienhaus ist weich. Die Reise wird vor Ende abgebrochen.
Silvester / Neujahr. Beim Blick in den Spiegel schaut ein Klingone zurück. Meine Nebenhöhlen haben sich mittlerweile nach außen gestülpt. Wir rufen Claasi an, da ein Gang zum niedergelassenen Arzt noch ausgeschlossen ist: unsere europäische Krankenkasse hat unsere Aufnahme bisher noch nicht rückbestätigt. Die erste Antibiotikakur beginnt.
Erste Januarwoche. Bocholt. Da Mama bald umzieht, wird die alte Wohnung entrümpelt.
Zweite Januarwoche. Hamburg. Ein paar Tage bei Claire, wir sammeln den Magicbus im Hafen wieder ein. Nach zweifachem Mucken springt er bei Schneekälte an.
Dritte Januarwoche. Abfahrt nach Andalusien. Glauben wir noch. Wir kommen bis Südfrankreich. Ein paar sonnige Tage in Meze – mit Blick aufs Meer. Ende des Monats wollen wir uns mit Pia und Werner in Katalonien treffen.
Das Treffen kommt zu Stande: wir verbringen ein paar schöne Tage im Kreis alter Freunde.
Anfang Februar: Weiterfahrt gen Süden scheitert an einem Raubüberfall auf der Autobahn. Die Ortung unseres Handys rettet einen Großteil unserer Sachen, indem wir sie Stunden später wiederfinden. Nicht so der Knaller: die spanische Polizei. Dafür großer Freundschaftsmoment, da Pia und Werner uns zur Hilfe eilen und uns ihre Visakarte als Backup überlassen. Wider Erwarten muss unsere Reise hier nun doch nicht vorzeitig enden.
Erste Februarwoche. Prades. Sonnentage im katalonischen Gebirge. Leider schlägt unerwartet der Nachtfrost im Dachzelt zu. Die nicht gänzlich erholten Nebenhöhlen streiken erneut. Ein paar Tage halten sie sich noch wacker auf Hartschnupfenniveau, das Fieber schlägt erst ab Herault wieder zu – wohin wir uns sonnentechnisch evakuiert haben.
Zweite/ dritte Februarwoche. Das marode Immunsystem zwingt uns aus dem Dachzelt. Zweiter Antibiotikazyklus startet. Wir finden auf dem Campingplatz in Banyuls sur mer ein günstiges Mobilehome mit Blick auf die Pyrenäen: unser Zauberberg. Ab nun heißt es eine Woche komplett flachliegen. Lediglich Antoine – der Campkater—kommt ab und an zu Besuch. Nach 8 Tagen haben wir erstmals wieder einen Funken Kraft, um die zwei Kilometer zum Meer zu laufen. Der Zauberberg soll 12 Tage dauern. Die Nebenhöhlen lassen die Hälfte an Luft wieder durch, nur ein Restschnupfen und tiefe Müdigkeit halten sich hartnäckig.
Vierte Februarwoche. Rückfahrt nach Bonn. Dank endlich erhaltener Krankenkassenkarte schaut sich ein HNO die Gesundheitslage mal an: verschleppt. Pech. Mama zieht in Bocholt um. Jede Hand wird nun gebraucht.
Erste Märzwoche. Bonn. Abklappern von Ärzten, nicht alles läuft so problemlos wie erhofft. Immerhin wird die Nase nach knappen 9 Wochen nun endlich etwas besser. Einer meiner liebsten Kollegen stirbt. Es wird mittlerweile dringend Zeit, auf den Jakobsweg zu kommen.
Zweite Märzwoche. Die Organisation von guten 1500 Kilometern zu Fuß startet. Die gekauften Wanderschuhe stellen sich als zu groß, die entstandenen Mittelfußschmerzen als nicht zu klein heraus. Es kommt einem Wunder gleich, dass ich sie noch umtauschen kann: die Schuhe, nicht die Füße. Aus purer Kulanz. Oder Mitleid.
Zweifelsohne sind wir in der körperlich schlechtesten Verfassung unserer Selbst, um Ende März die letzten 1500km von St Chély d´Aubrac in der Occitanie (bis dorthin sind wir in den Jahren 2018 bis 2022 von Bonn aus schon gekommen) bis Santiago in Angriff zu nehmen:
Immunsystem platt, fünf amerikanische Kilo mehr auf den Rippen als Standard, 10 Monate kein Sport mehr gemacht, Mittelfußschmerzen.
Das einzige, das nun noch helfen kann, sind wohl Gebete.
Immerhin werden wir dafür bald am richtigen Ort sein….