{"id":3415,"date":"2024-04-11T09:04:24","date_gmt":"2024-04-11T08:04:24","guid":{"rendered":"https:\/\/globetrottels.net\/?p=3415"},"modified":"2024-04-11T12:39:33","modified_gmt":"2024-04-11T11:39:33","slug":"nicht-den-hampelmann-geben-muessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/globetrottels.net\/?p=3415","title":{"rendered":"Nicht den Hampelmann geben \u2014m\u00fcssen"},"content":{"rendered":"<div class=\"postie-post\"><!DOCTYPE html> <html> <head> <meta charset=\"utf-8\"\/><br \/>\n<\/head> <body> Um 03:33h werde ich wach. Das mag an der Sonnenfinsternis in den USA liegen \u2014 w\u00fcrde die belgische Sozialarbeiterin meinen. Tats\u00e4chlich aber weckt mich ein unspezifisches Unwohlsein, das ich zuerst nicht konkret benennen kann. 30 Minuten w\u00e4lze ich mich hin und her, dann hab ich\u00b4s: es ist \u00c4rger. Ein \u00c4rger \u00fcber die Szenerie. Hereingerutscht in etwas, das wir bisher noch nie selbst erlebt. Bis gestern. Das erste Mal haben wir eine franz\u00f6sische Blasiertheit erlebt, von der wir dachten, es g\u00e4be sie nur im B\u00fcchlein der Vorurteile. Ein bornierter Zusammenschluss der Grand Nation gegen die deutschen Kretins. Das war es, was \u00fcber dem gestrigen Abend schwebte, was wir beide aber nicht greifen konnten. Es passt, dass die (auch des Deutschen m\u00e4chtige) Gastgeberin uns beim Fr\u00fchst\u00fcck \u2014gef\u00fchlt zur Best\u00e4rkung aller\u2014  fragt, wie man \u201edelicieuse\u201c denn nochmal auf Deutsch sagt!? Ein \u201elecker\u201c knallt \u00fcber den Tisch und fegt alles feingeistige hinfort. Die selbstgemachten Konfit\u00fcren gelieren eine Nummer fester in den Gl\u00e4sern, ein St\u00fcck Butter schweigt steif. Ein grobes Volk, diese Deutschen. Wir wissen, dass ein \u201eAchtung! Schmackhaft.\u201c auch nichts mehr gerettet h\u00e4tte. Heute morgen scheinen alle froh, als wir endlich vom Hof dackeln. \u201eDackeln\u201c, nicht \u201epromenieren\u201c.&#8220;\/><\/p>\n<p>In Montcuq decken wir uns erstmal mit Croissants ein. Ein \u00e4lterer Herr spricht uns auf der Stra\u00dfe an: ob wir den Jakobsweg suchten!? In der Tat, das tun wir. \u201eAn den B\u00e4umen, die in der germanischen Mythologie das Zentrum der Welt bedeuten einfach links,\u201c sagt er im herzzerreissenden Sprachstakkato der m\u00fchsam gegen Parkison K\u00e4mpfenden. Und schl\u00fcrft mit seinen Hausschuhen von dannen.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns gehts heute durch sehr viel Matsch. Teils an Seilen hoch und runter ziehen und schleppen wir uns durch einen Wald, der durch das n\u00e4chtliche Gewitter komplett aufgeweicht scheint.<br \/> Mehrfach m\u00fcssen die Hufe ausgekratzt werden, von einem Vorbeiziehenden lernen wir, dass die Franzosen dies \u201everliebte F\u00fc\u00dfe\u201c nennen. Sohle \u201ein love\u201c mit Matsch. Ein Romantiker also, der vorbei ging.<br \/> Sch\u00e4fchen auf den Weiden \u2014mehr Minis, als Erwachsende. Alle mit langen Schw\u00e4nzchen. Dicke Wolken, die drohend \u00fcber dem Tag schweben, uns aber (zumindest bis zum Ende) weitestgehend in Ruhe lassen. Ein Verlaufen im mystischen Mooswald.<\/p>\n<p>An einem Hof ein Pilgercaf\u00e9 gegen Spende. Drei urige Schwarzw\u00e4lder sitzen schon dort, zwei Outdoorjungs im besten Alter und kurzen Buxen kommen vorbei: sie schlafen bis Santiago im Wald. Chouchous Starbucks im Lot: das letzte seiner Art. Denn kurz darauf wechseln wir in ein neues Depart\u00e9ment: Tarn-et-Garonne.<br \/> Und finden den Schlafsack der Outdoorjungs am Wegesrand. Chouchou packt ihn ein und schleppt ihn die n\u00e4chsten f\u00fcnf Kilometer mit. Und tats\u00e4chlich findet das S\u00e4ckchen dank dieser freundlichen Pfadfindertat sein Herrchen in Lauzerte wieder: am Intermarch\u00e9 kommen die zwei Outdoorhelden uns bedr\u00f6ppelt entgegen.<br \/> Das Wiedersehen macht Freude. Auch wenn nat\u00fcrlich so cool getan wird, als w\u00e4re es kein Ding gewesen, im Regen bei f\u00fcnf Grad auch ohne Schlafsack im Wald zu pennen.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich Wind und klatschkalter Wolkenbruch. Einmarsch in der Gite communale in Lauzerte mit wehendem Poncho und im Volldeppenlook. Wir bekommen das allerletzte Zweibettzimmer \u2014 Corinne ist den Rest des Jahres komplett ausgebucht. <\/p>\n<p>Dieses Giteleben bleibt f\u00fcr uns gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig. Umso mehr, da wir wegen der Sprachbarriere nie so wirklich mit dazu geh\u00f6ren, sondern Fremde bleiben. <\/p>\n<p>Vielleicht ist ja das eine der tausenden an Erkenntnissen und Erlebnisse, die dieser Weg f\u00fcr uns bereit hat: sich fremd f\u00fchlen. Nicht verstehen, nicht verstanden werden. <br \/> Nicht dazu geh\u00f6ren \u2014 m\u00fcssen. Anders sein \u2014 d\u00fcrfen. Nicht den Unterhalter am Tisch spielen \u2014 m\u00fcssen. R\u00fcckzug in der Gruppe \u2014- d\u00fcrfen.<br \/> Beobachtende sein. Am Rande des Spielplatzes stehen, nicht sicher, ob man jetzt lieber mitspielen m\u00f6chte oder ob es auch mal ganz entspannend ist, nicht in der Dynamik der anderen mitmaggeln \u2014 zu m\u00fcssen. F\u00fcr sich bleiben \u2014d\u00fcrfen. Das aushalten.<\/p>\n<p>Und so gibt heute der Kanadier neben mir den Hampelmann. M\u00f6glicherweise mit den gleichen Fragen im Bauch.<br \/> Wohltuend, mal die Klappe zu halten\u2026.<\/p>\n<p><\/body> <\/html><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um 03:33h werde ich wach. Das mag an der Sonnenfinsternis in den USA liegen \u2014 w\u00fcrde die belgische Sozialarbeiterin meinen. 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