Globetrottels-TV deckt auf: Der Songtext, in Kalifornien würde es niemals regnen ist eine verlogene Verschwörung der Hippiekommune. In Kalifornien regnet es –zumindest 55 Jahre nach 1968—sehr wohl. Heute zum Beispiel.
Der Gold Bluff Beach steht am Morgen en gros unter Wasser. Und wir beim Kaffeekochen in Crocs knöcheltief mittendrin.
In der Nacht haben wir uns bereits gewundert, dass das Meeresrauschen in Dolby Surround gespielt wird, ahnend dass es wohl das Echo der Felswände gewesen sein muss. Um acht sieht es eher so aus, als habe der Pazifik uns wirklich komplett umspült: Flut in der Totalen direkt bis an den Bulli ran. Von oben und der Seite.
Das Einpacken im Platzregen macht uns wenig aus. Viel eher sorgen wir uns wegen der Rückfahrt.
Bereits gestern stellte sich der Weg hierher nur ganz eben noch als Magicbus-tauglich heraus. Ein Dauerregen während der Nacht wird die Straßensituation eher herausfordernder als einfacher gemacht haben. Und ganz genau so ist es.
Die Schlaglöcher stellen das kleinste Problem da: da wir die 15 Kilometer bis zum Highway in Schrittgeschwindigkeit fahren, zirkeln wir entweder drum herum oder dippen in Zeitlupe hinein. Das passt. Das Problem aber stellen die Hänge da, die wir wieder rauf müssen. In durchweichtem Schotter und mit Steigungen bis zu 20 Prozent. Das erneut leuchtende Batterielämpchen macht uns auch nicht unbedingt mehr Mut, aber es hilft ja nix: da müssen wir drei nun durch.
Der Bulli kämpft sich im ersten Gang wacker die ersten Berge hoch. Auf dem Schotter aber wird es eng.
Mit schwimmenden Vorderreifen aufwärts, dreht er bei den härtesten Steigungen immer wieder durch – wirklich kein Gelände für einen alten Magicbus, der zu Malaisen neigt, wirklich kein Gelände für dünnhäutige Globetrottels ohne Frühstück im Bauch. Wobei!? Vielleicht war es ja besser so: ein früher Happen wäre auf dieser Strecke vor Aufregung eh wieder retour gekommen.
Nach einer Stunde liegt der Offroad-Alptraum hinter uns. Eindeutig ein „Fun der Klasse B – Moment“: im Nachgang lustig zu erzählen, wenn´s auf einer Party mal langweilig wird, derweil aber uncool hoch drei. Und nun ein Applaus für den Magicbus bitte.
Bis zu unserem Ziel haben wir es heute –Gott sei Dank—nicht weit. Heute Nacht dürfen wir unter den uralten Baumriesen des Redwoodparks übernachten: ein riesiges Glück, auf dem Campground mitten im Park überhaupt ein freies Plätzchen zu bekommen. Das haben wir heute. Und können vom Camp aus auch direkt loswandern.
Es ist anders an den Riesen stundenlang entlang zu wandern, als nur mit dem Auto vorbeizufahren.
Zehn Kilometer haben wir heute zu Fuß Zeit, diese unglaublichen Baum- und Urwaldwunder zu erleben: alte Rinde betatschen, staunend den Kopf immer wieder in den Nacken legen, uns von regenglitzernden Farnen blenden lassen. Auf rotem, weichen Boden wandeln, riesige Tropfen mit der Hand fangen, Kleeblätter zählen, knallblaue Vögel mit Haarschmuck bewundern, uns auf Moosen betten. Chouchou spricht irgendwann mit den Bäumen: gute Zuhörer, seit Jahrhunderten, antworten allerdings tun sie nur still. Ein paar Barfüßler kommen uns entgegen, die „it never rains in southern california“-Fraktion. Gut, dass die kleine Schlange bereits am Anfang des Trails im Unterholz verschwunden ist, die Füße sind also safe.
Die ortsbekannten Roosevelt Elks begegnen uns hingegen nicht und auch die Pumas lassen sich nicht sehen. Eine der nettesten Warnungen überhaupt lesen wir am Trailbeginn zum Big Tree: „If you see cougar, don´t try to hide.“ Weil´s vollkommen sinnlos wäre. So wie alle anderen Verhaltenstipps. Am ehesten hilft wohl ein aufrichtig gemeintes: Good luck.
Der Big Tree ist die Sehenswürdigkeit Nummer eins im Park, weil der Name Programm ist und man sogar mit dem Auto leicht anfahren kann.
The Big Tree, ein Gigant: 90 Meter hoch, ein Umfang von knappen 23 Metern und 1500 Jahre alt. Man steht Schlange, um ein Foto mit dem Riesen zu machen. Ein Schilderwald daneben weist auf noch mehr „big trees“ im Umkreis hin, für die die meisten aber keinen Blick übrig haben. Entsprechend leer sind die Wanderwege.
Über verwitterte Brücken geht für uns alleine weiter durch den Gigantenwald, der neben seinen Dicken noch so viel mehr zu bieten hat:

Bäume, die sich zu einer Bande zusammengeschlossen haben und als Trio gen Himmel wachsen. Krumme Gesellen, die sich nach Astbruch selbst ums Eck geflickt haben. Rindengerippe entkernt mit einer Öffnung nach oben in die Wipfel. Koboldunterschlüpfe so weit das Auge reicht. Sonnenstrahlen auf leuchtenden Pilzen, die wie Blümchen aussehen. Ein plätscherndes Flüsschen.
Am nett plätschernden Flüsschen endet dann auch abrupt unser Weg. Drei Kilometer hinter der letzten Gabelung. Etwas verzweifelt suchen wir nach einer Brücke: aber da ist nichts. Der deutlich ausgeschilderte und gut ausgetretene Pfad führt an diesen dead end – Bach, der zirka einen Meter tief flott fließend vor unseren Augen vorbei rauscht. Das kann doch gar nicht sein. Und jetzt?
Auf drei Kilometer zurück über den Hügel nach mittlerweile 9 gelaufenen Kilometern haben wir ganz und gar keine Lust. Also ab ins Unterholz. Irgendwo bachauf- oder abwärts muss es doch eine besser zu passierende Stelle geben. Eine, in der wir nicht bis zur Hüfte ins Wasser müssen. Natürlich gibt es die.
Mit bloßen Füßen steigen wir ins Wasser. Kalt. Sehr kalt.
Auf den ersten Schritten ist der Gripp noch gut, auch wenn man nicht sehen kann, wohin man tritt. Doch die Füße werden schnell tauber. Fluchend wackeln wir durch das Flüsschen, innerlich schon darauf vorbereitet, dass einer von uns auf jeden Fall gleich im Bach liegt. Doch wider jeglicher Erwartung gelangen wir beide unversehrt ans andere Ufer. Mit trockenen Hosen und mit Blutegeln an der Wade. Wie gut, dass der best-equipted Ehemann von allen tatsächlich ein Handtuch von irgendwo her zaubert, um die Biester schnell abzuwischen. Und um mit trockenen Füßen weiter zu gehen. Belebt und erfrischt den Abhang hinauf bis zur nächsten Weggabelung an der wir unseren Augen nicht trauen. Ich seh wohl nicht richtig…
10 Meter vom Bach entfernt liegt eine Brücke. Abgebaut. Daneben ein Schild: Seasonal bridge.

Seasonal bridge? Von der stand VOR dem Bach rein gar nichts. Nicht mal auf dem Wegweiser drei Kilometer retour. Sacrament!
Aber es ist gut, dass wenigstens die Parkenden Bescheid wissen: über diesen Bach geht’s „off season“ nicht. Für die Wandernden jenseits des Wassers ist die Information ja nicht unbedingt von Belang.
Bestens durchgekneipt erreichen wir mit frischen Zehen unser Camp. Die Nudeln mit Pilzen und doppelt Sahne haben wir uns nun wirklich verdient. Kochen in vereinzelten Strahlen der Abendsonne, die durch das dichte Blätterdach fällt. Der blaue Vogel mit schwarzem Kopfschmuck kommt vorbei geflogen, staunt über die Portionsgrößen und beschwert sich krächzend, dass für ihn nichts abfällt.
Du! Du frecher Piepmatz! Bist Du hier heute mit durchdrehenden Reifen angereist? Nee, oder?
Du! Du kiebiges Vögelchen. Hast zwar einen kaiserlichen Kopfschmuck und königsblaues Gefieder, aber bist Du gerade barfuß durch einen eiskalten Bach gewatet? Nee, oder?
Du! Du vorlautes Federtierchen. Hast Du vor ein paar Minuten mit gierigen Blutegeln gekämpft? Ich glaube es eher nicht.
Daher ist die doppelte Sahne nur für Chouchou und mich. Mit einer extra Portion Parmesan obendrauf.
Flieg Du, Du wunderschöner, kleiner Dieb und Kind der Sonne, mal ganz schnell weiter goldene Würmchen suchen.
Denn das nächste Abenteuer wartet nicht lange.
Weder auf die Globetrottels, noch auf nordamerikanische Verwandte der Blauhäher.
















komme ja kaum noch hinterher….
https://www.parks.ca.gov/pages/415/files/PrairieCreekElkCampMap061516.pdf